Herr Fels, wie schätzen Sie die Märkte ein?
Joachim Fels: Die Bewertungen an der Börse und den Anleihemärkten sind sehr hoch, aber auch nach zehn Jahren ohne Rezession noch nicht übertrieben. Der zunehmende Populismus sorgt uns, denn er kann schnell zum Zurückdrehen der Globalisierung führen und den Unternehmen wegen der international verflochtenen Lieferketten Schwierigkeiten bereiten. Uns sorgt dazu die Überalterung der Gesellschaft und die damit einhergehende Flut des gesparten Kapitals, die die Zinsen weiter drückt. Wir versuchen zurzeit, unsere Portfolios so gut wie möglich vor diesen Einflüssen zu schützen.

Wie?
Wir wählen in jeder Asset-Klasse die defensiveren Werte mit der besten Qualität. Bei Unternehmensanleihen suchen wir kürzere Laufzeiten, denn wir erwarten, dass in den kommenden drei bis fünf Jahren eine Rezession auf uns zukommt – da drohen mehr Zahlungsausfälle. Wir investieren aber auch in mit Hypotheken besicherte Anleihen.

Solche Papiere waren an der Quelle der Finanzkrise vor zehn Jahren.
Ja, aber wir sehen hier günstige Bewertungen und stabile Fundametaldaten. Zudem entsteht eine Blase in aller Regel nicht zweimal hintereinander in derselben Anlageklasse.

Noch 1990 waren Zinsen von 8 Prozent üblich. Kommen wir da jemals wieder hin?
Zwei eher unwahrscheinliche Szenarien könnten dazu führen: Ein wieder viel stärkeres Wirtschaftswachstum könnte zu mehr Nachfrage nach Kapital führen und den Realzinsen helfen. Oder die Inflation kehrt zurück. Zuletzt stiegen die Zinsen von den 1970er bis in die 1980er Jahre stark. Damals brachten das Ende des starren Wechselkurssystems von Bretton Woods und die Ölpreisschocks die Inflation. Davor waren die Zinsen immer sehr niedrig – über einen Zeitraum von 300 Jahren waren die Zinsen in England ganz flach.

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Joachim Fels

Joachim Fels, 56, ist Global Economic Advisor und Managing Director beim Anleihefonds-Giganten Pimco. Er studierte Wirtschaftswissen­schaften in Kiel und Saarbrücken und arbeitete 19 Jahre lang bei Goldman Sachs und Morgan Stanley in London, ehe er 2015 bei Pimco anfing.

Diese ständig niedrigen Zinsen nennt Pimco das New Neutral.
Vielleicht ist das in Wirklichkeit sogar nur das Old Neutral. Mitunter waren die 1970er und 1980er Jahre die Abweichung von der Regel, nur sind sie noch frisch in unserer Erinnerung.

Wie sehen Sie das Drama in Europa von Ihrem sicheren Ausguck im fernen Kalifornien?
Hier ist es auch nicht so sicher. Ich mache immer Witze darüber, dass ich nach 19 Jahren in London in die USA gezogen bin, weil ich dem Populismus in Europa entfliehen wollte. Und schauen Sie, wo ich gelandet bin! Ich mache mir aber Sorgen um Europa, denn wir haben nicht genug Fortschritt gemacht, um den Euro zu sichern. Die Bankenunion ist noch nicht abgeschlossen. Und wenn überhaupt, gibt es nur Babyschritte in Richtung Fiskalunion.

«Es gibt das echte Risiko, dass es der Euro nicht durch die nächste Krise schafft.»

Joachim Fels

Und jetzt wird es fast unmöglich, überhaupt noch Mehrheiten zu finden.
Dinge können sich ändern. Das Problem ist, dass Europa sich eigentlich nur in Krisen weiterentwickelt. In der Euro-Krise machten wir Fortschritte in Sachen Bankenunion. Die EZB machte Fortschritte in Sachen Quantitative Easing, also einer ultralockeren Geldpolitik durch den Aufkauf von Staatsanleihen, was ich damals unterstützte. Es gab wegen der Tatenlosigkeit der Regierungen keine andere Wahl.

Dann freuen Sie sich schon auf die nächste Krise?
Genau da liegt das Problem: Ich bin mir nicht so sicher, dass in der nächsten Krise der Wille, den nächsten Schritt zu gehen, überhaupt da ist. Es gibt das echte Risiko, dass der Euro es nicht durch die nächste Krise schafft.

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Was würde das für den Schweizer Franken bedeuten?
Die Anleger würden ihn als sicheren Hafen anlaufen und er würde erneut unter Aufwertungsdruck kommen.