Es ist Samstag, der 17. Oktober 1987. Ein 41-jähriger Mann, der in Hong Kong in der Finanzbranche arbeitet, schickt seinen wöchentlichen Bericht über die Aktienmärkte an die Kunden. Er schreibt von einem nahenden Crash und dass es Zeit sei, sich von Aktien zu trennen. Dabei war der US-Markt 1987 bereits seit August um 17 Prozent gesunken, stieg im Oktober aber schon wieder leicht.

Wieviele Kunden auf ihn hören, weiss man heute nicht. Doch wer auf ihn gehört hat, konnte sein Geld retten. Denn am Montag, den 19. Oktober 1987 vollzieht sich einer der grössten Börsencrashs der Geschichte. Der US-Leitindex Dow Jones fällt an diesem Tag um nahezu unglaubliche 22,6 Prozent – sein prozentual grösste Verlust aller Zeiten. Der damals 41-Jährige hat den Crash also exakt richtig vorhergesagt, sein Name: Marc Faber.

Der berühmte Tropfen zu viel

Es sind Vorhersagen wie diese, die ihm bis heute die Beinamen «Dr. Doom» und «Crash-Prophet» gebracht haben. Er sagte neben diesem «Black Monday» unter anderem auch die Asienkrise 1997/1998 und das Platzen der Technologie-Blase im Jahr 2000 richtig voraus.

Noch heute kennt er den Verlauf und die Notierungen von 1987 auswendig. Im Gespräch mit Business Insider erinnert er sich: «Es war ein Gemisch von Gründen, das diesen Crash ausgelöst hat. Man kann nicht spezifisch sagen: Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.» Das Unterscheidet den «Black Monday» von anderen Börsen-Crashs: 2001 waren es die Anschläge auf das Word Trade Center, 2008 die Lehman-Pleite. Aber: es ist bis heute ist nicht wirklich geklärt, warum es zu dem rasanten Crash kam.

Keine ausreichende Korrektur

Es gibt einige Spekulationen und Erklärungen, warum er in dem Masse vollzogen wurde. Doch einen Auslöser gibt es nicht. «Fakt ist: Der Markt war damals technisch überkauft. Das heisst: Er ist bis zum Sommer 1987 rasant gestiegen ohne ausreichende Korrektur», erklärt Faber. Diese Hausse lief bereits seit 1982.

Bis August 1987 lief diese Aufwärtsbewegung, bis es zu einem Wendepunkt kam. Der US-Dollar wurde immer schwächer, weshalb die US-Notenbank die kurzfristigen Zinsen anhob. Doch diese Massnahme, die die Währung stützen sollte, sorgte vielmehr für Unsicherheit an den Märkten. Dadurch sank der Dow Jones von August bis Mitte Oktober bereits um 475 Punkte, beziehungsweise 17 Prozent.

Verhängnisvolle Leitzinserhöhung

Nachdem die Deutsche Bundesbank im Oktober ihren Leitzins angehoben und damit die D-Mark gegenüber den US-Dollar noch weiter gestärkt hatte, kam es zu einer verhängnisvollen Erklärung des damaligen US-Finanzministers James Baker. Er kündigte an, dass auch die US-Notenbank den Leitzins als Gegenmassnahme anheben werde.

Diese überraschende Ankündigung sorgte dann am Montag für den hohen Verkaufsdruck – «doch das alleine hätten den Dow Jones niemals so stark fallen lassen», erklärt Marc Faber. Das Verhängnisvolle: Computersysteme haben Einzug gefunden in den Handelssaal der Wall Street. Somit war es möglich, seine Aktien beim Unterschreiten eines bestimmten Kurses automatisch verkaufen zu lassen.

Doch die Systeme waren damals völlig überfordert: Die Kurse fielen, Computer stiessen Aktien ab, wodurch der Druck verstärkt wurde und die nächsten Marken gerissen wurde, die wieder automatisierte Verkäufe auslösten. Kurzum: Es entwickelte sich ein Teufelskreis. Ein Jahr dauerte es, bis der Dow Jones diese Verluste wieder aufholte.

Absturz in Japan

Marc Faber erzählt, dass der Crash wegen der Zeitverschiebung erst am Dienstag in Asien ankam. «Am Montag war noch gute Stimmung — die Mehrheit hat nicht mit solch einer Talfahrt gerechnet. Am Dienstag herrschte dann auch in unserem Büro Chaos, weil die Kunden schnellstmöglich ihre Aktien verkaufen wollten.» Die Bilanz: Die japanische Börse erlebte in der Folge des Dow-Jones-Absturzes den bis dato schwersten Kurssturz ihrer Geschichte, in Hongkong wurde die Börse sogar für den Rest der Woche geschlossen.

«Es gab aber auch Märkte, wie Korea oder Sri Lanka, da sind die Kurse weiterhin gestiegen», erinnert sich Faber. «Dort kam die Nachricht vom Crash damals gar nicht an.» Bei der heutigen Vernetzung undenkbar. Alles andere als undenkbar dagegen: Ein Crash wie damals kann sich auch heute jederzeit wiederholen. «Die meisten denken, sowas kann heute nicht passieren. Aber: Auch damals hat niemand an einen Crash gedacht oder ihn in Erwägung gezogen.»

Viele Faktoren treffen auch heute zu

Es gebe viele Faktoren, die einen Crash heute auslösen könnten: «Wir leben in einer massiven Überschuldung in der Welt, die USA haben einen unberechenbaren Präsidenten und das rekordtiefe Zinsniveau ist auch Dauer ebenfalls nicht gesund. Jederzeit könnte einer der Gründe einen vergleichbaren Crash auslösen», warnt der Schweizer.

Ähnlich sieht das zwar auch Börsenexperte Mick Knauff. Er hofft aber, dass es auch einen Lerneffekt aus diese Abstürzen gibt. «Wer in Aktien investiert, muss Schwankungen auch aushalten — auch einen Crash, der immer wieder passieren kann. Wichtig ist, wie man sich im Crash verhält: Nicht panisch Aktien verkaufen, sondern Ruhe bewahren und eventuell sogar den Mut haben, günstig nachzukaufen», empfiehlt er.

Denn auf lange Sicht verdient man mit Aktien jährlich durchschnittlich etwa 7 Prozent – trotz Black Monday, Asienkrise, Dot-Com-Blase oder anderen Markteinbrüchen. Daher lässt sich ein Crash auch immer als etwas andere bezeichnen: Eine historisch günstige Kaufchance.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Business Insider Deutschland unter dem Titel: «Crashprophet Marc Faber warnt: Der Schwarze Montag könnte sich jederzeit wiederholen».
 

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