Sie haben vergangenes Jahr nach Grossbritannien expandiert. Wann steigen Sie in den Schweizer Markt ein?
Wir haben gesamteuropäische Ambitionen: Wir möchten bis Ende nächsten Jahres in vielen Teilen Europas präsent sein, wobei wir mit den grösseren Märkten Italien, Frankreich und Spanien starten. Die Schweiz gehört in diesem Gesamtbild natürlich dazu. Bei uns läuft ja alles auf derselben Plattform, weshalb wir vergleichsweise schnell wachsen können.

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Und die Lizenzen?
Für den EU-Raum können wir mit einer übergreifenden Lizenz arbeiten, mit Grossbritannien und der Schweiz gibt es entsprechende Abkommen.

Bei Getsafe kann ich meine Versicherung über eine App abschliessen, bezahle sie wie ein Handyabo und reiche einen Schadenfall über den Chatbot ein. Klingt in unserer heutigen Welt plausibel. Warum machen es nicht längst alle klassischen Versicherer – zumindest im Privatkundenbereich – so?
Genau das habe ich mich 2015 auch gefragt. Ich hatte im Keller eine Glastür meines Vermieters zerbrochen und rannte zu meinen Eltern – welche dort zahlreiche Ordner hervorkramten, um die Haftpflichtpolice zu finden. Als ich dann wegen einer anderen Geschichte ein Mail an meine Krankenversicherung sandte und zwei Wochen später ein Antwortschreiben im Briefkasten hatte, reifte bei mir der Gedanke, dass diese Branche ein riesiges Problem – und Potenzial – hat. 

Natürlich ist das Konstrukt der bestehenden Versicherer mit Aussendienst, Innendienst, Millionen an Kundenbeständen etc. zu komplex, um es rasch in digitale Prozesse zu überführen. Dazu kommt, dass es anders als bei den Banken in der Versicherungswelt nie eine echte Krise gab, welche die Branche zu Veränderung gezwungen hätte. Aus diesen Gründen hat man wohl einfach immer weitergemacht, ohne sich wirklich zu hinterfragen.

«Mitbewerber hatten nicht glauben können, dass legal ist, was wir tun.»

Ihre App ist mit künstlicher Intelligenz gesteuert. Können Sie uns einen Einblick geben, wie der Mechanismus dahinter funktioniert?
Es ist alles sehr einfach und modular aufgebaut. Sie können den Versicherungsschutz wie auch die persönlichen Angaben in Echtzeit ändern. Mit ein paar Klicks buchen Sie eine Zahnversicherung dazu oder geben eine Adressänderung ein. Den Schaden melden Sie im Chatbot und wenns kompliziert wird, routen wir Sie zu einem Menschen. Ein Tracking wie bei Amazon zeigt, wie weit die Bearbeitung des Schadenfalls gerade ist.

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Mir fallen dazu spontan Datenschutzverletzungen, fehlende Unterschriften und Verträge, ungenügende Aufklärung über Risiken ein … Was sind die grössten Hürden, die Sie bis jetzt überwinden mussten?
Ja, wir sind natürlich eine regulierte Branche. Wir versuchen aber solche komplexen Unterlagen stark zu vereinfachen und beschäftigen dafür ein relativ grosses Copy Writing Team. Die ellenlangen und komplizierten Bedingungen sind zwar noch vorhanden, aber eben auch eine übersetzte Version in verständlicher Sprache. Als wir unsere Tätigkeit anfangs als Broker aufgenommen hatten, dauerte es nicht lange und wir hatten wegen der rein digitalen Unterschrift einige Strafanzeigen am Hals. Mitbewerber hatten nicht glauben können, dass legal ist, was wir tun.

Als Startup schon nach kurzer Zeit die Polizei im Haus – das ist irgendwie beängstigend, oder?
Wenn die Kriminalpolizei in voller Montur klingelt und alle Akten beschlagnahmen will, ist das schon eindrücklich. Es hat uns aber auch ein bisschen gefreut, dass wir offenbar den Nerv einer Branche treffen. Dank guten Anwälten wussten wir zudem immer, dass wir auf der sicheren Seite sind, und konnten den Schuldzuweisungen entsprechend gelassen entgegenblicken.

«Ich würde uns als Direktversicherer der zweiten Generation bezeichnen.»

Gute Anwälte muss man sich auch leisten können. War Getsafe von Anfang an liquide genug?
Ich hatte noch etwas Geld von meinem ersten Startup Gourmeo, wo man Restauranttische online reservieren kann. Dieses hatte ich während des Studiums aufgebaut und später verkauft. Wir haben dann aber auch früh Investoren dazugeholt, und da diese das Potenzial sofort sahen, waren wir bald solide aufgestellt. 

Bestrebungen hin zu kompromissloser Vereinfachung und Digitalisierung gibts auch andernorts. Was machen Sie anders als beispielsweise Europa-go oder Wefox?
Europa-go ist für mich eher ein klassischer Direktversicherer. Ich kann zwar online abschliessen, aber die Police nicht in Echtzeit anpassen. Wefox hat zwar die Versicherung One gegründet, ist aber noch eher der Broker und setzt ja auch auf eine Plattform für Vermittler. Ich würde uns als Direktversicherer der zweiten Generation bezeichnen. Wir nutzen die Grundlagen, die Firmen wie Airbnb oder Facebook in der digitalen Welt geschaffen haben, und können darauf aufbauen.

