Die Werbebotschaft an bester Lage im ­Finanzzentrum Hongkongs war nicht zu übersehen. Auf einem Plakat von vier mal sechs Metern wurde Ende Oktober die erste öffentliche Regierungsanleihe Chinas in Renminbi begrüsst. Was sich schon bei Barack Obamas Antrittsbesuch bei der chinesischen Regierung manifestierte – der US-Präsident trat eher wie ein Bittsteller als wie der Führer einer Weltmacht auf –, zeigt sich auch auf dem Plakat: das neue Selbstbewusstsein Chinas als zweitgrösste Wirtschaftsmacht und neuer Wachstumsmotor der Welt. Obwohl die Exporte in die USA praktisch ausblieben, hat sich Chinas Wirtschaft rasch von den Folgen der Finanzkrise erholt. Die ­Aktienmärkte in Asien – ohne Japan – legten im vergangenen Jahr um 65 Prozent zu. Mancher Index wie der Hang Seng in Hongkong verdoppelte sich gar. «Dieses Wachstum basiert weitgehend auf den staatlichen Konjunkturprogrammen und ist nicht nachhaltig genug», mahnen zwar Experten wie Chris Gradel, CEO von Pacific Alliance, einem der grössten Hedge Funds in Hongkong. Zudem droht als Folge der zu tiefen Zinsen die Ent­stehung von Spekulationsblasen.

Noch immer sitzen aber die meisten Länder Asiens, allen voran China, auf stattlichen Währungsreserven. Dank der hohen Sparquote ist der Verschuldungsgrad trotz der wilden Kreditexpansion­ ­gering. «Bei uns gab es keine Exzesse mit Kreditderivaten auf Immobilien», sagt Hongkongs Börsenpräsident Ronald Arculli. Nach der Asienkrise vor zehn Jahren seien für Banken die Eigenkapitalvorschriften und Beleihungsgrenzen bei Hypotheken verschärft worden.

Doch nicht nur deshalb stehen Asiens Börsen bei den meisten Analysten zuoberst auf der Empfehlungsliste. «Am drittgrössten Aktienmarkt der Welt führt kein Weg mehr vorbei», macht ­Craig Chen klar, Fondsmanager von Harvest Global Investments, dem zweitgrössten Vermögensverwalter in China, und Portfoliomanager des DWS-Fonds Invest Chinese Equities. Der ansonsten als Crash-Prophet bekannte Anlageberater Marc Faber rät Anlegern, ihren Anteil an Werten aus asiatischen Schwellenmärkten zulasten der amerikanischen auszubauen. Wie BILANZ anhand von Recherchen in der Finanzmetropole Hongkong und im Schwellenland Vietnam aufzeigt, dürften die Themen Gold, Immobilien, Konsum, Infrastruktur und Rohstoffe das grösste Potenzial haben.

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Magischer Goldpreis. Besonders Gold ist in Asien nicht nur unter Klein­anlegern, sondern auch unter Private Bankern, Fondsmanagern und Vermögensverwaltern stets ein Gesprächs­thema. Wie von einer magischen Zahl sprach man von den «Ten Fifty», als der Unzenpreis im Herbst die Grenze von 1050 Dollar überschritten hatte. Zu diesem Preis hatte die indische Zentralbank nämlich kurz zuvor ihre Goldreserven um 200 Tonnen aufgestockt und damit eine wichtige Barriere errichtet, wie Marc Faber erklärt. Sobald der Preis unter dieses Niveau falle, würden andere Notenbanken in den Schwellenländern ihre Goldreserven ebenfalls aufstocken. China etwa will den Bestand von 1000 auf 2000 Tonnen verdoppeln.

Aber auch in der Bevölkerung wächst die Nachfrage nach dem Edelmetall mit steigendem Wohlstand. Seit Anfang 2009 ist in China der private Goldbesitz wieder erlaubt, und in Shanghai wird eine Goldbörse betrieben. Bisher haben die über 300 Millionen Chinesen, die dem Mittelstand zuzurechnen sind, ihre Ersparnisse nur in Aktien und Immobilien anlegen können oder auf dem kaum verzinsten Sparbuch liegen lassen. Aus Angst, eines Tages um den hart erarbeiteten Wohlstand betrogen zu werden, wird nun Gold gekauft und zu Hause als Vorsorge ge­bunkert oder als Schmuck zur Schau getragen. Reichtum kann von vielen nur mit solchen Statussymbolen manifestiert werden, da eine gute Schulbildung oder die Familienherkunft für hohes Ansehen oft nicht ausreichen.

