Wenigstens in einem Punkt scheint sich die Welt einig: Eine Rezession muss vermieden werden, auf Teufel komm raus. Von Amerika über Europa bis Asien setzten die Notenbanken ­alles daran, ihre Volkswirtschaft mit Supertiefzinsen und offenen Geldschleusen zu schmieren, und die Poli­tiker fragen höchstens, ob nicht noch ein bisschen mehr drinliegt.

Kein Wunder auch: Spontan wird Rezession mit grauer Krise gleichgesetzt – man denkt an bankrotte Firmen, Arbeitslosenschlangen, wütende Menschen und stürzende Regierungen. Mit schiefen Analogien von Jugend, ­Alter und Tod glauben viele, dass es in der Wirtschaft so etwas wie einen Lebenskreis gibt – und dass wir jetzt, nach zehn langen Jahren des Wachstums, ­jederzeit mit einem Ermüdungsbruch rechnen müssen.

Das wirkt zwar plausibel, aber solche quasi-biologischen Regeln lassen sich nicht erhärten. Australien, so ein vielzitiertes Gegenbeispiel, hat seit 1991 keine Rezession mehr gemeldet.

Schluss mit Luxus

Anderseits stimmt es ja: Abschwünge gehören zur kreativen Erneuerung. Sie setzen schwächere Unternehmen unter stärkeren Duck und werfen ganz schwache Buden aus dem Markt; sie zwingen die Manager zu Effizienzübungen und sorgen dafür, dass die Firmen auf organisatorischen Luxus verzichten. Manchmal krempeln sie ganze Branchen um – so geschehen mit der Schweizer Textilindustrie, die in der Krise der 1970er Jahre weitgehend aus dem Land verschwand. Ein anderer Fall war die Uhrenindustrie, die in derselben Rezession ebenfalls schwer geschlagen wurde: Sie konnte sich neu erfinden. Und ist heute stärker als zuvor.

Für Unternehmen, die solide finanziert sind und gut im Markt stehen, entstehen also auch Chancen. Sie können Marktan­teile gewinnen; sie können angeschlagene Konkurrenten günstig schlucken.

Rezession und Populismus

Der umfassendere Blick macht heute allerdings stutzig: Einst halfen Abschwünge, die Inflation zu deckeln. Die Löhne stockten, die Nachfrage lahmte, sodass die Preise nur schwerlich hochgetrieben werden konnten. Zugleich neigten die Menschen in der Krise dazu, mehr zu sparen. Allgemein gehört es zur Rezession, dass Schulden verschwinden (manchmal via Bankrotte, oft zum Leidwesen der Gläubiger).

Die Regierungen wie­der­um greifen zu Fitnessübungen wie Steuersenkungen oder zu Hilfsmitteln wie dem Ausbau des sozialstaatlichen Netzes. Ergo kommt im Jahr 2019 doch ein mulmiges Gefühl auf bei der Idee, dass wir in eine ernste Rezession schlittern könnten. Denn die Inflation ist jetzt sowieso kein Thema. An Kapital fehlt es kaum, sodass man sich schwer vorstellen kann, wie eine stärkere Sparneigung dereinst die Maschine neu anfeuern soll. Und bei den monströsen Staatsschulden wirken Steuersenkungen oder Sozialausbau eher als Verschärfung denn als Beitrag zur Lösung späterer Probleme.

Rezession – bei diesem Wort kann ­einem in Zeiten des Populismus also wirklich bang werden. Beruhigung verhiess immerhin eine Untersuchung deutscher Ökonomen. Denn die ergab jüngst: Rezessionen führen tendenziell dazu, dass sich die Stimmbürger wieder mehr hinter den staatstragenden Kräften und Parteien scharen.

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