Hilflos beobachtet Reto Werner am Bildschirm, wie die Kurse seiner Airlineaktien abstürzen. Auch die Titel des Rückversicherers, die sich eben noch so schön von ihrer Krise erholt haben, werden mitgerissen. Vergeblich hat Wer­ner in den vergangenen Tagen versucht, den Kundenberater seiner Bank zu kontaktieren, um die Titel zu verkaufen und die seit Jahresbeginn erzielten Gewinne ins Trockene zu bringen. Dieser ist ebenso krank wie manche seiner Kollegen. Und jene, die noch arbeiten, sind völlig überlastet. Nun versucht der ansonsten konservative Werner bei einem Online-Dienst ein Depot zu eröffnen. Das gelingt zwar – doch scheitert die Auflösung des Depots bei der bisherigen Bank, weil die Filiale wegen der ­vielen Krankheitsfälle aus Sicherheits­gründen geschlossen werden musste.

Fürwahr eine Horrorvorstellung für Hobbytrader genauso wie für langfristig ausgerichtete Investoren wie Reto Werner. Doch das Szenario wirkt zumindest für Banken, Versicherungen und die Post oder Vermögensverwalter real genug, dass sie sich seit Monaten intensiv auf die Folgen einer Pandemie vorbereiten, wie sie bei der Schweinegrippe befürchtet wird. Und manchen Anlegern steckt noch der Schrecken aus der Zeit nach dem Konkurs von Lehman Brothers in den Knochen. Kundenberater waren nicht mehr erreichbar, das Handelssystem überlastet, und bei strukturierten Produkten konnten einzelne Emittenten keine Kurse mehr stellen.

Die Auswirkungen könnten bei einer Grippepandemie noch viel weiter gehen. Kaum vorstellbar sind die Folgen, wenn sich zum Beispiel das Virus im Börsenhandelsraum an der Wall Street ausbreiten würde. Selbst bei der vollelektronischen Schweizer Börse wirkt eine Vielzahl von Menschen bei der Datenaufbereitung und der Abwicklung von Transaktionen mit. Gefährlich würde es auch für die Datenaufbereitung von Informationsplattformen wie Telekurs, Bloomberg oder Reuters, die Zahlungsabwicklung bei Kreditkartenfirmen oder der Post sowie das Asset Management bei Versicherungen.

Glücklicherweise lassen sich solche Szenarien noch im Konjunktiv beschreiben. Vieles deutet darauf hin, dass wir noch einmal Schwein gehabt haben und die Schweinegrippe weit weniger gravierend verläuft, als in diesem Sommer befürchtet wurde. Mit der kalten Witterung im Herbst könnte sich aber eine zweite Welle ausbreiten wie schon bei früheren Pandemien. Diese fallen in der Regel wesentlich heftiger aus. So wird in London für den Herbst mit der Erkrankung von bis zu einem Drittel der Bevölkerung gerechnet. Ein weiteres Verbreitungsrisiko droht, wenn sich nach Ende des Ramadan Millionen von Muslimen zur Pilgerfahrt nach Mekka aufmachen.

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in den letzten knapp zehn Jahren nach Sars und Vogelgrippe nun schon zum dritten Mal vor einer Seuche mit Pandemiepotenzial gewarnt und erstmals seit über 40 Jahren die höchste Warnstufe deklariert. Für den Fall einer Pandemie in der Schweiz sind die Unter­nehmen in der ­Finanzbranche nicht nur zum Schutz der Arbeitnehmer verpflichtet – sie müssen gemäss Aktienrecht auch die Geschäftstätigkeit fortführen können. Die Revisions­stellen müssen die Massnahmenpakete testieren. Die Finanzmarktaufsicht Finma hat die Banken explizit aufgefordert, bis Ende Jahr diese Strategien umzusetzen.

«Wir beschäftigen uns schon seit 2005 mit einer Pandemie», erklärt UBS-Sprecher Andreas Kern. Mit Informationskampagnen und Notfallpaketen für die Mitarbeiter hat sich die Bank auf diesen Fall offensichtlich wesentlich besser vorbereitet als auf die Finanzkrise. Swiss Life hat wie zahlreiche andere Firmen auch besonders wichtige Abteilungen wie das Asset Management mit Laptops ausgerüstet und die Datenleitungen ausgebaut, um notfalls Heimarbeit zu ermöglichen. Der Online-Börsenhändler Swissquote hat schon vor zwei Jahren die Leistungsfähigkeit seiner Handelssysteme für die Kunden auf extreme Situationen ausgerichtet. ­Spezifisch für eine Grippepandemie erwägt CEO Marc Bürki die geografische Trennung der Zahlungs- und Transaktionsverarbeitungen. An Post- und Bankschaltern soll das Geld sodann mit Handschuhen gezählt werden, weil Viren auf Banknoten bis zu zwei Wochen überleben können. Zudem soll es Kunden erlaubt werden, die Schalterhallen mit Mundschutz maskiert zu betreten.

