Was hat Sie mehr geschmerzt: Corona – oder die Situation beim «dritten Beitragszahler», dem Kapitalmarkt?
Roman Sonderegger:
Diesen Vergleich würde ich nicht wagen. Corona hat viel Leid über die Gesellschaft gebracht. Aber ja, auch ein Börsencrash wie derjenige im Frühling 2020 führte zu einigen Sorgenfalten.

Der Bundesrat hat die Krankenversicherer angewiesen, die Reserven zu reduzieren. Was sagen Sie dazu?
Eine angemessene Reduktion ist möglich und auch vernünftig. Insofern begrüsse ich den Entscheid des Bundesrates. Wir können nun bei den Prämien «knapper» kalkulieren und zahlen in einer ersten Tranche 76 Millionen Franken zurück an unsere Kundinnen und Kunden. Etwa 80 Prozent von ihnen profitieren damit von einer Prämienreduktion. Mir ist es wichtig, dass unsere Versicherten nicht nur einen Einmaleffekt spüren. Deshalb möchte ich den Reservenabbau über mehrere Jahre staffeln.

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Roman Sonderegger

Funktion: CEO Helsana, Zürich

Geboren: 21. Februar 1973

Wohnort: Luzern

Familie:  langjährige Lebenspartnerin, keine Kinder

Ausbildung: Betriebsökonom HWV; Executive MBA HSG

Karriere:

  • Seit Januar 2021 CEO Helsana
  • Seit Mai 2017 Mitglied der Geschäftsleitung, verantwortlich für den Geschäftsbereich Finanzen und Versicherungstechnik
  • Februar 2013 bis April 2017 Leiter Bereich Krankenversicherungen (Advisory Director), PWC Schweiz
  • Februar 2013 bis Februar 2014 im Auftrag der Finma, CEO und CFO ad interim, Assura
  • 2002 bis 2011 diverse Leitungsfunktionen, CSS Versicherung AG, zuletzt stellvertretender Konzernbereichsleiter «Leistungen»

Die Kosten werden wieder steigen – Stichwort Demografie und medizinisch-technischer Fortschritt. Das wird die Prämien langfristig anheizen, was Sie in einen Zielkonflikt bringt.
Genau deshalb wollen wir den Reservenabbau über mehrere Jahre staffeln. Ausserdem würde ich nicht von Zielkonflikt sprechen. Vielmehr müssen wir die Menschen vor einem Trugschluss bewahren: Wir können die Prämienentwicklung nun kurzfristig mittels Reservenabbau äusserst moderat gestalten. Doch das Wachstum der Gesundheitskosten hält weiter an – seit einigen Jahren zwar auf deutlich tieferem Niveau als in früheren Jahren. Aber der Trend bleibt ungebrochen. Wenn wir irgendwann das erforderliche Mass an Reserven abgebaut haben und just in dem Jahr die Gesundheitskosten überdurchschnittlich steigen sollten, wird sich das in einem entsprechend starken Prämienanstieg niederschlagen. Davor wollen wir unsere Kundinnen und Kunden bewahren.

Der Prämienanstieg könnte durch neue, teure Medikamente zusätzlich angeheizt werden.
Es gibt heute Medikamente, die praktisch «personalisierbar» sind und sehr viel kosten. Noch ist nicht abschliessend geklärt, wie man damit umgehen soll. Und ja, das kann sich auch auf die Prämien auswirken. Umso wichtiger ist es, dass man bei Reformen wie dem neuen ambulanten Arzttarif Tardoc oder bei der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen zügiger vorankommt.

Der Bundesrat hat ein Kostensenkungsprogramm initialisiert und geht von einem Einsparpotenzial von mehreren hundert Millionen Franken aus. Konnten die Krankenversicherer da mitreden?
Das wäre wünschenswert gewesen, hat aber nicht stattgefunden. Die Ärzteschaft konnte übrigens auch nicht mitreden. Eine Expertengruppe hat 34 Massnahmen ausformuliert – die Grundlage ist uns leider unbekannt. Anschliessend wurden zwei Kostensparpakete geschnürt. Es war so ähnlich wie das Kaninchen, das buchstäblich im schwarzen Hut verschwindet – und plötzlich springt ein grüner Frosch heraus. Ein Teil des ersten Pakets ist nun verabschiedet, dürfte aber kaum Wirkung erzielen. Vielmehr bürdet man der Branche noch mehr Regulierung auf. Spannend wird der November, wenn die Botschaft zu den Kostenzielen als indirekter Gegenvorschlag zur Initiative der Mitte-Partei ans Parlament geht.

«Unser Gesundheitswesen ist teuer und hat viel Potenzial punkto Effizienz.»

