Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält an ihrem geldpolitischen Kurs fest. Sie setzt weiterhin auf Negativzinsen und Devisenmarktinterventionen, um den Franken nicht noch höher steigen zu lassen. Banken müssen für ihre Sichtguthaben bei der SNB weiterhin einen Strafzins von 0,75 Prozent bezahlen. Und nun?

ING: Zinssenkung als Risiko

«Die SNB ist nach wie vor der Ansicht, dass der Schweizer Franken hoch bewertet ist», resümiert Charlotte de Montpellier von ING. «Sie hat ihre Inflationsprognose für 2020 nach oben und 2021 nach unten leicht geändert, aber nicht genug, um einen Kurswechsel zu signalisieren. Vorerst erwarte ich keine Änderung der Zinsen vor dem nächsten Konjunkturzyklus, etwa 2023.»

Falls die Fed und die EZB ihre Zinsen senken, werde die SNB wohl als erstes in den Devisenmarkt eingreifen, um die Aufwertung des Schweizer Frankens auszugleichen. Erst danach dürfte die Nationalbank eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch eine Senkung des Leitzinses in Betracht ziehen. «Eine Zinssenkung der SNB ist nicht mein Hauptszenario, aber ein Risiko», so die ING-Ökonomin.

Capital Economics: Franken wird anziehen

Er gehe davon aus, «dass der Franken in das kommende Jahr hinein anziehen wird. Das wird der SNB Kopfschmerzen bereiten», meint David Oxley von Capital Economics. Konkret prognostiziert die Londoner Forschungs- und Beratungsfirma bis Ende 2019 einen Anstieg auf 1,08 Franken – und im nächsten Jahr dürfte der Franken dank Safe-Haven-Nachfrage und der lockereren EZB-Politik weiter anziehen.

Dies wiederum dürfte eine Reaktion der SNB auslösen, «angefangen mit Interventionen am Devisenmarkt. Aber der Druck auf den Franken wird weiter zunehmen, so dass die SNB die Zinsen wohl weiter in den negativen Bereich drücken wird.»

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«Der Druck auf den Franken wird weiter zunehmen, so dass die SNB die Zinsen wohl weiter in den negativen Bereich drücken wird.»

David Oxley, Capital Economics

J. Safra Sarasin: SNB bleibt in Wartestellung

«Die SNB signalisierte in ihrer Erklärung, dass sie es nicht eilig hat, die Zinsen weiter zu senken», sagt Karsten Junius, der Chefökonom der Privatbank J. Safra Sarasin. Die Notenbank erwarte weiterhin ein globales Wachstum, sie verweise aber auch auf eine moderate globale Inflation, die den Zentralbanken den Spielraum gibt, expansiver zu werden. 

«Ohne eine weitere deutliche Verschlechterung der Auslandsnachfrage und niedrigere Leitzinsen der EZB gehen wir davon aus, dass die SNB vorerst in Wartestellung bleibt.» Alles in allem sollte dies den Schweizer Franken unterstützen.

UBS: Zinserhöhung erst Ende 2020

«Die Hauptaussagen bleiben die gleichen: Schweizer Franken hoch bewertet, Situation auf dem Devisenmarkt fragil»: So fasst UBS-Ökonom Alessandro Bee den Auftritt der SNB-Spitze zusammen. Allerdings sehe die Nationalbank offenbar mehr Risiken als noch im März: «Ich würde sagen, dass sich seine Aussichten leicht verschlechtert haben.»

In diesem unsicheren Umfeld erwarte er nicht, dass die Nationalbank die Zinsen in absehbarer Zeit anheben wird: «Wir sehen eine erste Zinserhöhung erst im vierten Quartal 2020, nach einer ersten Zinserhöhung durch die EZB. Eine Zinssenkung ist unwahrscheinlich. Wenn wir einen Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken sehen, besteht die erste Option der SNB darin, in den Devisenmarkt zu intervenieren.»

«Wir sehen eine erste Zinserhöhung erst im vierten Quartal 2020, nach einer ersten Zinserhöhung durch die EZB. Eine Zinssenkung ist unwahrscheinlich.»

Alessandro Bee, UBS

Bantleon: Auch die EZB wartet noch ab

Auch Daniel Hartmann, Chefvolkswirt von Bantleon, bemerkt, dass sich die SNB heute skeptischer gab. «Die SNB betont zwar weiterhin ihre expansive Ausrichtung. Anders als zuletzt etwa die EZB deutet die Schweizer Nationalbank aber keine weitere Leitzinssenkungen oder andere zusätzliche stimulierenden Massnahmen an», so Hartmann. «Dies zeigt einmal mehr, dass die SNB nur noch wenige Pfeile im Köcher hat und vor allem auf die Massnahmen anderer Notenbanken reagiert.»

Und so erwartet der Bantleon-Ökonom, dass die EZB ihren Leitzinserhöhungs-Zyklus erst im zweiten Halbjahr 2020 beginnen wird. «Die SNB dürfte folgen und den Zinssatz für Sichteinlagen Ende 2020 erhöhen - von minus 0,75 Prozent auf minus 0,50 Prozent.»

St. Galler Kantonalbank: Alles dreht sich um den Franken

Auch eine Zinssenkung der Fed würde die Politik der SNB nicht verändern, meint Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank: «Die SNB wird ihre bereits negativen Zinssatz nicht weiter senken, solange die EZB keine substanzielle Senkung vornimmt.» Ein neues Quantitative-Easing-Programm der EZB würde keine tieferen Zinsen der SNB auslösen. 

«Der Schweizer Franken ist immer noch das zentrale Anliegen der SNB-Geldpolitik», sagt der Chief Investment Officer der SGKB: «Der Einfluss einer Zinssenkung auf den Franken würde schnell verpuffen.»

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(Reuters | rap)