Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Tilmann Galler*: Die Finanzmärkte erleben zur Zeit ein Wechselbad der Gefühle. Die kräftige Erholung der Aktienmärkte in den ersten vier Monaten des Jahres fand ein jähes Ende als die Handelsgespräche zwischen den USA und China vorerst gescheitert sind und der US-Präsident eine Verschärfung der Strafzölle gegen China angekündigt hat. Die USA befinden sich zur Zeit auf Kurs die Zölle ihrer importierten Güter auf den höchsten Stand seit den 70er Jahren anzuheben. Auch wenn der direkte Effekt auf die Wirtschaft relativ begrenzt ist, führt die Behinderung des freien Warenverkehrs und der globalen Wertschöpfungsketten zu einer zunehmenden Skepsis und Verunsicherung im verarbeitenden Gewerbe. Europa hat zusätzlich noch mit der Unsicherheit über den Brexit und der zukünftigen Fiskalpolitik Italiens zu kämpfen. Ein Hort der Stabilität hingegen ist immer noch der Dienstleistungssektor, der durch weltweit freundliche Arbeitsmärkte und eine stabile Konsumneigung gestützt wird. Doch es ist zu befürchten, dass bei einer anhaltenden Schwäche in der Industrie auch die bisher stabilen Säulen des Wirtschaftswachstums beschädigt werden. Die Zentralbanken haben auf die zunehmenden Wachstumsrisiken und unbefriedigenden Inflationszahlen mit einer Kehrtwende in der Geldpolitik reagiert. Die Märkte erwarten inzwischen von der Fed mindestens zwei Zinssenkungen bis zum Jahresende und auch bei der EZB und der BoJ beginnt man zukünftige Zinssenkungen einzupreisen. Fallende Renditen und die Aussicht auf eine lockere Geldpolitik haben an den Aktien- und Credit-Märkten vorerst die konjunkturellen Risiken vergessen lassen.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Aktienmärkte profitieren zur Zeit weltweit vom Renditeverfall an den Obligationsmärkten. Trotz steigender Bewertungen sind die Risikoprämien für Aktien wieder angestiegen. Eine Fortsetzung der Aktienrally ohne Aussicht auf entsprechendes Gewinnwachstum – also allein basierend auf expansiver Notenbankpolitik – ist nach unserer Ansicht nicht sehr realistisch. Nachlassendes Wirtschaftswachstum werden das Umsatzwachstum bremsen, während der Anstieg der Lohnkosten aufgrund der aktuellen Vollbeschäftigung voraussichtlich stabil bleiben wird. Entsprechend wird der Margendruck für die Unternehmen in den kommenden Quartalen zunehmen. Eine Deeskalation in Europa und in der Handelspolitik wäre hilfreich für steigende Unternehmensgewinne und ein weiter positives Aktienumfeld. Für Schweizer Aktien dürfte sich in den kommenden Monaten auch der wiedererstarkte Franken als zusätzlicher Bremsklotz erweisen.

Morgen Samstag dürfte US-Präsident Donald Trump in Japan mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping sprechen. Kommt es zum grossen Durchbruch im Handelsstreit?
Für einen grossen Durchbruch im Handelsstreit sind die Differenzen zwischen China und den USA inzwischen zu umfangreich. Investoren sollten sich nicht nur auf die Frage der Zollstreitigkeiten fokussieren, sondern auch auf die anderen strategischen Konflikte wie Technologieführerschaft, Nordkorea, und chinesische Überseeinvestments. Im besten Fall erwarten wir für den Gipfel eine Übereinkunft den verlorenen Gesprächsfaden wieder aufzunehmen und dass solange die Verhandlungen laufen, keine weitere Zölle in Kraft gesetzt werden. An den Märkten würde das sicherlich zu einer kurzfristigen Erholung führen, aber der Handelskonflikt wird uns wahrscheinlich noch lange erhalten bleiben.

TilmannGallerBoerseninterviewJPMorgan

*Tilmann Galler arbeitet als globaler Kapitalmarktstratege für die deutschsprachigen Länder bei J.P. Morgan Asset Management in Frankfurt. Er ist Teil des globalen «Market Insights»-Teams, das auf Basis von umfangreichem Research für institutionelle und Retail-Kunden Informationen rund um die globalen Volkswirtschaften und Kapitalmärkte erstellt, analysiert und Implikationen für die Investmentstrategien ableitet. In dieser Funktion ist er auch Ansprechpartner für die Fach- und Wirtschaftspresse.

Quelle: ZVG

Der Franken ist zum Euro wieder erstarkt. Wird sich die Frankenstärke noch verstärken – durchbricht der Kurs sogar die Marke von 1.10?
Solange die politischen und wirtschaftlichen Probleme in Europa und insbesondere in der Eurozone anhalten, ist der Franken als sicherer Hafen gefragt. Die jüngste geldpolitische Kehrtwende der EZB und die Ankündigung Draghis eventuell weitere Zinssenkungen und zusätzliche Anleihenkäufe in Erwägung zu ziehen, liessen die Renditen in der Eurozone abstürzen und haben den Euro gegenüber dem Franken geschwächt. Die neue geldpolitische Lage sehen wir deshalb bereits im Devisenmarkt eingepreist. Kurzristig kann der Franken durchaus unter die 1,10 Marke fallen doch erwarten wir für die kommenden Monate ohne eine dramatisch veränderte Nachrichtenlage keine weitere Frankenstärke. Interventionen der SNB sollten ebenfalls dazu beitragen, dass die heimische Währung nicht zu stark wird.

Jens Weidmann wird als einer der Favoriten für das Präsidium der Europäischen Zentralbank gehandelt. Was würde sich mit dem Deutschen an der EZB-Spitze ändern?
Wir erwarten keine nachhaltige Änderungen in der Geldpolitik der EZB sollte Jens Weidmann das Rennen um die Draghi Nachfolge machen. Im EZB-Rat, der letztendlich die geldpolitischen Beschlüsse trifft, haben die Verfechter einer aktiven, unterstützenden Geldpolitik eine klare Mehrheit. Ein Präsident Weidmann könnte selbst wenn er es wollte seine Vorstellungen nicht gegen die Mehrheit des Rats durchsetzen. Seine jüngsten eher versöhnlichen Äusserungen hinsichtlich der Rechtmässigkeit des OMT sind sicherlich auch ein Ausdruck der Akzeptanz der aktuellen geldpolitischen Realitäten in der Eurozone.

Die Europäische Union, die Schweiz oder die USA: Welcher der drei Wirtschaftsräume dürfte sich im zweiten Halbjahr am stärksten entwickeln – und aus welchen Gründen?
Die Abhängigkeit von Handel und internationalen Wertschöpfungsketten ist in der Schweiz und in der EU deutlich größer als in den USA. Das bedeutet, solange es keine Deeskalation im Handelskonflikt gibt, leiden die europäischen Volkswirtschaften viel stärker unter der Verunsicherung und Schwäche im verarbeitenden Gewerbe als die US-Wirtschaft. Für eine bessere wirtschaftliche Entwicklung im 2. Halbjahr in Europa und in der Schweiz bedürfte es deshalb einer zügigen Lösung im Handelskonflikt. Das ist nach unserer Ansicht nicht sehr wahrscheinlich. Ein weiterer Aspekt der für die US-Wirtschaft spricht, ist der Fiskalstimulus, der immerhin noch bis zum Ende des Jahres seine positive Wirkung von entfalten sollte.

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