Roman Sonderegger, CEO Helsana

Sie sind also mit den vom Bundesrat vorgeschlagenen Kosteneinsparungen nicht zufrieden?
Die Kosten sollen sinken, das finden wir auch. Aber die aktuellen Bestrebungen des Bundesrates hinterfragen wir doch sehr kritisch. Im Grunde genommen wird der Versuch unternommen, Top-down-Vorgaben in einem Bottom-up-System zu machen, und zwar ein Jahr im Voraus. Auf nationaler Ebene soll – wie auch immer – ein Wert für das Kostenwachstum festgelegt werden, der auf die Kantone und dort dann auf die verschiedenen Gruppen von Leistungserbringern heruntergebrochen wird. Und eben, das Ganze ein Jahr im Voraus. Wir Krankenversicherer müssen die Kostenentwicklung im Zuge der Prämieneingaben ein halbes Jahr vorher kalkulieren – und das ist sehr herausfordernd. Insofern kommen die Bestrebungen des Bundesrates wahrscheinlich nicht sehr gut, denn eine solche Planung scheint mir realitätsfremd.

Warum?
Weil sich unsere Gesundheitsversorgung immer weniger ausschliesslich innerhalb kantonaler Grenzen abspielt. Heute müssen wir über Versorgungsregionen sprechen, überregional denken und planen. Das ist auch eine wesentliche Erkenntnis unseres Regionen-Reports, den wir letztes Jahr veröffentlicht haben.

Das Schweizer Gesundheitswesen ist das teuerste nach dem der USA. Gleichzeitig ist es geprägt von Ineffizienz und Intransparenz. Wie sähe Ihre Lösung aus?
Unser Gesundheitswesen ist teuer und hat viel Potenzial punkto Effizienz. Auf der anderen Seite muss man sagen: Es funktioniert gut. Das haben wir besonders über die letzten eineinhalb Jahre bestätigt bekommen. Aber ich glaube, wir haben wohl zu viele Spitäler. Eine Beschleunigung der laufenden Bereinigung wäre begrüssenswert. Es muss nicht immer eine Schliessung sein. Wichtiger ist eine Besinnung und Fokussierung auf eigene Kernkompetenzen. Insbesondere muss aber auch viel mehr ambulant operiert werden. Da sind wir international bei den Schlusslichtern.

Helsana

Die Helsana ist eine nicht börsenkotierte Aktiengesellschaft und im Bereich der sozialen Krankenversicherung (Bundesgesetz über die Krankenversicherung, KVG) tätig.

Sie beschäftigt schweizweit über 3400 Mitarbeitende und nimmt mit einem Prämienvolumen von rund 7,1 Milliarden Franken eine führende Position im Schweizer Versicherungsmarkt ein.

Mit einem Angebot in den Bereichen Grund-, Zusatz- und Unfallversicherung sowie Krankentaggeld schützt Helsana über zwei Millionen Menschen gegen die finanziellen Folgen von Krankheit, Unfall, Mutterschaft und Pflegebedürftigkeit im Alter.

Helsana entwickelt für über 60'000 Firmen und Verbände Versicherungslösungen zur Abfederung wirtschaftlicher Folgen von krankheits- oder unfallbedingten Absenzen.

Aber kein Politiker will mit solch unpopulären Massnahmen seine Wählerschaft vergraulen.
Solange sich in einigen Kantonen Gesundheitspolitik mit Wirtschaftspolitik und Standortförderung vermengt, wird es keinen nennenswerten Fortschritt in diesem Thema geben. Aber es geht nicht nur um Politiker und Politikerinnen. Einerseits besteht die Bevölkerung auf eigene Strukturen. Anderseits versteht sie nicht, wieso die Gesundheitskosten stetig zunehmen und sich in den Prämien niederschlagen.

Spitäler allein bilden das ganze Problem aber kaum ab.
Mit einem neuen, zeitgemässen Tarifsystem für ambulante ärztliche Leistungen hätte man einen Kostenhebel und würde gleichzeitig auch etwas für Qualität und gegen Überversorgung tun. Das aktuelle System ist antiquiert. Die Medizin hat in Technik, Diagnose und Therapie in den letzten Jahren derart grosse Entwicklungssprünge geleistet, dass es endlich Zeit für eine grundlegende Anpassung des Tarifsystems wird. Dem Bundesrat liegt bereits ein pfannenfertiger, zeitgemässer und ausgewogener Vorschlag vor. Und natürlich die einheitliche Finanzierung der Leistungen durch die Krankenversicherer – auch ganz wichtig.

«Durch die konsequenten Verhandlungen mit den Spitälern konnten wir die durchschnittlichen Fall­kosten um rund 15 Prozent senken.»

