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Elite
«Alpha-Tiere kriegen den grössten Teil der Beute»

Sandra Navidi: «Die Krise 2008 war eine verpasste Chance.» Kai Nedden

Die Juristin Sandra Navidi bewegt sich in der Welt der Superreichen: Sie verrät, wie die internationale Elite tickt, wo sie ihr Geld anlegt und wo neue Gefahren an den Finanzmärkten lauern.

Von Nele Husmann
am 18.03.2016

Frau Navidi, wie sehen reiche Familien die aktuelle Weltlage?
Sandra Navidi*: Meine Kunden in den Family Offices sehen sie als sehr fragil - als grosse Herausforderung. Gerade der Übergewichtung von Aktien in ihren Portfolios stehen sie mit Skepsis gegenüber. Manche wenden sich auch von den dicken Fischen wie BlackRock oder KKR als Vermögensverwalter ab. Statt der grossen, börsennotierten Asset Manager, für die die Höhe ihrer verwalteten Assets zentral ist, bevorzugen viele Family Offices Nischenspieler, die ihr eigenes Geld gemeinsam mit den Kundengeldern im Risiko haben.

Sie gehen mit George Soros ins Fitnessstudio. Bill Gates nickt Ihnen in Davos zu. Sie vertraten Roubinis Weltsicht gegenüber institutionellen Kunden. Wie haben Sie, die aus der deutschen Provinz stammt, den Eintritt in diese Zirkel geschafft?
Da war keine Strategie dahinter. Ich wusste als Juristin, die institutionelle Investoren in strukturierten Finanzprodukten beriet, anfangs noch nicht viel über die Netzwerke der Finanzwelt. Ich kam kurz vor dem 11. September 2001 von Düsseldorf als Chefjustiziarin bei einer Investmentfirma nach New York. Damals kannte ich keine Menschenseele. 2007 hörte ich Nouriel Roubini an einer Podiumsdiskussion und sprach ihn an. Denn auch ich machte mir meine Gedanken zur Börsenlage. Nouriel und ich hatten die gleiche Wellenlänge. Er wollte mich gleich abwerben für sein Researchhaus - und als sich die Krise 2009 ausweitete, schlug ich ein. George Soros lernte ich schon 2004 kennen, als ich mich in seiner Stiftung Open Society Institute einsetzte.

Roubini lobt Ihr treffsicheres, beinahe intuitives Gespür dafür, wie die internationale Elite denkt. Als Beraterin von Family Offices nutzen Sie dieses Gespür. Wie?
Die Family Offices sind Investmentfirmen sehr reicher Familien, die deren Geld verwalten. Viele leben extrem zurückgezogen, entsprechend diskret treten auch ihre Family Offices auf. Manche von ihnen sind weniger gut vernetzt, andere suchen neue Kontakte in bestimmten Ländern oder Industrien. Ich helfe ihnen, diese Kontakte zu knüpfen. Zum Beispiel habe ich ein Abendessen mit George Soros, dem ehemaligen Karstadt-Investor Nicolas Berggruen und dem Virgin-Milliardär Richard Branson sowie 17 weiteren Family Office Principals arrangiert. Das war für alle spannend.

Als Sie noch für Roubini arbeiteten, warnten Sie oft davor, dass sich die nächste Blase schon wieder aufbauen würde. Nichts geschah.
Dass es noch keinen Crash gegeben hat, muss nicht bedeuten, dass es keine Blase gibt. Ob sie in einem Jahr oder in zwei Jahrzehnten platzen wird, wer weiss? Die Krise 2008 war eine verpasste Chance, richtig aufzuräumen. Zwar haben wir in den USA jetzt eine bessere Bankenregulierung, aber keine grundlegenden Änderungen am System. In der EU ist es noch schwieriger, politische Lösungen zu finden. Die Flüchtlingskrise erzeugt einen kurzfristigen Systemstress. Bei den Family Offices steigt die Sorge vor einer möglichen Terrorattacke und ihren Auswirkungen.

