1. Home
  2. Invest
  3. Warum Bitcoin so schnell nicht sterben wird

Geld
Warum Bitcoin so schnell nicht sterben wird

Branding ist alles: Bitcoin Classic im Kampf gegen Bitcoin Core.   HZ

Die Digitalwährung durchlebt ihre grösste Krise. Gescheitert ist Bitcoin damit aber noch lange nicht. Es ist eine Art Selbstfindungsprozess.

Von Marc Badertscher
am 22.01.2016

Bitcoin stirbt. Bitcoin am Ende. Bitcoin tot. Wie lange nicht mehr, schrieben Zeitungen und Portale in den letzten Tagen in hoher Kadenz über die Digitalwährung. Die meisten nahmen die rabenschwarzen Prophezeiungen des in Zürich und in den USA lebenden Mike Hearn auf, eines profunden, aber zuletzt marginalisierten Entwicklers der Bitcoin-Software. «Bitcoin ist gescheitert», lauteten Hearns letzte Worte, mit denen er letzte Woche seinen Bruch mit der Kryptowährung kundtat. Jetzt arbeitet Hearn mit seinem Wissen an einem Projekt für die Banken.

Doch so schnell stirbt Bitcoin nicht. Um 10 Prozent hat der Preis in den letzten zwei Tagen zugelegt. Wenn nicht alles täuscht, steht Bitcoin vor der bisher absolut spannendsten Phase in der Geschichte dieses weltweit einmaligen Experiments.

Bitcoin ist zu erfolgreich

Der Reihe nach: Bitcoin hat ein äusserst erfolgreiches Jahr hinter sich. Der Kurs legte um 100 Prozent zu, die Userzahlen stiegen. Vor allem aber verdoppelte sich die Zahl der Transaktionen. Inzwischen wickelt das Netzwerk täglich über 200'000 Überweisungen ab. Und da liegt auch das Problem: Der Erfolg bringt Bitcoin an seine Grenzen. Die Technologie erlaubt vorderhand nicht noch mehr Transaktionen. Was also tun?

In der Bitcoin-Welt entbrannte ein klassischer Fundi-Realo-Streit: Die Realos sagen, man müsse die Software rasch ändern, damit mehr Transaktionen möglich werden. Mehr Benutzer, mehr Popularität – Hauptsache, die Wachstumsstory gehe weiter, lautet das Motto. Eigentlich möchten das alle, nur hat die Sache einen Hacken: Aus technischen Gründen macht eine rasche Kapazitätserhöhung Bitcoin anfälliger für Zensur. Und das wollen die Fundis unter keinen Umständen. Für sie ist die Zensurresistenz der Kern von Bitcoin, der heilige Gral. Sonst könne man ja gleich Visa und herkömmliche Bankkonten benutzen, lautet das Argument. Der Wert von Bitcoin rühre primär von seiner Zensurresistenz beispielsweise gegenüber Regierungen her.

Lahme Kommunikation

Soweit zu den Werthaltungen, nun zum technischen Kern des Problems. Die Wurzel des Übels liegt in der zu langsamen Kommunikation zwischen den Computern, die das Bitcoin-Netzwerk sichern. Hier der Zusammenhang: All diese Computer sammeln Transaktionen, die verbucht werden sollen. Sie prüfen diese Transaktionen, fassen sie in Blöcken zusammen und schicken diese Blöcke dann im Netzwerk herum. Alle anderen Computer im Netz reihen fortlaufend Block an Block (Blockchain) und erhalten so die gesamte Historie aller Transaktionen und wissen damit genau, wo aktuell wie viele Bitcoins liegen und welche Transaktionen somit gültig sind.

Durchschnittlich alle zehn Minuten wird ein neuer Block produziert. Ohne ins Detail zu gehen: Es ist schwierig und es braucht gigantische Rechenpower, um einen solchen Block produzieren zu können. Das garantiert die Sicherheit von Bitcoin. Wer es aber schafft, einen Block zu produzieren, wird dafür mit 25 neu geschöpften Bitcoins entschädigt. Deshalb nehmen so viele an der Sicherung von Bitcoin, am Produzieren von solchen Transaktionsblöcken, teil. Für diese sogenannten Miner besteht ein ökonomischer Anreiz.

Der wachsende Vorsprung

Das Problem ist nur: Ein neuer Block ist nur gültig, wenn er direkt an den zuletzt produzierten Block anschliesst und so die Kette von Blöcken verlängert. Wer zu lange braucht, wird quasi überholt von einem anderen, der schneller war beim Produzieren des neusten Blocks. Und jetzt schliesst sich der Kreis zum Skalierungsproblem: Je mehr Überweisungen zugelassen werden, je grösser also diese Blöcke mit Transaktionen sind, desto länger dauert es, bis sie überall im Netz verteilt sind.

Dadurch erhält derjenige, der den Block versandt hat, einen zeitlichen Vorsprung gegenüber allen anderen. Er kann mit dem Berechnen des nächsten Blocks schon beginnen, während alle anderen noch mit dem Herunterladen des aktuellsten Blocks beschäftigt sind. Das bevorteilt Miner mit grosser Rechenpower.

