Herr Dr. Winand, wie sehen Sie das Versicherungsgeschäft heute? 

Henri Winand: Es ist im Wesentlichen ein ausserbörsliches Geschäft. In letzter Zeit gab es einige grosse Ereignisse und teure Schadensfälle für die Versicherungsbranche, die ein Umdenken bewirken. Schliesslich sind nicht nur die Risiken grösser geworden, auch wichtige Risiken aus dem Bereich Cyber oder Logistik ändern sich täglich. Damit ändern sich auch die Risikoprofile von Unternehmen innerhalb kurzer Zeit. 

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Sind die Risiken umfassend abgedeckt?
Nein. Studien zufolge sind 85 Prozent des Wertes von Unternehmen immateriell, und diese Werte sind bisher kaum richtig versichert.

Zur Person:

  • Henri Winand ist CEO bei Akinova Ltd.  Akinova ist ein Versicherungstechnologieunternehmen, das er gemeinsam mit einem auf ILS (Insurance Linked Securities und verwandte Versicherungsprodukte) spezialisierten Londoner City-Fondsmanager gegründet hat. Davor war er CEO eines britischen Technologieunternehmens, das am Hauptmarkt der Londoner Börse notiert ist (Intelligent Energy, ein Technologiebörsengang im Wert von 1 Milliarde Dollar).
    Winand hat einen PhD Materals Science (Cantab), MBA
    Er ist verheiratet und hat einen Sohn. 

«Wir sind hier im B2B-Geschäft. Viele Vertragsdetails können automatisiert und in ein Set von Variablen übertragen werden.»

Ein wichtiger Faktor für den Durchbruch von Marktplätzen ist die Standardisierung von Produkten und Verträgen. 
Technologien können hier vieles erleichtern. Sie müssen bedenken: Wir sind hier im B2B-Geschäft. Viele Vertragsdetails können automatisiert und in ein Set von Variablen übertragen werden. Der Grossteil der Verträge, ich würde sagen 90 Prozent, ist bereits standardisiert. Dazu gehören Vertragslaufzeiten, Versicherungssummen und so weiter. Das reicht für den Anfang. Auch individuelle Verträge können auf diese Weise gehandhabt werden. 

Welche weiteren Elemente sind für den Erfolg von Marktplatzkonzepten erforderlich?
Wir sehen ein grosses Potenzial im Underwriting für Kunden. Das Geschäft in vielen Unternehmen verändert sich derzeit sehr schnell. Das Underwriting hingegen arbeitet mit Standardverträgen, die auf den Ergebnissen des Risikomanagements basieren. Das führt dann dazu, dass viele Verträge mit Spezialsparten bei grösseren Unternehmen abgeschlossen werden. Bei grossen Unternehmen kann es sich um Hunderte von Verträgen handeln. Bei globalen Unternehmen können es sogar Tausende von Verträgen sein, da es in den einzelnen Ländern oft zusätzliche Vorschriften gibt. Dadurch entstehen Lücken im Versicherungsschutz. Diese wiederum werden von Maklern geschlossen. Da es immer noch Lücken gibt und diese nie wirklich gut gefüllt sind, müssen die Unternehmen bedingtes Kapital vorhalten, auch um ihre Kreditwürdigkeit zu schützen. 

Wo kommen hier Innovationen ins Spiel?
Wenn Lücken erkannt und geschlossen werden, kann dieses bedingte Kapital freigesetzt und anders genutzt werden. Wir arbeiten hier an neuen Produkten, mit denen ein solcher standardisierter Risikotransfer und dann auch der Handel auf einem Sekundärmarkt möglich ist.

«Der Klimawandel wird zu einem Anstieg der Risiken und damit auch der versicherten Werte führen.»

Für welche Märkte ist das relevant?
Wir sehen mehrere: Erstens wird der Klimawandel zu einem Anstieg der Risiken und damit auch der versicherten Werte führen. Hier gibt es bereits Entwicklungen in Richtung Standardisierung mit Cat Bonds. Der Markt ist gross genug, um damit zu beginnen, und es gibt ihn schon seit 25 Jahren. Zweitens nehmen hypothekenversicherungsgebundene Wertpapiere rasch zu. Drittens gibt es bei der Kreditversicherung einige aufsichtsrechtlich bedingte Änderungen. Schliesslich kommen wir auf die Bedeutung unseres vierten Zielmarktes zurück: immaterielle Vermögenswerte, zu denen auch Cyberrisiken gehören. 

