Dank einem Reservenabbau der Krankenkassen profitieren die Versicherten dieses Jahr in der Grundversicherung von einer Entlastung. Deutlich weniger als in früheren Jahren waren Versicherte 2021 entsprechend auf der Suche nach einer alternativen Krankenkasse. Dennoch gelang es verschiedenen Kassen, neue Kunden zu gewinnen – allen voran und wie bereits im Vorjahr der CSS und Helsana. Marcel Thom, Managing Director – Leitung Insurance Schweiz bei Accenture, erläutert: «Jene Versicherer, die in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren, haben äusserst attraktive Prämien mit einem sehr hochstehenden Qualitätsversprechen verbunden. Dabei haben sie sehr geschickt moderne Produkte mit einer durchdachten Preispolitik positioniert.» Auch schafften es die Branchenführer CSS und Helsana sowie Sanitas, einen deutlich überproportionalen Anteil des Web-Traffics für sich zu beanspruchen, der wichtig für das Erzielen von Online-Abschlüssen ist. 

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Krankenkassen: Qualität ist ein Entscheidungskriterium

Diese Fähigkeiten werden auch im Herbst entscheidend sein, wenn wegen der stark gestiegenen Gesundheitskosten eine deutliche Prämienerhöhung droht. Zwar hält Accenture in der «Krankenversicherungsstudie Schweiz 2022» fest, dass zwei Drittel der Versicherten zu einem Versicherungswechsel bereit sind und die Prämie der wichtigste Faktor für Kundengewinnung und -haltung ist.  Da sich aber die Prämiensituation der verschiedenen Krankenversicherer immer mehr angleicht, reicht der Preis allein aber oftmals nicht mehr aus, auch Qualitätsaspekte werden in Betracht gezogen. «Potenzielle Neukundinnen und Neukunden achten zum Beispiel auch darauf, wie gut die Produkte und die Servicequalität sind», sagt Marcel Thom. 

In diesem Bereich ortet Thom auch die Probleme von Günstiganbietern, die in den letzten Jahren vom Markt genommen wurden oder teilweise hohe Kundenverluste erlitten haben: «Sie konnten zwar oftmals eine sehr attraktive Prämie bieten, waren aber bezüglich Qualität nicht immer gleich attraktiv aufgestellt.»

Markt bietet genügend Platz für kleinere und mittlere Kassen

Gut lief das Geschäft hingegen bei der KPT die 2021 mit 12’000 neuen Versicherten ein starkes Wachstum verzeichnete. CEO Thomas Harnischberg sagt, man habe in den letzten zwei Jahren die Prämien gesenkt und sei finanziell gut aufgestellt. Und er ist überzeugt, dass es genügend Platz für kleinere und mittlere Krankenkassen gibt, sowohl in der Grund- wie auch in der Zusatzversicherung: «Als Kleine unter den Grossen behaupten wir uns seit Jahrzehnten erfolgreich. Das ist nur dank hoher Kundenzufriedenheit und einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis möglich.» Und er fügt an: «Die Versicherten profitieren davon, dass es viele Anbieter und einen gewissen Wettbewerb gibt. Denn grundsätzlich haben die Krankenkassen ein Interesse an tieferen Prämien, um Kunden zu gewinnen.» 

42 Prämienregionen sorgen für komplexen Wettbewerb

Marcel Thom von Accenture ortet für kleinere und mittlere Krankenversicherer Chancen, aber auch Herausforderungen. Er sagt, vielen Personen sei es oftmals gar nicht bewusst, dass die Schweiz für Krankenversicherer in 42 unterschiedliche Prämienregionen aufgeteilt sei, wo sie sich mit ihren Produkten behaupten müssen. «Das macht die Wettbewerbssituation einerseits sehr komplex, anderseits eröffnet es aber auch Playern aller Grösse eine Chance», sagt Thom. 

«Diese Logik wird auch diesen Herbst gelten. Zwar werden vermutlich kleine, mittlere wie auch grosse Player steigende Prämien sehen, aber in den 42 Prämienregionen kann dieser Anstieg sehr unterschiedlich ausfallen.» Unter Umständen könne das beste Angebot auch von einem kleinen oder mittleren Krankenversicherer stammen, erklärt der Experte.

Gesundheitspolitik verheddert sich auf Mikroregulationsebene

Der zu erwartende starke Anstieg zeigt erneut, dass Prämiensenkungen mit dem Einsatz von Reserven meist sprunghaft höhere Prämien folgen, weil sie zuvor künstlich tief gehalten wurden. Thomas Harnischberg sagt: «Bisher hat kein politisch motivierter Prämieneingriff eine nachhaltig positive Wirkung erzielt. In der Regel korrigieren politische Eingriffe lediglich die Fehler vorhergehender Regulierungen und schaffen nicht selten die Basis für neue Probleme.» 

Harnischberg weist auf das stark regulierte Umfeld mit immer mehr Vorgaben hin: «Auch die aktuell im Bundesparlament diskutierten Regulierungen beschleunigen die Bürokratisierung auf allen Ebenen, ohne damit wirklich einen Nutzen für Patienten und Versicherte zu erzielen. Man kann Ineffizienzen nicht mit Bürokratie und Formalismus bekämpfen.» Gleichzeitig werde der Leistungskatalog weiterhin fortlaufend ausgebaut und die Alterung der Bevölkerung sowie der technologische Fortschritt seien Faktoren, die sich nicht leugnen liessen. «Der Schweiz fehlt letztlich eine klare Gesundheitsstrategie», so Harnischberg. Deshalb verheddere sich die Politik zunehmend auf einer Mikroregulationsebene. «Überwinden lässt sich diese Problematik nur, indem alle Akteure wieder mehr zur Konsenskultur zurückfinden.»