Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, ist die gesamtwirtschaftliche Aktivität weltweit ins Stocken geraten – und das hat weitreichende Auswirkungen für Anleger. Die Volatilität und die Handelsvolumina an den Aktienmärkten sind sprunghaft angestiegen. Weitere Folgen: Die Liquidität ist zunehmend knapp – und der Ausblick für Unternehmensgewinne hat sich verdüstert, was insbesondere für die diesjährige GV-Saison kein allzu gutes Zeichen ist.

Derartige Bedingungen sind höchst ungewöhnlich. Aber: das Potenzial, Überschussrenditen zu generieren, ist recht hoch. Selbst unter so widrigen Umständen wie diesen gibt es Unternehmen und Branchen, die sich nun schnell anpassen, wodurch Chancen für aktive und vorausschauende Anleger entstehen. Ein durchdachter Ansatz, der auf Qualität ausgerichtet ist und auf starken Fundamental-Analysen und quantitativem Research basiert sowie eine hohe Flexibilität im Management der Anlagen, sind jedoch unverzichtbar.

1. Im Fokus: Robuste Unternehmen mit nachhaltiger Wachstumsentwicklung und starken Bilanzen

Das Coronavirus hat die reguläre Nachfrage weltweit durchweg hart getroffen. Deswegen beginnt jede Investitionsentscheidung aus fundamentaler Hinsicht bei der Bilanzprüfung. Starke Bilanzen verschaffen Unternehmen Zeit; angesichts des bisher nie da gewesenen Einbruchs der gesamtwirtschaftlichen Aktivität ist Zeit das, was alle am meisten brauchen. Niemand weiss, wie lange die Abschwächung anhalten wird.

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Chinas Erfahrung bietet einige Anhaltspunkte, die jedoch nicht alle für Europa und die USA gelten. Unternehmen sind interessant, die zu den Vorreitern des technologischen Umbruchs gehören und zudem über ausreichend Liquidität verfügen, um lang anhaltende Ausgangssperren bzw. Shutdowns durchzustehen.

2. Aus Chinas Erfahrung lernen: Verbraucher erholen sich als letzte 

In China verlangsamt sich die Coronavirus-Epidemie zusehends – und die gesamtwirtschaftliche Aktivität beginnt wieder anzuziehen. Die Industrieproduktion hat fast wieder ihr normales Niveau erreicht. Die Hersteller befinden sich nach eigenen Angaben bei 80 bis 90 Prozent ihrer normalen Kapazität. Die Besucherzahlen in Einkaufszentren haben sich jedoch erst zur Hälfte erholt und auf normalem Niveau eingependelt. Es besteht die Gefahr einer zweiten Infizierungswelle in den Regionen, die am meisten für wirtschaftliche Aktivitäten geöffnet sind, einschließlich Hongkong und einiger Küstenstädte.

Man kann damit rechnen, dass sich die Lage in Europa letztendlich normalisieren und dass in den USA eine ähnliche Entwicklung stattfinden wird. Das heisst, dass Konsumsektoren vermutlich als Letzte zur Normalität zurückkehren werden. Substanzaktien von Einzelhändlern und Restaurants, die sich während Rezessionen in der Regel gut entwickeln, werden voraussichtlich dieses Mal zu kämpfen haben. Denn die meisten Unternehmen sind geschlossen oder haben deutlich weniger Laufkundschaft.

3. Investments aus Perspektive der Generation Y beurteilen 

Aussichtsreichen Gelegenheiten in Unternehmen und Sektoren, die auf die Interessen der Generation Y ausgerichtet sind, sind ebenfalls einen Blick wert. Dazu zählen technologiebasierter Konsum, gesunde Lebensweise und Erlebnisprodukte bzw. -dienstleistungen sowie nachhaltige Lebensweisen. Die Pandemie zwingt mehr Menschen, das Verhalten und die Werte der Generation Y zu übernehmen.

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Nehmen wir zum Beispiel Technologie: Immer mehr Aktivitäten – wie arbeiten, soziale Kontakte pflegen, Filme schauen – finden online statt. Unternehmen, die keine starken Digitalstrategien haben, etwa grosse Ketten und Einkaufszentren, werden weiter leiden. Unternehmen mit starken Digitalstrategien sollten in diesem Umfeld in der Lage sein, ihre Marken zu stärken und ihren Marktanteil auszubauen.

Zu den Hinterlassenschaften dieser Pandemie wird ein historisches Niveau an staatlicher und Kapitalmarktunterstützung für Innovationen im Gesundheitswesen gehören. Die CEOs von Genomforschungsunternehmen berichten, dass Probleme, an denen jahrelang gearbeitet wurde, nun über Nacht gelöst werden. Denn im Rennen um einen Impfstoff haben alle dasselbe Ziel vor Augen – und so hat sich die Zusammenarbeit mit Regierungen und Konkurrenten drastisch erhöht.

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4. Wachstum vor Value – aber Qualität ist der Schlüssel

Trotz der jüngsten Marktturbulenzen sind die Faktorrenditen bei Aktien erstaunlich beständig. Anders formuliert: Wachstum wird auch weiterhin besser als Value abschneiden. Bestimmte Value-Chancen sind vielleicht in den am besten kapitalisierten Marktsegmenten vorhanden. Aber Unternehmen mit starken Bilanzen und hohen Zinsdeckungsquoten können dem aktuellen Sturm unserer Ansicht nach am ehesten trotzen – während Firmen, deren Verschuldung auch marginal höher ist, von Anlegern vermutlich abgestraft werden.

5. Geringere Liquidität mit Handelskompetenz und aktivem Management begegnen 

Die rekordverdächtigen Handelsvolumina der vergangenen Wochen haben nicht zu mehr Marktliquidität geführt. Da die Kapitalflüsse nur in eine Richtung tendieren, sind die Handelskosten rasant gestiegen. Je nach Region ist die Handelsausführung zwei bis vier Mal so teuer wie normal. Unter derartigen Bedingungen braucht man ein besonders gutes Verständnis für kurzfristige Handelsgeschäfte – und muss genau verstehen, wie die Handelskosten sich auf das Renditepotenzial und andere Investmentaspekte auswirken.

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Luke Barrs ist Head of Fundamental Equity Client Portfolio Management der EMEA-Region bei Goldman Sachs Asset Management.