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Analyse
Die Parallelen zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg

Robert Shiller Ende August in Lugano: Er zieht Parallelen zwischen heute und 1937. Keystone

Ähnlich wie 1937 herrscht heute in vielen Teilen der Welt wirtschaftlicher Pessimismus. Das schwache Wachstum fördert Wut, Intoleranz und Gewaltbereitschaft, schreibt Nobelpreisträger Robert Shiller.

Von Robert J. Shiller
am 14.09.2014

Die Depression, die auf den Börsenkrach von 1929 folgte, verschlimmerte sich acht Jahre später, und eine Erholung brachten erst die enormen wirtschaftlichen Impulse, die vom Zweiten Weltkrieg ausgingen – einem Konflikt, der mehr als 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Als die wirtschaftliche Erholung endlich kam, lagen weite Teile Europas und Asien in Trümmern.

Die derzeitige Situation weltweit ist nicht annähernd so düster, doch Parallelen gibt es, insbesondere zum Jahr 1937. Wie damals wurden – und werden – auch diesmal viele Menschen über einen langen Zeitraum enttäuscht, und viele sind am Verzweifeln. Ihre Angst in Bezug auf ihre langfristige wirtschaftliche Zukunft wächst. Und derartige Ängste können schwerwiegende Folgen haben.

Ukraine-Krieg eine Folge der Finanzkrise

So könnten die Auswirkungen der Finanzkrise von 2008 auf die Volkswirtschaften der Ukraine und Russlands letztlich dem aktuellen Krieg dort zugrundeliegen. Laut Internationalem Währungsfonds erlebten sowohl die Ukraine als auch Russland zwischen 2002 und 2007 ein spektakuläres Wachstum: Das reale BIP pro Kopf stieg während dieser Zeit in derUkraine um 52 Prozent und in Russland um 46 Prozent.

Dies ist nun Geschichte: Im letzten Jahr lag das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in der Ukraine bei lediglich 0,2 Prozent und in Russland bei nur 1,3 Prozent. Die durch eine derartige Enttäuschung erzeugte Unzufriedenheit könnte zur Erklärung der Wut der ukrainischen Separatisten, der Unzufriedenheit der Russen und der Entscheidung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Annexion der Krim und zur Unterstützung der Separatisten beigetragen haben.

«Neue Normalität»: Weniger Wachstum

Die Verzweiflung, die seit der Finanzkrise die Unzufriedenheit antreibt – und das nicht nur in Russland und der Ukraine – hat einen Namen: die «neue Normalität», ein von Bill Gross, dem Gründer des Anleihe-Giganten PIMCO, bekannt gemachter Begriff, der auf die verschlechterten langfristigen Aussichten beim Wirtschaftswachstum verweist.

Auch die nach 1937 gefühlte Verzweiflung führte damals zum Aufkommen ähnlicher neuer Begriffe. Ein Beispiel ist «säkulare Stagnation» als Bezeichnung einer langfristigen wirtschaftlichen Abschwächung. Das Wort «säkular» leitet sich vom lateinischen saeculum ab, was eine Generation oder ein Jahrhundert bezeichnet. Das Wort «Stagnation» legt einen Sumpf nahe, also einen Nährboden für virulente Gefahren. Und auch in den späten 1930er Jahren machten sich die Leute Sorgen über die Unzufriedenheit in Europa, die bereits den Aufstieg von Adolf Hitler und Benito Mussolini bewirkt hatte.

1937 war von Pessimismus geprägt

Ein anderer Begriff, der um 1937 plötzlich Verbreitung fand, war «Unterkonsumptionismus», eine Theorie, laut der ängstliche Menschen bestrebt sind, für die vor ihnen liegenden schweren Zeiten zu viel zu sparen – wodurch der von den Leuten angestrebte Sparbetrag die verfügbaren Anlagechancen übersteigt. Daher, so die Theorie, bewirkt dieser Wunsch zu sparen keine Erhöhung der Gesamtersparnis, mit der neue Unternehmen gestartet und neue Gebäude errichtet und verkauft werden usw.: Obwohl die Anleger die Preise für bestehende Anlagegüter in die Höhe treiben, bewirken ihre Sparversuche lediglich eine Konjunkturverlangsamung.

