In Sachen medizinischer Versorgung gehört das Schweizer Gesundheitswesen zu den besten der Welt, doch in Sachen Digitalisierung eben dieses lässt der Erfolg zu wünschen übrig. Daran haben auch die beiden Pandemiejahre nicht viel geändert. Langwierige Regulierungsprozesse, mangelnder politischer Wille und diffuse Ängste bei der Bevölkerung sind die Hauptgründe dafür.

Insellösungen verursachen unnötige Kosten

Ein anschauliches Beispiel für das mangelhafte Digitalisierungsverständnis der helvetischen Gesundheitsbranche sind die aktuell sieben verschiedenen regionalen elektronischen Patientendossiers, die physisch an einem Postschalter eröffnet werden müssen und nicht miteinander verknüpft werden können.

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Für Philomena Colatrella, CEO des grössten Schweizer Grundversicherers CSS, sind das unhaltbare Zustände. «Heute sind die Gesundheitsdaten dezentral verstreut und werden meist nur bei Überweisungen an andere Leistungserbringer übergeben. Existierende Systeme sind Insellösungen, die untereinander nicht kompatibel sind», konstatiert sie. «Das hat zur Folge, dass wichtige Informationen bei Behandlungen fehlen oder bereits erfolgte Abklärungen wiederholt werden müssen und unnötige Kosten verursachen.» 

Mehrwert für alle Beteiligten

Als vehemente Verfechterin eines digitalen Gesundheitswesens setzt sie sich für eine digitale Schnittstelle in Form eines Daten-Trust-Centers ein. Dessen Grundprinzip: eine unabhängige, umfassende und flexible Struktur für die Datenverwaltung. In dieser können personenbezogene Gesundheitsdaten von einer unabhängigen Drittpartei – dem Trust Center – verknüpft werden, ohne dass bei einem Austausch von Daten Rückschlüsse auf einzelne Personen gemacht werden können.

«Ein Data Trust würde es den Versicherten, den Leistungserbringern, der Wirtschaft und der Forschung ermöglichen, qualitativ hochwertige, strukturiert aufbereitete und aktuelle Gesundheitsdaten zu verwenden», erklärt Colatrella. Während das Patientendossier eine Informationsplattform darstelle, sei ein Trust Center zudem eine Schnittstelle. «Dies hätte es in der Pandemie beispielsweise ermöglicht, den Gesundheitszustand der Schweiz quasi in Echtzeit zu verfolgen.»

Public Private Partnership als Trägerschaft

Die Umsetzung eines Trust Centers könnte zum Beispiel in Form einer Public Private Partnership erfolgen. «Wichtig ist, dass der Bundesrat eine dezidierte Gesamtstrategie festlegt und diese konsequent umsetzt und dass vorab verschiedene regulatorische und infrastrukturelle Umsetzungsfragen geklärt werden, die eine sichere Nutzung der Daten erlauben.» Zudem müssten die Endnutzer, also die Versicherten, von Anfang an ins Projekt einbezogen werden und stets die Hoheit über ihre Daten haben. «Sie sind es, die den einzelnen Leistungserbringern Zugriff darauf erteilen.» 

Ziel sollte es sein, mittels Technologie und Regulierung ein digitales Ökosystem zu schaffen, das eine vertrauenswürdige Nutzung von Daten ermöglicht und die Datensouveränität des Einzelnen wahrt. Dazu sind staatliche Rahmenbedingungen nötig, die den Datenaustausch klar regeln. «Das Bedürfnis der Versicherten nach Selbstbestimmung und Selbstverwaltung wird in den kommenden Jahrzehnten noch zunehmen», ist Philomena Colatrella überzeugt. «Und warum sollte eine Patientenakte in der Schublade einer Arztpraxis sicherer sein als eine digitale Ablage?» Bis es auf diese Frage eine einstimmige Antwort gibt, dürfte es noch eine Weile dauern.