Zwei Goldbarren erfreuen sich in Asien besonderer Beliebtheit: derjenige von ­HSBC und jener der UBS. Während ­HSBC in Asien als Bank höchstes Ansehen geniesst, sind es beim UBS-Barren die drei gekreuzten Schlüssel, die als Prägung auf dem gelben Metall eine enorme Symbolkraft haben. Verwendet werden die Goldbarren vielerorts, so auch in Vietnam, als Zahlungsmittel zum Hauskauf. Der steigende Wohlstand führt zu besserer Immobiliensubstanz und höheren Immobilienpreisen. Das treibt die Goldnachfrage und folglich den Goldpreis weiter an.

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Immobilien-Preise heben ab. Trotz der Immobilienkrise in den westlichen ­Industrieländern steigen die Häuserpreise unaufhörlich an. Im Oktober wurde in Hongkong eine neue Rekordmarke ­gesetzt: Rund 60 Millionen Dollar zahlte ein Chinese für eine rund 1700 Quadratmeter grosse Wohnung in der Etage Nummer 68. Im effektiv etwa 50 Stockwerke hohen Wolkenkratzer soll die nächste Etage mit der Glücksnummer 88 einen noch höheren Preis abwerfen. Reiche Chinesen vom Festland versuchen, mit diesen Prestigeobjekten ihre Vermögen ausser Reichweite des kommunistischen Regimes zu bringen. Zusätzlich ­angeheizt werden die Immobilienpreise durch die knappen Landreserven.

In anderen Metropolen klettern ­sowohl Häuser wie ihre Preise in schwindelerregende Höhen. In Ho Chi Minh City, dem früheren Saigon und Wirtschaftszentrum im Süden Vietnams, soll in den nächsten Jahren im Knie des Mekong-Flusses ein neues Stadtviertel nach dem Vorbild von Shanghais Pudong aus dem Boden gestampft werden – mit teilweise über 400 Meter hohen Bürotürmen. Bereits kostet der Quadratmeter Bauland an den besten Zentrumslagen um die 20  000 Dollar. Ausserhalb müssen für eine 120 Quadratmeter grosse Wohnung mit Weststandard 2000 Dollar Miete pro Monat bezahlt werden. An der Urlaubsküste Da Nang in der Mitte Vietnams wurde diesen Herbst eine erste Tranche von 115 Villen eines neuen Ferienresorts von Vietnamesen aus Hanoi verkauft. Stückpreis ab Plan: 400  000 bis eine Million Dollar. In der Hauptstadt selbst leistete sich kürzlich eine Vietnamesin das Hilton-Hotel für 80 Millionen Dollar, was einem Zimmerpreis von 300  000 Dollar entspricht.

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Aus Furcht vor ausufernden Spekulationsblasen beginnen die Behörden – wie in Vietnam – Zinsen zu erhöhen und die Kreditvergabe einzudämmen. Davon dürfte der Grossteil des Häusermarktes jedoch wenig betroffen sein und weiterhin von Wirtschaftswachstum und Wohlstandsanstieg profitieren. Die meisten ­dieser Immobilien werden noch immer ohne Bankkredite finanziert.

Die Konsumlawine rollt. Ökonom Andy Xie, ehemaliger Chefökonom Asien bei Morgan Stanley, warnt allerdings, dass die Spekulationswelle den Privatkonsum beeinträchtigen könnte, sollte sie den gewöhnlichen Wohn- und Immobilienmarkt erfassen. Dabei wünscht sich besonders die Regierung in den USA nichts sehnlicher als mehr Konsum in Asiens Haushalten, damit das Ungleich­gewicht in den Handelsbilanzen abgebaut werden kann. Nicht nur von den Wohnkosten hängt es jedoch ab, ob sich chinesische Familien Markenkleider, Haushaltelektronik oder ein Auto leisten können, sondern auch von der sozialen Sicherheit. Lange vor den USA hat China zwar den Aufbau eines Gesundheitsnetzes für alle beschlossen, doch die Altersvorsorge ist in Asien nach wie vor ­eine private Angelegenheit.

