Was kennzeichnet eine wirklich innovative Versicherung Ihrer Meinung nach?
Eine innovative Versicherung versichert Risiken, die der Kunde versichern möchte. Mit einer optimistischen und couragierten Auffassung von der Wertschöpfung vertraut sie den Chancen zum Erfolg und geht unkalkulierbare Risiken ein. Sie vertraut dem Wert der Ungewissheit, erkennt darin Erfolgspotenziale und sucht aktiv nach Gelegenheiten, gewinnträchtige Risiken einzugehen. Den Kunden begegnet sie mit menschlicher Wärme auf Augenhöhe und löst ihr Versprechen als Zeichen von Kompetenz ein. Ihre Führungskräfte erkennen die Zeichen der Zeit und richten sich aus eigener Ansicht strategisch neu und schlagen mit entsprechender Orientierung mutig einen neuen Weg ein – unabhängig von der Vorleistung anderer, entschieden und verantwortungsvoll.

Innovationspreis der Schweizer Assekuranz:

Die Branchenplattform HZ Insurance, das Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen, der Schweizerische Brokerverband SIBA, die Swiss Association of Insurance and Risk Managers SIRM, das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz sowie Microsoft Schweiz, verleihen am 11. November 2021 bereits zum 23. Mal den Innovationspreis der Schweizer Assekuranz.

Gehört Innovation in eine bestimmte Versicherungsabteilung, die neue Themen vorantreibt?
Innovation ist das Kerngeschäft der Zukunft. Ob es darum geht, die Wahrnehmung zu verändern, uns eine neue Gewohnheit anzueignen oder eine Branche neu zu definieren – in allen diesen Fällen versuchen wir, eine neue Wirklichkeit zu erschaffen. Innovation bedeutet immer eine Veränderung des Status quo und erfordert daher, dass sich Vertrauen von der aktuellen auf die gewünschte neue Realität verlagert. 

Nehmen wir nun an, Innovation gehöre in eine Versicherungsabteilung: Jemand aus dieser Abteilung findet nun eine Möglichkeit, die Realität zu verändern, möchte daraus ein Geschäft machen und damit das Leben vieler Menschen beeinflussen. Ohne das Vertrauen des Abteilungsleiters und des Topmanagements in die Möglichkeit, dass diese Lösung besser funktionieren könnte als das Althergebrachte, wird es dieser Person nie gelingen, Vertrauen in die neue Wirklichkeit zu gewinnen, was überhaupt die Innovation erst ermöglicht. Nehmen wir einfachheitshalber an, das neue Vorhaben wird vom Topmanagement unterstützt. 

In einem weiteren Schritt müsste das Unternehmen das Vertrauen der Zielgruppe und anderer Marktteilnehmer gewinnen. Dies ist eine anspruchsvolle und dauerhafte Aufgabe, deren Bewältigung für das Unternehmen erfolgsentscheidend ist. 

Um dies zu erreichen, müsste das Topmanagement die gesamte Unternehmensstrategie auf die neu zu erschaffende Realität (neues Werteversprechen) ausrichten bzw. sich gleichzeitig von der herkömmlichen Realität (bestehendes Werteversprechen) loslösen. Denn nur wenn man Vertrauen in das eigene Vorhaben hat, ist man in der Lage, das Vertrauen von externen Marktteilnehmern zu gewinnen. Es ist zweifelhaft, ob es etablierte Versicherungen gibt, die bereit wären, sich von ihren bestehenden Werteversprechen loszulösen, ohne die Sicherheit zu haben, dass das neue Werteversprechen nachweislich besser funktionieren würde. 

Ich bin durchaus der Meinung, dass eine Innovationsabteilung innerhalb eines Unternehmens dazu beitragen kann, dessen Angebotspalette weiterzuentwickeln. Jedoch wird sie nie das bestehende Geschäftsmodell grundlegend transformieren. Dafür müsste das Topmanagement nicht nur Risiko ins Ungewisse eingehen, sondern auch Verantwortung übernehmen für ein Vorhaben, das nicht aus seiner innersten Überzeugung und Visionskraft entstanden ist. 

