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EZB-Spitze
Christine Lagarde: Die überraschende Gewinnerin

Brussels, Belgium, November 12, 2012. -- International Monetary Fund (IMF) Managing Director Christine LAGARDE (L) is talking with the President of the European Central Bank (ECB) Mario DRAGHI (R) prior an Eurozone Ministers meeting in the EU Council headquarter. (Photo by Thierry Tronnel/Corbis via Getty Images)

Christine Lagarde: Die IWF-Chefin hatte immer wieder mit ihrem möglichen Amtsvorgänger zu tun. 

Quelle: Corbis via Getty Images

Die Nominierung als EZB-Chefin ist vor allem ein diplomatischer Sieg für Frankreich. An der EZB-Geldpolitik dürfte sich nicht viel ändern.

Melanie Loos
Von Melanie Loos
am 03.07.2019

Christine Lagarde soll neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. Das haben die Staats- und Regierungschefs der EU entschieden. Formell müssen noch das Europäische Parlament und der EZB-Rat konsultiert werden. Das dürfte allerdings nur eine Formalie sein: Dass Lagarde im 1. November Mario Draghi ablöst, ist so gut wie sicher.

Ihr Amt als Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) lässt sie nun bis zur Bestätigung des neuen Postens ruhen. Normalerweise würde ihre Amtszeit in Washington erst in zwei Jahren enden.

Das für die Brüsseler Spitzenjobs typische Postengeschachere begann schon Monate vor der Europawahl im Mai. Viele Namen waren im Spiel, mehreren europäischen Notenbankern wurden immer wieder gute Chancen eingeräumt: Dem französischen Zentralbank-Chef François Villeroy de Galhau, dem früheren Notenbankchef aus Finnland Erkki Liikanen oder dem Chef der deutschen Bundesbank Jens Weidmann.

Dass Frankreich nun mit Christine Lagarde bereits zum zweiten Mal in der kurzen Geschichte der EZB die Präsidentschaft stellt, überrascht. Noch überraschender ist die Personalie, weil sie nicht einmal als mögliche Kandidatin für die EZB im Vorfeld gehandelt wurde. Und vor rund einem Jahr winkte sie noch ab: In einem Interview mit der «Financial Times» sagte sie, sie sei an einem europäischen Amt nicht interessiert.

Gewinner des politischen Ringens

Die Entscheidung ist Ausdruck eines zähen politischen Ringens – einen EU-Gipfel und einen dreitägigen Sondergipfel brauchte es, bis sich alle Mitgliedstaaten auf die vier Spitzenämter einigen konnten. Gewonnen haben nun Deutschland und Frankreich – bei der Besetzung der EU-Kommissionsspitze hat das Europäische Parlament allerdings noch ein Mitspracherecht.

Damit Deutschland erstmals seit 52 Jahren die Kommissionspräsidentin stellen kann – sofern Ursula von der Leyen von den EU-Abgeordneten mitgetragen wird –, bedarf es eines ebenso mächtigen europäischen Amtes für Frankreich. Das ist wohl nur der EZB-Job. Deutschland hatte zwar mit Jens Weidmann auch einen Kandidaten für die EZB in petto. Doch ein deutscher EZB-Chef wäre nicht mehrheitsfähig gewesen – also bekommt Frankreich bereits zum zweiten Mal das Amt. Der Vorgänger Draghis war von 2003 bis 2011 Jean-Claude Trichet

Nun wird erstmals eine Frau zur obersten Währungshüterin in Europa. Für Christine Lagarde dürfte das normal sein: Sie war 2011 die erste Präsidentin des IWF und 2007 die erste Wirtschafts- und Finanzministerin in Frankreich. Zudem ist sie bekennende Feministin.

Künftiger EZB-Kurs

Mit der EZB arbeitete Lagarde vor allem als IWF-Chefin auf dem Höhepunkt der Eurokrise: Zusammen schürten sie das Rettungspaket für Griechenland. Die von Mario Draghi kürzlich angekündigte Lockerung der Geldpolitik dürfte Lagarde fortsetzen. Das erfordern die konjunkturelle Abkühlung und die weiterhin schwache Inflation in Europa

So erwarten auch viele Analysten, dass Lagarde die lockere Geldpolitik der EZB fortsetzen wird. Obwohl sie weder eine erfahrene Zentralbankerin und noch ausgebildete Ökonomin ist, werden ihre politischen Fähigkeiten und ihre Erfahrung an der Spitze einer internationalen Finanzinstitution viel wert sein. Schliesslich geht es um nichts weniger, als die Eurozone zusammenzuhalten. 

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