Es bleiben schwierige Zeiten für die Pensionskassen. Die Zinsen sind tief und seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine haben sich die geopolitischen Risiken an den Kapitalmärkten verstärkt. Dazu kommt: Die Reformprojekte in der beruflichen Vorsorge sind blockiert. Je länger dies andauert, umso stärker sind die Vorsorgeeinrichtungen herausgefordert, die Leistungen zugunsten der Rentner den Realitäten an den Märkten anzupassen. 

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Eine Variante ist das Prinzip der variablen Rente. Bei dieser Lösung leistet auch der Rentenbezüger einen Beitrag an die finanzielle Stabilität der Pensionskasse. Ein solches Modell mit einer schwankenden Auszahlung findet durchaus Anklang. Gemäss einer Studie der Vita Sammelstiftungen würde sich jede dritte befragte Person für eine Rente mit variablem Anteil entscheiden, sofern die Leistung damit im Schnitt um 20 Prozent höher liegt.  

De-Risking-Strategie

Verschiedene grosse Unternehmen, wie etwa PwC, Bühler, Implenia, SAP oder Unisys haben in den vergangenen Jahren auf Vorsorgesysteme mit einer variablen Rente umgestellt. Auch die Branchen-Pensionskasse PK-Energie (PKE) bietet eine solche Lösung, und neu gibt es bei der Vita, dem beruflichen Vorsorge-Ableger der Zurich-Versicherung, ebenfalls ein Modell mit einer zweiteiligen Rente.

Die alternativen Lösungen mit mehr Flexibilität bei den Altersrenten – anstelle der fixen Auszahlung – sind auch ein Teil der De-Risking-Strategie. Die Führungsorgane suchen nach Varianten, um die Verpflichtungen aus der beruflichen Vorsorge besser zu kontrollieren.

Modelle mit variablen Renten sichern den Pensionskassen mehr Handlungsspielraum. Dabei sind auch weniger Schwankungsreserven notwendig. Das trägt zur Anlageoptimierung und einer tendenziell höheren Rendite bei. Mit einer konsequenten Umsetzung lassen sich die Altersguthaben besser verzinsen.

Wenn eine Pensionskasse mit variablen Altersrenten plant, muss sie das Modell am erforderlichen und dem tatsächlichen Vermögensertrag ausrichten. Liegt der effektiv erzielte Ertrag über dem erforderlichen Ertrag, wird die variable Rente ausbezahlt oder erhöht. Ist der Return auf dem Vermögen jedoch niedriger, als dies zur Leistungsabdeckung notwendig wäre, kommt es zu einer Kürzung der Rente.

Nach diesem Prinzip wird bei der Wirtschaftsprüferfirma PwC die variable Rente berechnet.  Wenn die Rendite der Vorsorgeeinrichtung die durchschnittliche Soll-Rendite erreicht, bleiben die Leistungen konstant. Wird die Soll-Rendite verfehlt, muss die Auszahlung im schlechtesten Fall auf rund 90 Prozent gekürzt werden. Bei einem positiven Verlauf  wird der Bonusteil erhöht, wobei keine Obergrenze besteht.

Gültig ist dieses flexible Modell jeweils für die Neurentner. Der Versuch, diese Regelung auch für die Altrenten einzuführen, wurde vom Gericht abgelehnt. Wird das neue System eingeführt, gibt es entsprechend eine lange Übergangsphase bis die volle Wirkung für die Pensionskasse erreicht ist.

Deckungsgrad als Richtmass

Bei der Vorsorgeeinrichtung PKE, die innerhalb der Branche Energie rund 26'000 Versicherte aus 220 Unternehmen zählt, sind für Neupensionierte 90 Prozent der Altersrente garantiert, 10 Prozent sind variabel und hängen vom Deckungsgrad der Kasse ab. Liegt der Deckungsgrad über 120 Prozent, wird die Rente um maximal 10 Prozent erhöht, ist er unter 100 Prozent, wird sie im gleichen Umfang gesenkt.

Der Deckungsgrad ist ein Richtmass, das aufzeigt, ob eine Pensionskasse über genügend Schwankungsreserven verfügt oder bei einer Unterdeckung allenfalls zum Sanierungsfall wird. Nach dem günstigen Börsenverlauf im vergangenen Jahr konnte die PKE Anfang 2022 ein positives Fazit ziehen: «Dass die Renten ein erstes Mal direkt um 10 Prozent erhöht werden können, beweist eindrücklich, dass die Einführung der zweiteiligen Rente richtig und zum Vorteil unserer Versicherten war», sagt Roland Schnurrenberger, Vorsitzender der Geschäftsleitung der PKE.

