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Konjunktur
Wenn die Drehzahl steigt: Zeichen der Überhitzung

Ist das jetzt heiss, zu heiss oder überhitzt?
 Quelle: VCG | Getty

Alle glauben zu wissen, wann die Wirtschaft, die Börse oder die Immobilienpreise heiss laufen. Aber woran erkennt man es wirklich?

Von Ralph Pöhner
am 27.07.2018

Heiss, heisser, überhitzt. Das thermische Vokabular ist ein Dauerbrenner zur Beurteilung von Märkten und der Wirtschaft. Erst kürzlich verkündete die Schweizerische Nationalbank, dass dem Liegenschaftenmarkt eine Überhitzung drohe. Das Wort ist allerdings auch ein Dauerläufer. Denn schon vor fünf Jahren, 2013, wurden wir vor der Überhitzung der helvetischen Immobilienpreise gewarnt. Und schon vorher hiess es regelmässig: Die Börse droht zu überhitzen. 

Wir sehen: Der Hitzebegriff wird gern überstrapaziert. Und Hitze ist Gefühlssache. Keiner weiss, wann genau ein Markt in den roten Bereich gerät. Aber jeder glaubt zu erkennen, dass es so weit ist. 

Gier und Angst

Woran? Es gibt Faustregeln. Ein Markt ist überhitzt, wenn die Spekulation ihn zum Selbstläufer gemacht hat, wenn viele Menschen nur noch kaufen, weil sie erwarten, dass der Preis steigt. Oder: Ein Markt ist überhitzt, wenn sich die Preise nicht mehr mit den Werten dahinter erklären lassen. Oder: Die Preise laufen heiss, wenn die Kleinkunden voller Optimismus einsteigen. «Sei gierig, wenn andere ängstlich sind, sei ängstlich, wenn andere gierig sind», lautet ein berühmter Spruch von Warren Buffett. Dass der zweite Teil dieser Faustregel einen wahren Kern hat, ist durch Studien belegt.

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Es gibt solche Sentiments, und sie wirken auch auf die Märkte ein. Aber natürlich möchten Analysten und Wissenschafter die Temperaturen exakter fassen. Ein bekannter Kenner des Stoffs lehrt an der ETH Zürich: Didier Sornette. Der Professor für Unternehmensrisiken, ein studierter Physiker will mittels mathematischer Modelle errechnen, wann der Anstieg an den Finanzmärkten aus dem Ruder gerät – oder anders: wann das Wachstum zur Blase wird und wann diese dann platzen dürfte. Eine Erkenntnis: Der Markt dreht 
in den roten Bereich, wenn er hyperexponentiell zulegt. Dann ist die Entwicklung nicht mehr nachhaltig – sie läuft auf einen Kipp-Punkt zu. 

Super und hyper

Eine super- oder hyperexponentielle Wachstumsrate, das heisst: Nicht alleine die Preise für Häuser oder Aktien, Bitcoins oder Tulpen steigen, sondern der Anstieg selber wird schneller und steiler. Es entsteht ein Looping und wer die Kurve hoch- und weiterrechnet, kann eingrenzen, wann es zu viel wird, zumindest theoretisch.

«Superexponen­tielles Wachstum hat einen Endpunkt, eine kritische Phase», sagt Didier Sornette. «Das ist nicht zwingend der Punkt eines Crashs, aber es ist der Zeitraum, an dem das bisherige Regime sein Ende ­finden wird.» Didier Sornette hat solche kritischen Phasen schon mehrmals korrekt eingegrenzt, etwa für die chinesische Börse oder den Baumwollmarkt.

Ungewohnte Spitzenwerte der jüngsten Zeit

  • Fünf Tech-Konzerne sind zusammen über 4000 Milliarden Dollar wert – mehr als das BIP von Deutschland. 
  • Krasseste Blase aller Zeiten: Bitcoin-Anstieg um 142'300 Prozent innert fünf Jahren bis zum Rekord im Dezember 2017. 
  • Österreich emittiert im Dezember 2017 eine 100-jährige Anleihe mit einem Coupon von 2,1 Prozent
  • Arbeitslosenrate in den USA auf dem tiefsten Stand seit 1969.
  • Arbeitslosenquote in der Schweiz im Juli auf dem tiefsten Stand seit zehn Jahren
  • Die addierten Werte aller Aktien und Obligationen betragen etwa 180 Billionen Dollar – das entspricht 225 Prozent des weltweiten BIP. 
  • Mit 151 Milliarden Dollar schafft es erstmals ein Mensch im «Forbes»-Ranking über die Grenze von 150 Milliarden: Jeff Bezos.

Aber der Begriff dient genauso für die Weltkonjunktur wie für Goldspekulanten: Auch die gesamte Wirtschaft kann überhitzen. Burkhard Varnholt, Chief Investment Officer Schweiz der Credit Suisse, hat es jüngst thematisiert: «Expansionen sterben nicht an Altersschwäche, sondern an Überhitzung», schrieb er in einer neuen Studie. Womit er andeutete, dass die konjunkturelle Lage momentan stabiler sein könnte, als viele denken.

Denn das Prinzip lautet auch bei Konjunkturfragen: Man achte auf die Signale für eine Überhitzung. Als da wären:

  • Die Produktionskapazitäten sind enorm ausgelastet;
  • es gibt Vollbeschäftigung, zum Teil sogar Fachkräftemangel;
  • Löhne und Inflation steigen deutlich;
  • die Firmen sind eher überbewertet, zugleich boomt das M&A-Geschäft;
  • der Anteil der Fremdfinanzierung ist sehr hoch, was heisst: Es wird kräftig investiert, und zwar auf Pump. 

Momentan trifft vieles davon zu – aber das ­meiste nur begrenzt. «Ohne Hochmut kein Fall, ohne Überschwang kein Katzenjammer», schildert Varnholt die Lage mit einem anderen Bild. Was uns erahnen lässt, dass unsere Wirtschaftslage noch nicht so heiss ist, wie sie gern dargestellt wird.

Heiss, schnell, euphorisch: Solche Bilder böten in der Tat starke Frühsignale für künftige Erschütterungen. Trotzdem können wir sie nur schwer lesen. Denn wir verstehen eine Überhitzung einerseits als Abweichung von einer Norm – als Übertreibung. Zugleich erachten wir sie als Selbstverständlichkeit. Schwierig, da klare Grenzen zu ziehen.