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Konjunktur
Die dunkle Seite des Mondes: Chinas Wirtschaft vor dem Umbruch

Traffic Jam Beijing China

Erstmals seit zwei Jahrzehnten sank der Automobil-Absatz: Verkehrsstau in Beijing.

Quelle: 2014 ChinaFotoPress

Das Reich der Mitte wird zum Schlüsselproblem für die Weltkonjunktur. Chinas Wirtschaft steht vor einem neuen Umbruch.

Kommentar  
Von Ralph Pöhner
am 05.01.2019

Das hatte man so noch nicht erlebt. 
Am Mittwoch musste der Tech-Riese ­Apple eine Gewinnwarnung herausgeben, und zur Erklärung wies Konzernchef Tim Cook weit über den Pazifik: «Obwohl wir einige Herausforderungen in wichtigen Emerging Markets erwartet hatten, sahen wir das Ausmass der ökonomischen Abschwächung nicht voraus, insbesondere in China», teilte Cook mit. «Über 100 Prozent unseres globalen Umsatzrückgangs gegenüber dem Vorjahr entstand in Greater China

Mit anderen Worten: Weltweit lief es eigentlich prima, aber China riss alles runter.

Natürlich ist das Reich der Mitte für Apple ein Nebenmarkt, doch es geht um das Signal. Momentan wird eifrig darüber spekuliert, was die globale Konjunkturlokomotive am heftigsten bremsen könnte – Italiens Verschuldung, Trumps Handelszank, steigende Zinsen, ein missratener Brexit, Immobilienkrisen da und dort. Doch der Elefant in der Mitte des Raumes ist offenbar ein Drache: In den letzten Wochen häuften sich die Meldungen, wonach die zweitwichtigste Volkswirtschaft der Erde von ernsthaften Problemen gepackt wird.

  • Das Wachstum fiel im Herbstquartal auf den tiefsten Stand seit 2009.
  • Der Einkaufsmanager-Index rutschte im November aufs tiefste Niveau seit 19 Monaten.
  • Die Gewinne der Industrie sanken erstmals innert drei Jahren.
  • Die Zahlungsausfälle und Firmenpleiten haben sich gegenüber dem Vorjahr fast verdreifacht.
  • Die Autoverkäufe sackten ab Herbst mit zweistelligen Prozentzahlen ab: 2018 sank Chinas Autoabsatz zum ersten Mal seit über zwei Jahrzehnten.

Die Finanzwelt ahnte es

All das sind keine Geheimnisse, im Gegenteil: Mit einem Minus von 27 Prozent legte Chinas Aktienmarkt im abgelaufenen Jahr die schlechteste Entwicklung unter allen wichtigen Börsenplätzen hin. Die Finanzwelt witterte also ganz gut, dass der grosse Motor ernsthaft ins Stottern kommt.

Zwei Kräfte hatten ihn jahrzehntelang befeuert, nämlich mehr und mehr Exporte sowie mehr und mehr Hochhäuser, Strassen, Fabriken oder Shopping Malls. Wer die leerstehenden Wolkenkratzer in Chinas Glitzerstädten sah, ahnte längst, dass der Infrastruktur-Boom demnächst ans Ende kommen muss. Und auf den Exportmärkten gelangten die Hersteller aus Shenzhen oder Guangzhou in Sphären, wo die Luft dünner und die Konkurrenz entschlossener wurde. Donald Trumps Zollstreit ist da bloss ein Aspekt unter diversen.

Gross, aber nicht stark

Einen Tag nach Apples Gewinnwarnung zog das Parteiblatt «China Daily» in einem sehr kritischen Kommentar Bilanz: Chinas Industrie sei gross, aber nicht stark. Sie liege sowohl bei der Arbeitsproduktivität wie bei der Effizienz, der Rentabilität oder bei der Gesamt-Produktivität weit hinter dem Weltniveau. Das Land müsse innovativer werden, es müsse seine traditionellen Unternehmen erneuern und zugleich junge Industrien erschaffen, es benötige neue Organisationsmodelle – und all das rasch.

Nur so schaffe China den Anschluss an die laufende industrielle und technologische Revolution.

Dies waren ungewohnte Töne aus einem Staat, der jetzt gerade die Rückseite des Mondes erhellt. Und der auch hierzulande mehr und mehr als Leuchte der ökonomischen und industriellen Zukunft empfunden wird.

Es wird uns nun beschäftigen: Das Konjunkturklima in Europa und den USA wird 2019 trüber – und in dieser Lage steht bei der dynamischsten Maschine der letzten Jahrzehnte eine grössere Überholung an. 

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