Bei diesen immateriellen Risiken stellt sich die Frage, wie man den Umfang dieser Risiken berechnen kann. 
Der Ausgangspunkt sind die Verbrennungskosten und die Verbrennungsrate. Diese können berechnet werden. Die Unternehmen haben die Daten, aber sie artikulieren diese Kosten oft nicht. Das bedeutet, dass kein genauer Risikotransfer vorgenommen werden kann. Wie bereits erwähnt, sind heute mehr als 85 Prozent des Wertes der meisten Unternehmen immaterielle Vermögenswerte. Es ist der Wert der Netzwerke, der Beziehungen zwischen Beratern und ihren Kunden, das gesamte Wissen über Betrieb und Logistik. Das ist seit März 2020 immer wichtiger geworden. Die Risiken sind viel grösser – und sie entwickeln sich viel schneller, als irgendjemand vorher erwartet hat. Darauf bereiten wir uns vor. 

Wie hängt das mit Ihrem Markt zusammen?
Unser Marktplatz hat mehrere Seiten: Da sind zum einen die Makler und die Unternehmen, die sie vertreten. Dazu gehören die grossen Adressen, aber auch kleinere. Auch Versicherungsgesellschaften sind beteiligt, sie können auf beiden Seiten stehen, sie können Risiken kaufen und auch verkaufen. Dann haben wir Lizenzen nicht nur für das Vereinigte Königreich, sondern auch für die EU, Nordamerika, Hongkong und Singapur. Wir können Kapital aus diesen Märkten und darüber hinaus aus Japan beziehen. Neu ist, dass auch börsennotierte Unternehmen, die über überschüssiges Kapital verfügen, Risiken übernehmen können. Das bedeutet, dass praktisch jedes Unternehmen auch zu einer Art Versicherungsgesellschaft werden kann. 

«Auf die wichtige menschliche Intelligenz können wir nach wie vor nicht verzichten.»

Die Marktplätze sind eigentlich austauschbar, sie unterscheiden sich vor allem durch ihre Dienstleistungen. 
Wir integrieren andere Dienstleister, die sich um Wertgutachten, Analysen und Schadenermittlungen kümmern. Dann gibt es noch die wichtige menschliche Intelligenz. Darauf können wir nach wie vor nicht verzichten. Wir stellen selbst die digitale Infrastruktur zur Verfügung, die als Bindeglied zwischen Käufern, Verkäufern und Dienstleistern fungiert. Damit sind wir der erste digitale Marktplatz, der all diese Aufgaben übernehmen kann. 

Und welches sind für Sie die wichtigsten Risiken?
Auch für ein Technologieunternehmen sind es das Team und die richtigen Leute. Leute, die verstehen, was wir tun, die zum Beispiel das Maklergeschäft verstehen, aber nicht selbst Makler sein müssen. Dann gibt es natürlich noch die Risiken der Regulierung, die Kreditrisiken und so weiter. Und es besteht das Risiko, dass bestimmte Produkte nicht so auf den Markt kommen, wie Sie es sich vorstellen. Es ist ein bisschen wie mit der intelligenten Verbrauchsmessung: Es gibt immer Leute, die sich dadurch kontrolliert fühlen, obwohl sie wichtige Informationen liefern und dem Kunden helfen sollen. Ähnlich verhält es sich mit der Kontrolle und dem Management von Risiken, wenn diese zu einer Verringerung des Bedarfs eines Unternehmens an bedingtem Kapital führen. Auch hier zählen wir auf die Unterstützung von sehr guten Bankern und Versicherungsgesellschaften, die in dieser Hinsicht sehr hilfreich sind. Hilfreich ist zum Beispiel auch das Open Banking in Grossbritannien, das viele Kreditinformationen in Echtzeit liefert.