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Geldpolitik
EZB ohne Draghi: Auch die neue Führung muss die Euro-Zone kitten

FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - MARCH 07: Mario Draghi, President of the European Central Bank (ECB), speaks to the media following a meeting of the ECB Governing Council at ECB headquarters of March 7, 2019 in Frankfurt, Germany. Economic growth in the Eurozone group of nations has stalled, partially due to uncertainties caused by the tariff conflicts initiated by the administration of U.S. President Donald Trump, both with China and the European Union. (Photo by Thomas Lohnes/Getty Images)
Mario Draghi: Der Italiener an der Spitze der EZB steht vor dem Rücktritt.Quelle: Getty Images

Bei der Europäischen Zentralbank hat das Stühlerücken begonnen. Die neue Führung steht vor einer Reihe von Herausforderungen.

Von Lucrezia Reichlin*
am 09.06.2019

Peter Praets Ausscheiden folgt auf den Abschied von Vizepräsident Vítor Constâncio. Als Nächstes werden EZB-Präsident Mario Draghi und Benoît Coeuré vom Direktorium der EZB folgen. Diese Veränderungen in der Führung bieten eine Gelegenheit, über die Herausforderungen nachzudenken.

Als einzige wirklich föderale Institution der Euro-Zone hat die EZB in den vergangenen Krisen als «Institution der letzten Instanz» agiert und versucht, die Risse zu kitten, wenn nationale Regierungen keine Einigung erzielen konnten. Dies ist ihr trotz ihrer komplexen Leitungsstruktur gelungen.

Eine erfolgreiche Bilanz

Draghi betont, dass es Praet war, dessen Empfehlungen der EZB-Rat in den letzten acht Jahren regelmässig gefolgt ist. Der Erfolg der ausscheidenden Führungsköpfe bei der Konsensbildung sollte nicht als selbstverständlich angesehen werden.

In den letzten zehn Jahren hat die EZB ihr geldpolitisches Instrumentarium erheblich erweitert. Es war für sie viel schwieriger, diese unkonventionellen Massnahmen zu ergreifen, als für das Federal Reserve, die Bank of England und die Bank of Japan. Dennoch hat es die EZB hervorragend verstanden, den Grundsatz zu verteidigen, dass diese Auswirkungen weniger wichtig sind als die Notwendigkeit (und der wirtschaftliche Vorteil für alle), den Euro zu erhalten und die Deflation zu bekämpfen.

Die Aufgaben der neuen Führung

Nun wird sich ein neues Führungsteam neuen Herausforderungen stellen müssen. Die Ernannten der EZB müssen fachlich kompetent, in der Wirtschaftsgemeinschaft geschätzt und politisch unbelastet sein, damit sie dem Druck nationaler Regierungen standhalten können.

Ihre Aufgabe ist es, eine für die gesamte Euro-Zone sinnvolle Strategie zu entwickeln und gleichzeitig konstruktiv mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten. Das sind hohe Anforderungen. Falls ihnen die nächsten Führungsköpfe der EZB nicht gerecht werden, ist der Euro in Gefahr.

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«Die Aufgabe, die Euro-Zone zusammenzuhalten, wird weiter der EZB zufallen.»

Eine neue Generation von Politikern, die nicht an Kompromissen beteiligt war

Erschwerend kommt hinzu, dass die Europäische Kommission und der Europäische Rat bis 2020 jeweils einen neuen Präsidenten und neue Führungsteams haben werden und dass im Europäischen Parlament eine neue Generation von Politikern sitzen wird, die nicht an den Kompromissen und Reformen des letzten Jahrzehnts beteiligt war.

Vielmehr werden viele von ihnen in einem politischen Umfeld gewählt worden sein, das von Wut, schwindendem Vertrauen und Fragmentierung innerhalb der EU geprägt ist. Dennoch besteht ein Konsens, dass die Euro-Zone mehr als Geldpolitik braucht, um Wachstum und Stabilität zu gewährleisten.

Photo by Laura Lezza/Getty Images
Mario Draghi: Der italienische Ökonom steuerte die EZB durch die Finanzkrise.
Quelle: Getty Images

Es gibt jedoch wenig Konsens über die erweiterten föderalen Kompetenzen und das erhöhte Mass an Risikoteilung, die die Voraussetzung für solche Massnahmen wären. Die Aufgabe, die Euro-Zone zusammenzuhalten, wird weiter der EZB zufallen.

Es wird keine einfache Aufgabe sein. Die EZB muss die Transparenz ihres Entscheidungsprozesses verbessern. Der Kampf um die Unabhängigkeit wird das nächste Jahrzehnt bestimmen. Während die nationalen Regierungen an die Auswahl eines neuen EZB-Präsidenten und -Vorstands denken, ist zu hoffen, dass sie die Aufgabe, die richtigen Frauen und Männer für den Job auszuwählen, ernst nehmen werden.

* Lucrezia Reichlin, Wirtschaftsprofessorin an der London Business School.

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