Herr Schreiber, kann man auch mit vermeintlich nicht ganz so innovativen Mitarbeitern Innovationen entwickeln?
Um den digitalen Wandel voranzutreiben, sind Innovationen auf allen Unternehmensebenen unabdingbar. Im Optimalfall bringen daher alle Mitarbeitenden, unabhängig von ihrer Funktion und Hierarchiestufe, Ideen und Vorschläge ein, wie ihr eigener Arbeits- und Aufgabenbereich verbessert bzw. effizienter aufgestellt werden kann. Die zentrale Frage muss daher eigentlich lauten: Wie bekommen wir unsere Mitarbeitenden dazu, sich so zu verhalten und innovative Ideen einzubringen? Hierzu muss zunächst ein Verständnis für deren individuelle Situation geschaffen und es muss transparent kommuniziert werden, dass (technologische) Innovation nicht als Vorbote eines zukünftigen Stellenabbaus dient. Vielmehr kann diese für Wachstum sorgen und den Mitarbeitenden die Chance eröffnen, auf sich und die eigenen Stärken aufmerksam zu machen. Bei der Formulierung und Festlegung der übergeordneten Unternehmensstrategie ist wichtig, darauf zu achten, dass sich alle Mitarbeitenden mit dieser identifizieren können und nicht durch individuelle oder für das Team vorgegebene Ziele abgelenkt werden.

Innovationspreis der Schweizer Assekuranz:

Die Branchenplattform HZ Insurance, das Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen, der Schweizerische Brokerverband SIBA, die Swiss Association of Insurance and Risk Managers SIRM, das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz sowie Microsoft Schweiz, verleihen am 11. November 2021 bereits zum 23. Mal den Innovationspreis der Schweizer Assekuranz.

Haben sich in den letzten Jahren Anforderungen, Merkmale oder das Verständnis von Innovation in der Assekuranz verändert?
Es ist ein offenes und mittlerweile auch überstrapaziertes Geheimnis, dass Kundenerlebnisse vorrangig durch Unternehmen wie Netflix, Zalando, Amazon, Spotify etc. geprägt werden und die Versicherer hierdurch zunehmend unter Druck geraten, ihre Customer Journey ebenfalls neu auszurichten. Dieser Druck wurde durch das Aufkommen der sogenannten Insurtechs nochmals verstärkt. Interessanterweise fokussieren sich gemäss Willis Towers Watson circa 55 Prozent aller Startups auf die Bereitstellung eines technologiegestützten Vertriebs, um die Abhängigkeit von Vermittlern zu minimieren.

Bezogen auf die Gesamtinvestitionen zeigt sich, dass im ersten Halbjahr 2021 circa 7,4 Milliarden Dollar in Insurtechs investiert und das gesamte Finanzierungsvolumen 2020 um mehr als 300 Millionen Dollar übertroffen wurde. Besonderes Augenmerk sollte auf 15 der insgesamt 162 Deals gelegt werden: Diese überstiegen alle die 100-Millionen-Dollar-Marke und verdeutlichen die zunehmende Maturität des noch jungen Sektors. Darüber hinaus verlangen die sich rapide ändernden individuellen Lebensumstände jeder einzelnen Person nach einem Versicherungsumfeld, das diese veränderten Verhaltensweisen optimal unterstützt und sich fortlaufend anpasst. So müssen auf der Produktseite innovative Lösungen gefunden werden – in verschiedenen Bereichen auch in Form von Public-Private-Partnerships –, um beispielsweise Cyberrisiken, Naturkatastrophen, Pandemien oder politische Risiken abzufedern und handlebar zu machen. Ein anderes Beispiel ist das Thema autonomes Fahren, das massive Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft haben kann bzw. wird. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die reine Ausrichtung an der direkten Konkurrenz aus Sicht der klassischen Versicherer somit nicht länger zielführend sein kann und die Assekuranz gefordert ist, innovative Lösungen bereitzustellen.

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Gehört Innovation in eine bestimmte Versicherungsabteilung, die neue Themen vorantreibt?
Heutzutage beschäftigen selbst kleinere Versicherer dedizierte Teams, die sich ausschliesslich mit Strategie- bzw. Innovationsthemen befassen. Da jedoch insbesondere diejenigen Mitarbeitenden, die tagtäglich an verschiedenen Themen arbeiten bzw. in bestimmte Prozesse eingebunden sind deren mögliche Schwächen kennen und Optimierungspotential aufzeigen können, wäre es geradezu fahrlässig, dieses Wissen brachliegen zu lassen. In den meisten Häusern ist es daher eine Selbstverständlichkeit, alle Mitarbeitenden am Innovationsprozess zu beteiligen.