Die Veränderung des Status quo kann nicht delegiert werden. Innovation gehört zur Kernkompetenz des Topmanagements. Eine Versicherung braucht Führungskräfte, die ihren eigenen Fähigkeiten und Gaben vertrauen und entschlossen sind, den Status quo kontinuierlich zu hinterfragen und zu verändern. Gleichzeitig müssen sie ihre Mitarbeiter dazu befähigen, dasselbe zu tun. Denn nur so können sie ihre Fähigkeit erhöhen, als Unternehmen Werte zu schaffen. 

Dies ist ein HZ Insurance-Artikel

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Die praktische Umsetzung von Innovationen ist oft nicht leicht. Mit welchen Hürden und Problemen muss man rechnen?
Die grösste Herausforderung liegt auf mentaler und emotionaler Ebene. Wenn man Angst davor hat, Produkte zu bauen, die von Kunden missbraucht werden, dann baut man Produkte für die Eventualitäten, um so den möglichen Missbrauch zu verhindern. Daraus resultiert eine Kultur des Misstrauens, in der mit grossem Zeitaufwand die Wertschöpfung behindert wird und Profitchancen verloren gehen. Die Schaffung von Werten ist nur auf Basis von Vertrauen möglich, während ein Mangel an Vertrauen Werte zerstört bzw. diese gar nicht entstehen können.

Wo sehen Sie im Zusammenhang mit Innovation weitere Herausforderungen auf die Assekuranz zukommen?
Versicherer scheuen Risiken und sind nur bereit, Risiken einzugehen, die sie bereits zu verstehen glauben, wodurch massive Innovation-Opportunity-Kosten entstehen. Unternehmen hingegen müssen Risiken eingehen, denn der einzige Grund, weshalb Unternehmen Versicherungen haben, ist, um Risiken einzugehen. Dies verweist auf eine bemerkenswerte Paradoxie: Wie kann es eigentlich sein, dass Unternehmen, deren Funktion das Versichern von Risiken ist, so viel Angst vor Risiko haben?

Mitarbeiter mit innovativen Ideen = innovatives Unternehmen. Geht diese Gleichung auf oder hängt Innovation von ganz anderen Aspekten ab?
Diese Gleichung geht definitiv auf. Allerdings kann diese erst entstehen, wenn Topmanager es geschafft haben, bei sich selbst anzusetzen und ihr eigenes Empfinden, Denken und Verhalten zu verändern. Denn nur dann wird eine dauerhafte und echte Veränderung im Unternehmen umgesetzt werden können. 

In der Praxis geschieht genau das Gegenteil: Wenn man ansatzweise wagt zu hinterfragen, wie Risiko und Produkte definiert werden, dann gibt es erst mal 10’000 Gründe, warum das nicht so ist und nicht geht. Zudem kommen noch Compliance-Beschränkungen hinzu, d. h., man ist konstant umgeben von einer Truppe von Nein-Sagern. Wie soll Innovation entstehen, wenn Menschen glauben, sie hätten keine Option und die Branche bleibe für immer die gleiche?

Dostinja Tomovic, Geschäftsleiterin SIRM
Quelle: ZVG

Dostinja Tomovic ist Beraterin und Geschäftsleiterin der Schweizerischen Vereinigung der Insurance und Risk Manager SIRM. Sie hat zehn Jahre Erfahrung in der Rechts- und Kommunikationsbranche und verfügt über einen Bachelor-Abschluss in Betriebsökonomie. In ihrer These befasste sie sich mit dem Mechanismus des internationalen Informationsaustausches in Steuersachen zwischen USA und Schweiz. 
dostinja.tomovic@ekidenadvisory.com, https://www.linkedin.com/in/dostinja/