Der Maschinenbauer Bühler hat die dynamische Altersvorsorge für Neurentner vor fünf Jahren eingeführt. Kern dieser neuen Lösung ist eine zweiteilige Rente. Sie besteht aus einer garantierten monatlichen Basisrente und einer performance- und deckungsgradabhängigen variablen Rente.

Auch der Baukonzern Implenia hat ab 2019 auf ein flexibles Modell umgestellt. Es gibt ebenfalls eine garantierte Basisrente und gleichzeitig sind knapp 10 Prozent der Gesamtrente variabel ausgestaltet. Dieser Teil wird jedes Jahr gestützt auf den Deckungsgrad der Kasse festgelegt.

Auch die Gemeinschaftswerke offerieren flexible Rentenmodelle. Die Zurich-Versicherung bei ihrer Sammelstiftung Vita ein zusätzliches Angebot Invest lanciert. Die Sockelrendite wird mit einem Umwandlungssatz von 3,7 Prozent berechnet. Dabei macht der garantierte Teil etwa drei Viertel der Rentenleistung aus. Der Rest stammt aus der variablen Rente, abhängig von der Anlageperformance.

Fragen zur sicheren Vorsorge

Unter den Experten ist die Meinung über Vorsorgemodelle mit einer variablen Rente geteilt. So fragt sich etwa Peter Zanella, Senior Director Retirement bei Willis Towers Watson, ob das eigentliche Vorsorgeziel einer ausreichenden und sicheren Altersrente mit variablen Pensionen gewährleistet sei. «Ich glaube das eher nicht, und die Praxis zeigt auch, dass viele Versicherte die Kapitalauszahlung vorziehen.»

Auch andere Vorsorgespezialisten sehen einen solchen Schritt für Versicherte im BVG-Obligatorium kritisch. Sie stufen dieses Modell bei niedrigen Einkommen als wenig optimal ein. Das heisst: Für Pensionskassen, die lediglich über einen obligatorischen Teil verfügen, taugt das System der variablen Rente nicht.

Faktisch ist diese Lösung vor allem für umhüllende Vorsorgepläne anwendbar. Allerdings lassen sich allein mit der Einführung einer variable Rente die ungelösten Probleme eines zu hohen gesetzlichen Umwandlungssatzes nicht lösen. Zu beachten ist auch, dass Modelle mit einer variablen Auszahlung je nach Komplexität einen zusätzlichen Aufwand erfordern.

Variable Rente: Die Vor- und Nachteile

Vorteile

  • Rentner leistet einen Beitrag an die finanzielle Stabilität der Pensionskasse.
  • Umverteilung von der Aktiven zu den Rentnern wird gebremst.
  • Risikofähigkeit der Vorsorgeeinrichtung steigt.
  • Eine bessere Gleichbehandlung von Aktiven und Rentnern ist möglich. 

Nachteile

  • Lange Übergangsphase bis die volle Wirkung für die Pensionskasse erreicht wird.
  • Planungssicherheit für die Rentner wird vermindert.
  • Es entsteht ein erhöhter Verwaltungsaufwand.
  • Erklärungsbedarf für die Rentner nimmt zu.

Dieser Text ist erstmals erschienen im Vorsorge Guide 2022/2023.

Die komplette Ausgabe des Vorsorge Guides 2022/2023 können Sie hier bestellen:
https://shop.handelszeitung.ch/vorsorge-guide-2022-2023

Vorsorge Guide 2022/2023

Der «Vorsorge-Guide» untersucht aktuelle Trends mit Blick auf die Digitalisierung, gibt Tipps zum sinnvollen Sparen für das Alter und zeigt auf, weshalb die junge Generation anders für die Rente plant.

Infos zum Produkt

Mit dem Vorsorge Guide 2022/2023 bieten wir umfangreiche Hintergrundinformationen zur Vorsorgelandschaft Schweiz. Wir sprechen mit Experten über den Zustand der beruflichen Vorsorge, zeigen kommende Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Pensionskassen auf, geben Tipps für den lebenslangen Sparprozess in der privaten Vorsorge und bieten Einblick in hybride Beratungsmodelle der Zukunft.

Hier der Link zum Vorsorge Guide 2022/2023