So hat beispielsweise die Baloise das von Adobe entwickelte Kickbox-Konzept implementiert, das Mitarbeitenden ermöglicht, ihre Ideen im «geschützten» Unternehmensumfeld umzusetzen und dennoch erste Startup-Erfahrungen zu sammeln. Im Rahmen drei aufeinanderfolgender, zeitlich begrenzter Phasen (Redbox, Bluebox, Goldbox) – diese müssen jeweils durch einen erfolgreichen Pitch vor einer ausgewählten Jury erreicht werden – wird die Idee vertieft weiterverfolgt und durch die Baloise mit verschiedenen Ressourcen unterstützt. Mitte Juli 2021 konnte das Spin-off Parcandi, eine digitale Parkplatzvermittlung, erfolgreich ausgegründet werden. Der die Idee ursprünglich einreichende New Business Manager der Baloise Schweiz bekleidet nun die Rolle des CEO des Startups, was unterstreicht, dass der Mut zur Einbringung eigener Ideen im Erfolgsfall auch belohnt wird.

Darüber hinaus ist festzuhalten, dass Innovation auch nicht rein auf das eigene Unternehmen – unabhängig von der Abteilung – oder die eigene Branche beschränkt werden sollte. Vielmehr sollten die Entwicklungen in anderen Industrien genau beobachtet und gegebenenfalls für die eigenen Services und Dienstleistungen adaptiert werden. Ein Beispiel hierfür sind die vor wenigen Jahren eingeführten Pay-as-you-drive- und Pay-how-you-drive-Tarife in der Motorfahrzeugversicherung, die im Kontrast zu den klassischen Jahresverträgen der Assekuranz stehen.

Was kennzeichnet eine wirklich innovative Versicherung Ihrer Meinung nach?
Innovative Versicherer zeichnen sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass sie sich Konzepten und Methoden bedienen, die in dieser Form nicht zum Standard der Assekuranz zählen. Selbstverständlich müssen diese nicht neu erfunden oder entwickelt, sondern können sinnvoll und intelligent von anderen Unternehmen bzw. Branchen für die eigenen Zwecke adaptiert werden. Hierunter fallen auf der einen Seite beispielsweise das Angebot von On-demand-Produkten, monatlichen Kündigungsfristen, reinen Online-Abschlüssen etc. Auf der anderen Seite sind aber auch Unternehmen wie OCC Assekuradeur – führender deutscher Anbieter von Spezialversicherungen für klassische Fahrzeuge – zu nennen, die ihren Kundinnen und Kunden dank einer konsequenten Digitalisierungsstrategie weitere Dienstleistungen wie beispielsweise eine unkomplizierte und rein digitale Bewertung des eigenen Oldtimers anbieten.

Generell empfinde ich es als innovativ, wenn Versicherer Produkte und Dienstleistungen offerieren, die über ihr klassisches Versicherungsgeschäft hinausgehen. Konkreter ausgedrückt: Wenn sie sich Gedanken darüber machen und nach Lösungen suchen, wie sie ihre Kundinnen und Kunden in unterschiedlichen Lebensbereichen bestmöglich durch einfache und transparente Zusatzservices unterstützen können (Stichwort: Ökosystem). Beispielhaft seien an dieser Stelle auch nochmals Parcandi der Baloise-Gruppe oder aber auch Kravag Truck Parking der deutschen R+V Versicherung erwähnt.

Betreffend das Thema Innovation darf, losgelöst von Produkten und Prozessen, auch die Positionierung als Arbeitgeber für zukünftige Talente nicht vernachlässigt werden. So spielen neben den bewährten Benefits zunehmend auch das Angebot von flexiblem Arbeiten, erweiterte Betreuungszeiten und -möglichkeiten für Eltern, Gesundheitsservices etc. eine immer grössere Rolle und runden mein Bild einer innovativen Gesellschaft ab.

Dr. Florian Schreiber,  Insurance Lead und Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern
Quelle: hslu

Dr. Florian Schreiber

  • Insurance Lead und Dozent am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern
  • Autor der jährlich erscheinenden IFZ Versicherungsstudie
  • Studienleiter CAS Future of Insurance am IFZ
  • Beratungsmandate und Forschungsaufträge verschiedener privatwirtschaftlicher Unternehmen und Politik
  • Florian Schreiber auf LinkedIn