Roman Sonderegger, CEO Helsana

Sie verhandeln sehr hart mit den Spitälern. Was sind die Hintergründe Ihrer oft sehr kompromisslosen Haltung?
Diese Konsequenz ist für die Durchsetzung der Verhandlungsforderungen im Namen unserer Versicherten sehr wichtig. Wenn die Preisforderungen eines Spitals oder Arztes höher als der Kundennutzen der angebotenen Mehrleistungen sind, schliessen wir keinen neuen Vertrag für Leistungen der Zusatzversicherung ab. Die neuen Zusatzversicherungsprodukte, die wir vor einigen Jahren eingeführt haben, geben uns die Möglichkeit, Spitäler von der Zusatzversicherung auszuschliessen.

Und das wirkt?
Wir machen gute Erfahrungen mit unseren neuen Spitalversicherungen – vor allem geben sie uns gegenüber den Spitälern deutlich mehr Verhandlungsmacht. Durch diese konsequenten Verhandlungen konnten wir die durchschnittlichen Fallkosten um rund 15 Prozent senken. Erfreulicherweise hat bereits über ein Drittel der Versicherten ins neue Zusatzversicherungsprodukt gewechselt, in einigen Kantonen sind es mehr als 45 Prozent.

«Vor allem das Miteinander ist wichtig.»

Roman Sonderegger, CEO Helsana

Die Versicherten sind allerdings verunsichert und fragen sich, ob sie noch in «ihr» Spital gehen können, wenn der Eingriff fällig ist.
Wir lassen niemanden im Regen stehen – im Gegenteil. Zusatzversicherten, die sich in einem Spital stationär behandeln lassen wollen, das auf unserer Negativliste aufgeführt ist, bieten wir angemessene Alternativen. Wir sind in der Pflicht, die Gesamtheit unserer Versicherten und den damit verbundenen Solidaritätsgedanken im Auge zu behalten. Wir haben uns unseren Versicherten gegenüber für bezahlbare und stabile Prämien verpflichtet.

Es gibt Versicherungen, die Helsana in Sachen Beliebtheit seit Jahren voraus sind. Was machen die anders?
Wir haben in den vergangenen Jahren stark aufgeholt. Wir sind in wenigen Jahren aus dem hinteren Mittelfeld deutlich bis nahe an die Spitzengruppe vorgerückt. Die, die vor uns liegen, scheinen wohl seit Jahren Kundenorientierung besser zu vermitteln als wir. Daran arbeiten wir zurzeit, indem wir beispielsweise unsere Strukturen und Prozesse noch stärker auf die Kundinnen und Kunden ausrichten.

Roman Sonderegger

Helsana-CEO Roman Sonderegger: «Zwei Bundesräte verdienen deutlich mehr als den genannten Betrag».

Quelle: Paolo Dutto

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Bei Helsana gibt es im Zusatzversicherungsbereich für Spitalprodukte nur den Lebensalterstarif und nicht den über die Jahre ausgeglicheneren Eintrittsalterstarif, also je nach Alter beim Abschluss der Versicherung.
Helsana hat praktisch risikogerechte Tarife. In jungen Jahren hat man also eher einen tieferen Preis, im Alter einen höheren. Der Vorteil ist, dass es sich Junge auch leisten können.

Aber für Junge lohnt es sich nur selten, da man die Leistungen kaum bezieht. Und im Alter, wenn man die Versicherung eher braucht, kann man sie sich nicht mehr leisten – das widerspricht doch dem gerade betonten Solidaritätsgedanken.
Wir nehmen sehr viele überdurchschnittlich ältere Jahrgänge bei uns auf. Selbstverständlich zu risikogerechten Preisen. Wie das andere machen, erschliesst sich mir nicht. Fakt ist, dass in der jüngeren Vergangenheit ausschliesslich Produkte mit Lebensalterstarifen zur Genehmigung eingereicht wurden.

Wenn Sie bei der Finma drei Wünsche frei hätten, wie würden sie lauten?
Mehr Augenmass, mehr Miteinander und mehr Pragmatismus. Vor allem das Miteinander ist wichtig. Wir zeigen uns stets kooperativ. Würden uns aber etwas mehr Zeit für bestimmte Umsetzungen wünschen.

Ihr Vorgänger bekam einen Jahreslohn von 755'000 Franken – das ist etwa so viel, wie zwei Bundesräte verdienen. Was verdienen Sie?
Zwei Bundesräte verdienen deutlich mehr als den genannten Betrag.

Verdienen Sie mehr als ein Bundesrat?
Wir folgen dem Krankenversicherungsaufsichtsgesetz und veröffentlichen meine erste Jahresvergütung absolut transparent im nächsten Geschäftsbericht.

Haben Sie Provisionen?
Nein, haben wir nicht. Momentan überarbeiten wir bei Helsana unser Vergütungssystem. Dabei fahren wir die variable Komponente zurück, weil ich glaube, dass sie nicht mehr zeitgemäss ist.

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