Sie produzieren mehr Blöcke und verdienen daher wegen des Vorsprungseffekts auch prozentual mehr als die anderen. Das führt selbstverstärkend zu einer Zentralisierung bei diesen Computern, die das Netzwerk schützen. Damit aber droht die Möglichkeit von Zensur bei diesen letztlich wenigen zentralen Computern oder Computerpools. Dieser Konzentrationsprozess ist schon länger im Gange und würde bei substanziell grösseren Blöcken beschleunigt.

Schluss mit Gratis?

Das ist der Kern des ganzen, mittlerweile alles dominierenden Streits in der Bitcoin-Welt. Sollen die Blöcke vergrössert werden oder nicht? Ein Streit zwischen Puristen, welche kein Jota von der Grundidee der Zensurfreiheit abweichen wollen, und den Pragmatikern, die bereit sind, zugunsten der Massentauglichkeit etwas Risiko in Kauf zu nehmen.

Es ist vertrackt. Denn nichts Ändern bringt auch einschneidende Veränderungen: Bisher waren Bitcoin-Transaktionen fast gratis, was natürlich ein Topverkaufs-Argument für die Währung war. Doch wenn jetzt die Nachfrage nach Transaktionen das Angebot zu übersteigen beginnt, wenn also mehr Transaktionswünsche vorhanden sind als Platz in den Blöcken, dann beginnt das Buhlen darum, welche Transaktionen von den Minern verarbeitet werden sollen.

Wie fast überall in der Welt von Bitcoin ist auch hier das ökonomische Eigeninteresse der entscheidende Faktor: Die Miner werden jene Transaktionen verarbeiten, welche am meisten Gebühren versprechen. Das treibt die Fees in die Höhe. Die Benutzung von Bitcoin wird also teurer werden, wenn die Kapazität nicht erhöht wird. Soll das Bitcoin-Netzwerk also künftig ein teures und sicheres Settlement-System für wenige Transaktionen sein (mit anderen, erst angedachten Lösungen on top für den Alltag), oder ein besseres PayPal?

Ende einer Illusion

Der Konflikt schwehlt in der Entwickler-Szene bereits seit zwei Jahren. Doch erst mit dem Verhärten der Fronten letztes Jahr begann der Abschied von einer Illusion: Dass es mit Bitcoin gelingen würde, politische Machtkämpfe dank mathematischen Regeln und fest codierten ökonomischen Anreizen für immer aus der Währungswelt zu verbannen und so Stabilität zu garantieren. Das Gegenteil ist eingetroffen. Bitcoin ist nicht nur gegen aussen, gegenüber der traditionellen Finanzwelt ein eminent politisches Projekt, sondern ebenso gegen innen. Und damit wurde auch klar, dass Bitcoin ausserhalb der binären Zahlen über keine erprobten und bewährten Methoden zur Konsensfindung in der realen Welt verfügt.

Die beiden Lager schenken sich nichts. Über alle mediale Kanäle treten sie inzwischen mit harschen Worten gegeneinander an. Mittlerweile ziehen Methoden aus der Werbung ein: Branding heisst das Zauberwort. Bitcoin Core gegen Bitcoin Classic. Lobbyieren im Hintergrund gehört zum Alltag, um möglichst viele Akteure wie Bitcoin-Börsen, Wallet-Anbieter und Miner auf die eigene Seite zu ziehen. Bereits wird an Software-Varianten für beide Lager geschrieben. In Kürze werden tatsächlich zwei unterschiedliche Bitcoin-Varianten zur Verfügung stehen.

Doch anders als in der übrigen Konsumwelt können zwei Bitcoin-Varianten nicht ohne weiteres nebeneinander existieren. Denn die Bitcoins, die mit der einen Software verarbeitet werden, können unter Umständen mit der anderen nicht mehr ausgegeben werden. Es droht eine Spaltung des Netzwerks, als ob neu ein Westschweiz-Franken mit einem Deutschschweiz-Franken konkurrieren würde.

Weitere Dramen in Sicht

Ohne Turbulenzen an den Börsen geht solches nicht über die Bühne. Entsprechend sind zahlreiche Akteure und Investoren nervös. Auf den ersten Blick scheint die Situation unannehmbar zu sein. Aber hey: Willkommen in der Welt der dezentralen digitalen Währungen, wo alle miteinander konkurrieren! Vielleicht kann Bitcoin einfach nicht alle Bedürfnisse aller Akteure gleichermassen abdecken. Vielleicht braucht es eine Differenzierung. Eine teure und extrem sichere Währung fürs langfristige Anlegen. Eine günstige für Alltagsangelegenheiten. Solche Gedanken sind vielleicht ungewohnt. Aber in Argentinien, Russland, Venezuela und Dutzenden anderen Ländern ist solch duales Denken und Handeln mit einer offiziellen Landeswährung und einer Fluchtwährung schon jahrelang gang und gäbe.

Soweit ist es nicht. Noch ist die Spaltung bei Bitcoin erst ein Szenario. Es ist gut möglich, dass Kompromissvorschläge in den nächsten Wochen eine Mehrheit finden. Ruhe würde trotzdem keine einkehren. Die Technologie kann auf absehbare Zeit noch nichts anbieten, was alle divergierenden Interessen gleichzeitig bedienen könnte. Es wird weitere Dramen geben.

Anzeige