Mit dem steigenden Wohlstand wächst der private Konsum trotzdem schon heute rasch an. Während in den USA die Konsumenten im vergangenen Jahr 40 Milliarden weniger ausgegeben haben, sind die Ausgaben der asiatischen Konsumenten um 170 Milliarden Dollar gestiegen, stellt Frédéric Neumann fest, Chef­ökonom Asien von HSBC. Von dieser Dynamik würden zwar auch Luxusgüter aus Europa profitieren, in erster Linie aber solche im unteren Preissegment. Es sind Biscuithersteller wie Kinh Do mit 5000 Angestellten und einer Produktion nach westlichen Qualitäts- und Umweltstandards oder Fastfoodketten wie Pho24 in Vietnam, Pacific Coffee in Hongkong oder Spielwarenhersteller wie Goodbaby in Shanghai, der grösste Schnullerproduzent der Welt, welche die höchsten Wachstumsraten verzeichnen.

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Luxuriöse Importware wird von den Regierungen gerne mit hohen Steuern belegt, auch um die Finanzierungslücken zu stopfen, die durch die milliardenschweren Konjunkturprogramme entstanden sind. In Vietnam kostet deshalb ein BMW anderthalbmal so viel wie in der Schweiz. Davon unbeeindruckt, steigen die Verkäufe von Motorrollern und Autos an. In ­China waren die Autoverkäufe 2009 erstmals höher als in den USA.

Diese Mobilisierung werde langfristig auch politische Auswirkungen haben, ist Anthony Miller überzeugt. Der ehemalige Asienchef der Beteiligungsgesellschaft Carlyle und heutige Manager bei Pacific Alliance sieht in der Modell- und Farbenvielfalt der Autos eine Abkehr vom uniformen Grau der radfahrenden Bevölkerung, das noch vor 15 Jahren vorherrschte. Damit werde eine wachsende Meinungsvielfalt einhergehen. Laut einer Studie der Deutschen Bank wird die erstarkende Mittelschicht zunehmend Eigentums- und Verbraucherrechte einfordern. Auch soziale Rechte erhalten einen höheren Stellenwert. Diese Entwicklung macht sich bereits in einer wachsenden Zahl von sozialen Auseinandersetzungen in verschiedenen Betrieben und Branchen bemerkbar. In Vietnam diskutieren die kommunistischen Gewerkschafter mit ­europäischen Kollegen über die Einführung von Gesamtarbeitsverträgen. Schon jetzt muss in einer Firma ab zehn Mitarbeitern ein Betriebsrat gebildet werden.

Infrastruktur ohne Grenzen. Damit sich der Wohlstand weiter ausbreiten kann, sind noch über Jahre gewaltige Investitionen in die Infrastruktur nötig. Mehr als 300 Millionen Chinesen nutzen heute das Internet und sind auf ein zuverlässiges Kommunikationsnetz angewiesen. Vietnam muss noch immer Ölprodukte importieren, obwohl das Land über reiche Reserven verfügt. Pro Person und Jahr sind bereits mehr als 300 Kilogramm Hauskehricht zu beseitigen. In Indien liegen Schiffe mit Reislieferungen aus Vietnam oder Thailand oft über Wochen vor Anker, bis sie gelöscht werden können. ­Allein aus China besuchen jährlich acht Millionen Touristen Hongkong.

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Deshalb werden nun in ganz Asien gewaltige Beträge in neue Strassen, Bahnen, Häfen, Versorgungs- und Entsorgungsnetze oder in die Energieproduktion sowie ins Gesundheits- und Bildungswesen investiert. Vom 586 Milliarden Dollar schweren Konjunkturpaket Chinas entfällt mehr als die Hälfte oder über fünf Prozent des BIP auf den Infrastruktur­bereich. Zum Vergleich: In den USA ist dafür im Stimulierungspaket bloss ein Prozent der Wirtschaftsleistung enthalten. Die bisherigen 60  000 Autobahnkilometer durch das Reich der Mitte sollen bis 2030 um noch einmal so viele ergänzt werden. Das Schienennetz, auf dem bereits die schnellste Bahn der Welt rollt, wird bis 2020 ebenfalls auf 120  000 Kilometer ausgebaut – viermal so lang wie jenes in Deutschland. Luc Henrard, Chef Asia Pacific der Bank Fortis, ist überzeugt: «Im Riesenreich China sorgt der Ausbau der Infrastruktur noch während Jahren für Wirtschaftswachstum.» Und das Geld ­dazu ist mit Devisenreserven von nahezu 2,5 Billionen Dollar reichlich vorhanden.