An den Weltbörsen sind die Attacken von Paris und San Bernadino doch vorbeigegangen.
Ich kenne eine Familie, der gehören einige tausend Apartments in New York. Die ist besorgt darüber, dass es zu einem Terroranschlag kommen könnte, der alles in den Keller ziehen würde. Manche spielen Szenarien mit Dirty Bombs oder mit Biowaffen durch - und ein Family Office überlegte sogar, wie man im Fall eines langanhaltenden Stromausfalls nach einer Terrorattacke die USA verlassen könnte, z.B. mit einer Segelyacht mit traditioneller Navigation und einem Flugzeug, das sich manuell fliegen lässt. Eine zweite Staatsangehörigkeit könnte von Vorteil sein, weil fremde Regierungen in Notsituationen versuchen, ihre Staatsangehörigen zu evakuieren.

Wie investieren Sie persönlich angesichts Ihrer eher düsteren Zukunftsprognosen?
Persönlich investiere ich breit gestreut in Indexfonds. Und Hard Assets sind mir wichtig. Aber ich verwalte kein Geld und überlasse dies, genau wie viele Ökonomen - auch Nouriel Roubini - , den Experten.

Werden Amerikas Aktien gegenüber den europäischen noch bevorzugt?
Europa betrachtet man mit Sorge. Europäische Aktien gelten wegen des Quantitative Easing als Gelegenheit, aber makroökonomische und politische Risiken erschweren die Investmententscheidung. Meine Kontakte ziehen die USA vor, obwohl Aktien hier zum Teil überbewertet sind. Sie investieren vermehrt in langfristigeres Private Equity und, breit gestreut, im Technologie- und Biotechnologie-Bereich. Silicon Valley ist noch einmal eine Welt für sich. In der Venture Capital Industrie bahnt sich eine Blase an. Die Milliarden-Bewertungen einiger Unicorns scheinen fundamental nicht gerechtfertigt zu sein.

Die tief gefallenen Ölpreise machen der US-Konjunktur zu schaffen - nicht nur die Ölindustrie selbst liegt wegen des Preisverfalls am Boden, auch die Stahlindustrie jammert, weil mit dem Fracking 20 Prozent ihres Umsatzes wegbrechen. Wie geht es für das Energieland USA weiter?
Die Ölpreise werden so schnell nicht zurückkommen. Die Fed hat die Zinsen angehoben. Das macht den Dollar noch stärker und setzt den Ölpreis weiter unter Druck. Das ist ein Schock für viele US-Unternehmen, die - direkt oder indirekt - im Ölsektor tätig sind.

Kann die US-Wirtschaft die Zinserhöhung verkraften?
Die Erhöhung ist so gering ausgefallen, dass die US-Wirtschaft dies verkraften kann.

Und der Rest der Welt?
Bereits vor der Zinserhöhung zogen Investoren Gelder aus Schwellenländern ab und brachten sie in die USA. Emerging Markets sind in Dollar verschuldet, deshalb macht ihnen die Aufwertung des Dollars schwer zu schaffen. Hinzu kommt, dass die fallenden Commodity-Preise die rohstoffexportierenden Länder treffen. China gilt wegen des nachlassenden Wirtschaftswachstums sowie mangelnder Transparenz und Rechtssicherheit nach wie vor als schwierig.

Wie sehen die Super-Hubs die anstehende US-Wahl: Wird Donald Trump die politische Mitte den Demokraten zuspielen?
Mir gefällt es nicht, wenn ein Wahlsystem auf nur eine wählbare Partei zusammenschrumpft. Viele der Super-Hubs setzten grosse Hoffnungen auf Jeb Bush und sind enttäuscht über seine frühe Aufgabe. Trump hingegen spricht die Sensitivitäten vieler Amerikaner an - offenbar gibt es bei politischer Korrektheit auch einen Pendeleffekt von einem Extrem zum anderen - wie an der Börse. Die Frage ist, wo da die Grenzen sind.

Worauf fussen Ihre Analysen? Arbeiten Sie volkswirtschaftliche Daten mit eigenen Modellen auf?
Ich bin keine Ökonomin, sondern Juristin. Ich informiere mich mit Research und Zahlen öffentlicher Stellen. Vor allem aber bekomme ich mit, was die einflussreichsten Teilnehmer der Finanzwelt denken. Das ergibt sich oft indirekt oder aus dem Kontext. Auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2010 rutschte einem hochrangigen Vertreter einer öffentlichen Institution in einem unbeachteten Moment die besorgte Frage heraus, ob wir glaubten, dass die Eurozone zusammenbrechen würde. Offiziell darauf angesprochen, hätte er diese Sorge nie so klar formuliert, sondern diese Möglichkeit von der Hand gewiesen.

