Ob Energiekrise oder Zinsschock, nichts konnte die Schweizer Wirtschaft bisher aus der Bahn werfen. 
Doch es mehren sich die Anzeichen, dass mit dem meteorologischen auch der konjunkturelle Sommer zu Ende geht. Schliesslich ist die Schweiz keine Insel, sondern als kleine offene Volkswirtschaft hochgradig vom Ausland abhängig.

Und da muss vor allem die Lage in Deutschland hellhörig machen. Der nach den USA zweitwichtigste Absatzmarkt für Schweizer Unternehmen steckt in einer Krise und der «Economist» spricht bereits wieder vom «kranken Mann Europas», so wie um die Jahrtausendwende. Die deutsche Regierung scheint den Ernst der Lage noch nicht erkannt zu haben oder ist unfähig, mehrheitsfähige Lösungen zu finden. Die deutsche Rezession könnte sich noch länger hinziehen, und es wäre ein kleines Wunder, wenn sich die Schweiz diesem Sog entziehen könnte. Und nachdem es um den Franken lange ruhig war, ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis die Klagen aus der Industrie wieder losgehen – jetzt, da die Aufträge wegen der globalen Nachfrage wegbrechen.

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Der Bauzulieferer Arbonia befindet sich nach eigenen Angaben bereits in einem «perfekten Sturm». Auch im Rest der Industrie ist der Stimmungsumschwung längst angekommen und die Alarmlampen leuchten tiefrot. Die Umfragewerte sind im Keller. Der Einkaufsmanagerindex PMI ist im Juli auf 38,5 Punkte, den tiefsten Stand seit 2009, abgesackt. Die kritische Schwelle, die Wachstum und Kontraktion trennt, liegt bei 50. Knapp die Hälfte aller befragten Chefeinkäufer berichten von einem Rückgang der Produktion, nur 17 Prozent haben den Output erhöht.
In der Vergangenheit war es jeweils eine Frage von wenigen Monaten, bis auch der Dienstleistungssektor der Konjunktur im verarbeitenden Sektor gefolgt ist. 

Auch der Service-PMI ist im Juli unter 50 gefallen. Noch besteht die Hoffnung, dass es sich um einen Ausreisser handelt. Wenn es aber in diesem Stil weitergeht, ist klar: Der Abschwung kommt – oder der viel beachtete PMI ist als Konjunkturindikator unbrauchbar. 

Solch schwache Umfragewerte sind auch nicht mehr mit einem Beschäftigungswachstum vereinbar. Und während in der Industrie ein Stellenabbau droht, rollt durch die UBS-Übernahme der CS auch im Banking eine Entlassungswelle an. Im Bau- und Immobiliensektor wirkt der Zinsschock erst mit Verzögerung, wodurch eine weitere Stütze der Schweizer Konjunktur wegbricht.

Angesichts dieses massiven Gegenwinds wird eine weitere Zinserhöhung durch die SNB immer unwahrscheinlicher. Schliesslich bildet sich die Inflation fast so schnell zurück, wie sie gekommen ist.

Auch die seit letztem Jahr bewährte Strategie der SNB, die inflationsdämmende Wirkung der Zinserhöhungen mit dem Verkauf von Devisen zu unterstützen, muss langsam überdacht werden. Der Franken ist stärker denn je und braucht diese Krücke nicht mehr.

Mit der Situation von 2011 ist die Situation nicht vergleichbar, als die SNB auf die Wechselkurskrise mit der Einführung des Mindestkurses reagierte. Im Unterschied zu damals ist der Franken gemäss Kaufkraftmodellen wegen der Inflationsdifferenz nur leicht überbewertet.
 

rop
Peter Rohnerist Chefökonom der Handelszeitung.Mehr erfahren