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Und wie soll sich Reto Werner vor­bereiten? «So wie auch sonst, um in ausserordentlichen Situationen finanziell handlungsfähig zu bleiben», rät Thomas Metzger vom VermögensZentrum (siehe Finanztipps links). Anleger sollten zudem nicht bloss langfristig ausgerichtet sein, wenn die Börse nach oben geht, und bei Korrekturen nach unten in kurzfristigen Aktivismus verfallen. Vielmehr muss auch in turbulenten Zeiten an der breit diversifizierten Strategie festgehalten und allenfalls nur taktisch die Aktienquote reduziert werden. Um diese Talfahrt ohne Schaden zu überstehen, können Anleger mit bedingten Verkaufsaufträgen (Stop Loss Limit oder Stop Limit) die Kurs­erholungen seit März absichern. Egal ob eine Pandemie oder andere Gründe zu einem Börseneinbruch führen: Es lassen sich so Verluste limitieren und Liquidität schaffen, damit später bei günstigeren Kursen wieder eingestiegen werden kann.

Auch UBS-Pharma­analyst Stefan Schneider hat keine spezifischen Tipps. «Zurzeit ist die Grippe für die Börse ein Non-Event.» Das stimmt, wie die Grafiken auf Seite 85 zeigen. Im Gegensatz zur Asiatischen Grippe Ende der fünfziger Jahre oder zu Sars vor sechs Jahren sind bisher keine Reaktionen ersichtlich. Allerdings haben Pandemien durchaus markante Auswirkungen auf Wirtschaft und Börsen. Sars drückte 2003 das Bruttoinlandprodukt in den betroffenen Gebieten Asiens um bis zu 2 Prozent, die Börse in Hongkong brach in diesem Zeitraum um 6,5 Prozent ein. Und auch frühere Pandemien wie die Spanische Grippe von 1918, die Asiatische Grippe von 1957/58 oder die Hongkong-Grippe Ende der sechziger Jahre fielen mit heftigen Kurseinbrüchen zusammen. Die Ursachen für die Börseneinbrüche mochten oft andere sein, doch die zeitliche Korrelation mit den Epidemien ist augenfällig. Nach Berechnungen von Weltbank und dem Budget-Büro des amerikanischen Kongresses könnte eine Schweinegrippepandemie das BIP weltweit um bis zu fünf Prozent belasten.

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Es gibt aber nicht nur Verlierer. Während Reisebranche, Anbieter von Freizeitaktivitäten und Versicherer unter Druck stehen, profitieren Pharmaunternehmen, Her­steller von Gesundheitsartikeln sowie ­Informatik- und Telekomanbieter. Und im Anschluss an eine Krise fand immer eine kräftige Erholung sowohl der Wirtschaft als auch der Börsen statt.

Die Gewinner

Impfstoffe: Impfstoff- und Medikamen­tenhersteller profitieren, wie die günstig bewertete Sanofi-Aventis, weltgröss­ter Impfstoffproduzent.

IT-Hardware: Logitech und Philips sind attraktiv bewertete Anbieter von IT-Infrastruktur für Heim­arbeiten. Philips profitiert auch im Medizinsektor.

Hygieneartikel: Gegen Ansteckungen sind Desinfektionsmittel und Schutzkleidung gefragt, etwa von der günstig bewerteten Procter & Gamble.

Die Verlierer

Reisen: Vor allem Fluggesellschaf­ten würden im Pandemiefall unter Druck geraten. So etwa die hoch verschuldete Shanghai Airlines.

Luxusartikel: Verkäufe von Luxusartikeln leiden, weil weniger gereist wird. Besonders anfällig ist Richemont nach der jüngst starken Performance.

Freizeit: Kinos und Restaurants würden gemieden. Stark verschuldet und exponiert ist die deutsch-schweizerische Constantin Medien.