«Um es plakativ zu sagen: Im App Store kämen wir als Broker wohl nicht über drei Sterne hinaus. Wir wollten aber eine Fünf-Sterne-App sein.»

Inwiefern?
Datenmanagement, das Tracking von Dienstleistungen, die vielfältigen Marketingmöglichkeiten und auch das Potenzial von Algorithmen: Wir müssen die Welt ja nicht neu erfinden, sondern können bereits erreichte Innovationen für unsere Branche nutzen.

Sie starteten 2015 als Broker. Weshalb haben Sie sich entschieden, nun selbst Risiken zu zeichnen?
Das war von vornherein das Ziel. Da die regulatorischen Hürden für Versicherer viel grösser sind, wollten wir erst einfacher starten. Wir haben aber schnell gemerkt: Als Broker können wir die Produkte oder das Schadenhandling nicht beeinflussen. Wir haben es nicht vollständig selber in der Hand. Um es plakativ zu sagen: Im App Store kämen wir als Broker wohl nicht über drei Sterne hinaus. Wir wollten aber eine Fünf-Sterne-App sein! Tesla machte ja auch nicht nur den Motor, sondern das ganze Auto.

Sie sind Maschinenbauingenieur und haben Getsafe 2015 mit Marius Simon, einem Physiker, gegründet. So einfach ist die Thematik nun auch wieder nicht – brauchts zur guten Technologie nicht auch das entsprechende Fachwissen?
Wir haben beide Spass an komplexen Problemen. Das nötige Fachwissen haben wir uns aber natürlich ins Boot geholt, was übrigens gar nicht schwer war. Wir konnten erfahrene Leute aus traditionellen Unternehmen in unserem Vorstand beschäftigen.

Letztes Jahr ist die Swiss Re mit einer Finanzierung von 30 Millionen Dollar bei Ihnen eingestiegen. Was erhofft sich das Schweizer Traditionsunternehmen von Ihnen?
Swiss Re ist der grösste P&C-Rückversicherer der Welt, aber im Gegensatz zu anderen bis anhin kein sehr aktiver Investor in Insurtechs. Wir wollen beidseitig voneinander lernen. Die Swiss Re ist enorm stark in der Datenwelt, aber eher mit traditionellen Modellen. Sie glaubt an die Revolution in der Versicherungsbranche, weil damit neue Datenquellen angezapft werden können. Wir erheben alle drei Sekunden einen neuen Mikrodatenpunkt.

«Am Anfang war der Aufschrei. Jetzt spürt man Beobachtung, auch etwas Interesse.»

Zum Beispiel?
Wie lange lesen unsere Kunden die Bedingungen? Sind sie abends oder morgens in der App aktiv? Als einzelne Quellen irrelevant, aber wenn sie durch künstliche Intelligenz in Zusammenhänge gestellt werden, kommen wir zu spannenden Impulsen – vom Cross-Selling-Potenzial bis hin zu Versicherungsbetrug.

Sie sehen sich als David, der praktisch aus dem Nichts ein globales Versicherungsunternehmen aus dem Boden stampft. Goliath auf der anderen Seite sind die Firmen, die sich über Hunderte von Jahren etabliert haben. Was ist Ihre Rolle im Markt?
Am Anfang war der Aufschrei. Jetzt spürt man Beobachtung, auch etwas Interesse. Mehr dann aber auch nicht: Im Vergleich zu der Finanzkraft dieser Unternehmen investieren sie nur wenig in Insurtechs. 95 Prozent des Geschäfts ist gepolt auf «weiter so». Sie sind ja auch sehr stark mit sich selbst beschäftigt. Sie können ihre schweren Tanker nicht so schnell wenden. Hunderttausende Kunden in die digitale Transformation zu begleiten, ist schon eine Herkulesaufgabe.

Versicherungen für KMU sucht man in Ihrer App vergeblich. Sind Krankentaggeld, Unfallversicherung und Vorsorge dann doch zu kompliziert?
Wir haben sehr viel zu tun im Privatkundensegment. Wir haben berechnet, dass in der Generation der 20- bis 40-Jährigen in diesem Jahrzehnt allein in Europa noch etwa eine Milliarde an Neupolicen abgeschlossen wird, was ein Vielfaches an Prämieneinnahmen mit sich bringt. Da sehen wir unser grosses Potenzial und wollen uns deshalb noch nicht zu sehr verzetteln mit weiteren Segmenten. Bei jenen Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine eigene Versicherung abschliessen, haben wir bereits jetzt den grössten Marktanteil in Deutschland.

Genau, 75 Prozent Ihrer Kundschaft schliesst zum ersten Mal eine Versicherung ab. Liegt Ihre Zielgruppe nur bei den Jungen oder möchten Sie mit der Zeit auch ältere Generationen ansprechen?
Im Moment schon. Einige unserer Versicherungen wie die Privathaftpflicht hat man oft ein Leben lang. Mit der Entwicklung neuer Produkte – wir haben zum Beispiel kürzlich eine Autoversicherung auf den Markt gebracht – gibt es wohl auch den einen oder anderen Wechsel zu uns.