In Ihrem neuen Buch Super-Hubs vergleichen Sie die internationale Finanzszene mit einem Ameisenhaufen. Warum?
An den Weltmärkten geht es wirklich zu wie in einem Ameisenhaufen: Viele haben Einfluss, aber keiner die Kontrolle. Beides sind hochkomplexe Systeme - deshalb beleuchte ich die Finanzwelt unter dem Blickwinkel der Netzwerktheorie.

Sie nennen Reiche und einflussreiche Finanziers wie George Soros Super-Hubs. Was macht diese Extraspezies der Finanzwelt aus?
Jeder Akteur in der Finanzwelt ist eine Node in diesem Netzwerk. Die Noden mit den meisten Verbindungen sind zentrale Knotenpunkte, sogenannte Super-Hubs. Und ich habe mich besonders mit den Super-Hubs beschäftigt, mit denjenigen Akteuren, die die meisten Verbindungen haben und damit den grössten Einfluss.

Sie nennen ausgerechnet Davos als eines der Schlüsselevents der Weltfinanz. Vielen Schweizern geht der Rummel um die Hochbetuchten eher auf die Nerven. Warum sind sie gut beraten, Davos zu ertragen?
Jedes Netzwerk braucht eine Plattform. In Davos laufen wirklich alle Fäden zusammen. Hier sind Topmanager, Spitzenpolitiker und natürlich die Super-Hubs - es ist die Plattform, wo sich die wichtigsten Menschen aus verschiedenen Netzwerken treffen. Die Schweiz ist für Super-Hubs extrem attraktiv - ich habe schon von einigen gehört, dass sie, wenn es hart auf hart kommen würde, in die Schweiz gehen würden - der Kapitalfluss ist einfach, die Rechtslage stabil, dazu die schöne Landschaft und die zentrale Lage. Es ist wirklich eine Insel der Glückseligen.

Sie raten jedermann, sich mit dem Finanzsystem zu beschäftigen. Warum?
Die Kluft zwischen Arm und Reich weitet sich - und immer mehr Leute finden sich auf der armen Seite wieder. Die Mittelschicht schwindet. Das macht unser System instabil. In einer Gesellschaft brauchen alle einander, ein gewisses Mass an Ungleichheit wird dabei in Kauf genommen. Selbst im Tierreich ist es so: Die Alphatiere kriegen eben den grössten Teil der Beute, dafür beschützen sie die anderen in Gefahr. Doch wird das Ungleichgewicht zu gross, bricht die Kooperationsbereitschaft zusammen. Selbst die Elite wächst und tritt stärker in Konkurrenz zueinander. Das sieht man zum Beispiel am politischen Stillstand in Washington. Die Super-Hubs sind keine schlechten Menschen, aber sie handeln im Eigeninteresse. Zugleich sind sie diejenigen, die etwas an unseren Problemen ändern können.

Spätestens seit der Finanzkrise hat sich die öffentliche Stimmung gegen die Drahtzieher aus der Finanzwelt verdunkelt. Sie aber äussern sich eher sympathisierend. Woher nehmen Sie Ihr Mitgefühl - noch gehören Sie doch auch zu den 99 Prozent?
Die Super-Hubs sind auch nur Menschen, allerdings mit extremeren Persönlichkeiten und auch deswegen so erfolgreich. Das Geld wird zur Messlatte - da setzen sich viele sehr unter Druck. Larry Summers zum Beispiel hat den Ruf, schwierig zu sein, aber ich finde ihn nett. Die Super-Hubs agieren sehr unfrei, müssen jedes Wort auf die Goldwaage legen. Da beneide ich sie nicht. Jemand wie Larry Fink lebt als Chef des grössten Geldverwalters der Welt, BlackRock, unter einem Vergrösserungsglas. Das ist eine grosse Belastung. Und was die 99 Prozent angeht: Ich verwirkliche mein persönliches Potenzial - und das macht mich zufrieden.

* Sandra Navidi lebt seit 2001 in New York. Aufgewachsen ist sie in Mönchengladbach. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Uni Köln, an der Fordham University School of Law und an der Uni Paris begann sie ihre Karriere bei Deloitte in der Abteilung für internationale Kapitalmärkte. Später war sie unter anderem Research-Direktorin an Nouriel Roubinis Institut für Finanzwirtschaft RGE, bevor sie das Beratungsunternehmen BeyondGlobal gründete.

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