«Säkulare Stagnation» und «Unterkonsumptionismus» sind Begriffe, in denen ein zugrunde liegender Pessimismus zu Ausdruck kommt, der, indem er vor Ausgaben abschreckt, nicht nur die Volkswirtschaft schwächt, sondern zugleich Wut, Intoleranz und Gewaltbereitschaft hervorruft.

Intoleranz, aggressiver Nationalismus, Krieg

In seinem grossen Werk The Moral Consequences of Economic Growth (Die moralischen Folgen wirtschaftlichen Wachstums) hat Benjamin M. Friedman viele Beispiele aufgeführt, wo ein abnehmendes Wirtschaftswachstum – mit unterschiedlicher und manchmal langer zeitlicher Verzögerung – zu Intoleranz, aggressivem Nationalismus und Krieg führte. Seine Schlussfolgerung: «Der Wert eines wachsenden Lebensstands liegt nicht nur in den konkreten Verbesserungen, die dieser für das Leben der einzelnen Menschen mit sich bringt, sondern auch darin, wie er den sozialen, politischen und letztlich den moralischen Charakter eines Volkes formt.»

Einige werden die Bedeutung wirtschaftlichen Wachstums in Zweifel ziehen. Vielleicht, so sagen viele, sind wir zu ehrgeizig und sollten eine höhere Lebensqualität mit mehr Freizeit geniessen. Vielleicht haben sie Recht.

Menschen nie mit neuen Freizeitchancen zufrieden

Doch das wahre Problem sind Selbstwertgefühl und die sozialen Vergleichsprozesse, die der Psychologe Leon Festinger als universelles menschliches Merkmal ausgemacht hat. Auch wenn viele es bestreiten werden: Wir vergleichen uns ständig mit anderen und hoffen, auf der sozialen Leiter aufzusteigen. Die Menschen werden nie mit neu erkannten Freizeitchancen zufrieden sein, solange das ihrer Versagen im Vergleich zu anderen zu signalisieren scheint.

Die Hoffnung, dass wirtschaftliches Wachstum Frieden und Toleranz fördert, beruht auf der Neigung der Menschen, sich nicht allein in der Gegenwart mit anderen zu vergleichen, sondern auch mit ihren Erinnerungen an Menschen – einschliesslich sich selbst – aus der Vergangenheit. Friedman formuliert: «Offensichtlich kann nichts bewirken, dass es der Mehrheit der Bevölkerung besser geht als allen anderen. Aber es ist nicht nur möglich, dass es den meisten Menschen besser geht als zuvor, sondern dies ist genau, was Wirtschaftswachstum bedeutet.»

Sanktionen gegen Russland müssen beendet werden

Die Kehrseite der gegen Russland wegen dessen Verhalten in der Ost-Ukraine verhängten Sanktionen ist, dass sie eine Rezession überall in Europa und darüber hinaus hervorrufen könnten. Dies wird der Welt unzufriedene Russen, unzufriedene Ukrainer und unzufriedene Europäer bescheren, deren Selbstvertrauen und Unterstützung für friedliche demokratische Institutionen sich abschwächen wird.

Auch wenn irgendwie geartete Sanktionen gegen internationale Aggression nötig zu sein scheinen, müssen wir uns der mit Extrem- oder Strafmassnahmen verbundenen Risiken bewusst bleiben. Es wäre hochgradig wünschenswert, zu einer Einigung über die Beendigung der Sanktionen zu gelangen, Russland (und die Ukraine) vollständiger in die Weltwirtschaft einzubinden und diese Schritte mit einer expansionären Wirtschaftspolitik zu kombinieren. Eine zufriedenstellende Lösung des aktuellen Konflikts erfordert nichts weniger.

Robert J. Shiller wurde 2013 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Er ist Professor für Ökonomie an der Universität Yale und, zusammen mit George Akerlof, Verfasser von Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert.

Copyright: Project Syndicate, 2014. 
www.project-syndicate.org

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