Auch in anderen Schwellenländern wurden eindrückliche Investitionspakete geschnürt. Indonesien will zum Beispiel 140 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investieren, rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Indien plant den Bau von 14  400 neuen Autobahnkilometern mit einem Investitionsvolumen von 21 Milliarden Dollar. «Die vergangene Dekade war für Indien die Zeit der Informationstechnologie, die nächsten zehn Jahre werden von Infrastruktur­investitionen geprägt sein», meint Kamal Nath, Indiens Minister für Strassen und Transport. Vietnam gibt jährlich zehn Prozent seines rasch wachsenden BIP für den Infrastrukturausbau aus. Demnächst wird die zweite Ölraffinerie in Betrieb genommen, der Bau von zwei Kernkraftwerken wurde soeben beschlossen, und die 1800 Kilometer lange Küste soll zur Errichtung von Hafenanlagen für den Handel in ganz Südostasien genutzt werden.

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Hunger nach Rohstoffen. Die Folge dieser gewaltigen Investitionsoffensive ist ein kaum stillbarer Hunger nach Rohstoffen. In erster Linie werden Stahl, Kupfer, Zement, Holz und Öl benötigt. Längst ist China zum weltgrössten Stahlerzeuger mit einer Kapazität von 690 Millionen Tonnen pro Jahr geworden, was ­etwa dem Zwanzigfachen der deutschen Stahlindustrie entspricht. Indien verbaut zwar erst 50 Kilogramm Stahl pro Kopf und Jahr, ein Viertel des globalen Durchschnittsverbrauchs. Doch auch so dirigiert die Stahldynastie Mittal bereits den weltgrössten Eisenkonzern. Nach dem Preisknick als Folge der Finanzkrise erholten sich die Rohstoffpreise rasch und mit ihnen die Aktienkurse vieler Rohstoffkonzerne. Treiber sind nicht nur die steigenden Erträge, sondern auch der Wettstreit um Minenvorkommen zwischen den Schwellenländern und den Industriestaaten. Während etwa China in Südamerika und Afrika namhafte Beteiligungen aufbaut, hat die russische Gazprom mit Vietnam eine Zusammenarbeit zur Förderung der reichen, aber auch von China beanspruchten Ölreserven im Südchinesischen Meer vereinbart.

Mit dem steigenden Wohlstand werden ferner leichtere Rohstoffe wie Aluminium und Silber für die Produktion von Konsumgütern zunehmend gefragt und haben noch Kurspotenzial. Gleiches gilt für Soft Commodities wie Agrargüter. Insbesondere der Fleischkonsum nimmt zu. Die für die Futterproduktion benötigte Agrarfläche steht im Wettbewerb zur Agrarfläche, die zur Deckung des steigenden Bedarfs an pflanzlichen Treibstoffen erforderlich ist. Zusätzlich droht das Problem der fortschreitenden Verwüstung. Wegen zum Teil ausbleibenden Monsuns hat Indien in Thailand und Vietnam, den beiden grössten Reisproduzenten, zwei Millionen Tonnen des Grundnahrungsmittels geordert. Während Rohstoffspezialist Jim Rogers deshalb einen markanten Preisanstieg erwartet, sieht Marc Faber beim Weizen erhebliches Potenzial, dessen Preis teuerungsbereinigt auf dem tiefsten Stand seit 200 Jahren notiert.

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Dieser Rohstoffverschleiss birgt erhebliche Risiken, warnt Stephen Roach, Präsident des Asiengeschäfts von Morgan ­Stanley. Allerdings haben auch die Regierungen die Folgen der bedrohlichen Umweltzerstörung und die soziale Sprengkraft der steigenden Lebensmittelpreise erkannt. Inzwischen ist China mit einem Weltmarktanteil von 35 Prozent der grösste Produzent von Solarzellen. Auf Nachhaltigkeit wird auch in Vietnam immer mehr geachtet. In diesem Jahr soll die Biscuitfabrik Kinh Do vom Genfer Büro Veritas nach dem Umweltsystem ISO 14001 zertifiziert werden. Beim Staatsfonds SCIC, der laut CEO Tran Van Ta bis 2020 ein Portfolio von 25 Milliarden Dollar in vorab vietnamesische Firmen aufbauen will, gehört Nachhaltigkeit neben Dynamik und Effizienz zu den Schlüsselwerten der Anlagepolitik.

Gerade die jüngste Korruptionsaffäre um diesen Staatsfonds und die scharfen Kurseinbrüche an der vietnamesischen Börse nach den Zinserhöhungen und der Abwertung der Währung machen jedoch deutlich, dass das an sich unbestrittene Wachstum sicher nicht geradlinig verlaufen wird. Man wird vielmehr immer wieder mit unangenehmen Überraschungen rechnen müssen. Diese Korrekturen dürften oft nur vorübergehender Natur und die alten Höchststände rasch wieder erreicht sein. Das haben über den Jahreswechsel die vietnamesischen Börsen gezeigt.