Das Rennen um die Nachfolge von Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) kommt mir vor wie die Endrunde des Eurovision Song Contest. Die Regierungen wollen, dass ein Kandidat aus ihrem Land gewinnt, weil sie das gut aussehen lässt. Die Folge dürfte eine Abstimmung in Blöcken sein, bei der sich die nördlichen und südlichen Mitgliedstaaten der EU gegenüberstehen.

Dies ist der falsche Ansatz. Besser sollten sich die EU-Staaten fragen, welche Kriterien ein Kandidat erfüllen muss, um ein effektiver EZB-Präsident zu sein, und dann nach der Person suchen, die diese Kriterien am besten erfüllt.

Drei Anforderungen ragen heraus

Drei Anforderungen ragen dabei heraus. Zunächst einmal muss der Präsident ein Mannschaftsspieler sein. Jene Kommentatoren, die mit der Politik der Bank unter Draghi nicht einverstanden waren, vergessen häufig, dass der Präsident nicht die politische Linie festlegt, sondern vielmehr bei den Sitzungen des EZB-Rates, auf denen die Entscheidungen darüber getroffen werden, den Vorsitz führt.

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Mario Draghi: Führte die Europäische Zentralbank durch die Euro-Krise.

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Obwohl sich diese Kritiker zweifellos wünschen, dass der neue Präsident mit der Abrissbirne an die EZB-Entscheidungen des vergangenen Jahrzehnts herangeht, gibt es keine Hinweise darauf, dass die übrigen Ratsmitglieder das zulassen werden. Im Gegenteil: Sie haben angesichts der Probleme, mit denen sich die EZB auseinandersetzen musste, gute Gründe, ihre früheren Entscheidungen als überraschend erfolgreich zu betrachten. Künftige Währungshistoriker dürften dem zustimmen.

Zweitens braucht der EZB-Präsident einen soliden Hintergrund in Ökonomie. Zwar loben die Mitarbeiter des Fed im vertraulichen Gespräch regelmässig US-Notenbankchef Jerome Powells gründliches Verständnis wirtschaftswissenschaftlicher Fragen, obwohl dieser keinen Doktor in der «traurigen Wissenschaft» hat. Doch ist Powell eine seltene Ausnahme der Regel, dass eine formelle Bildung in ihrem Fach für Notenbankpräsidenten unverzichtbar ist.

Zu hoffen ist, dass zu den Bewerbern auch mehrere Frauen gehören

Manche mögen argumentieren, dass die Festlegung der Geldpolitik genau wie das Fliegen eines Passagierflugzeugs nicht schwierig sei. Das mag zu normalen Zeiten stimmen. Doch in einer Krise, in der vorherrschende wirtschaftliche Konzepte häufig versagen und Lösungen aus dem Lehrbuch nicht mehr funktionieren, liegen die Dinge anders. Und weil die Unsicherheit dann in der Regel sprunghaft zunimmt, müssen die Notenbanken schnell und entschlossen handeln.

Genau wie die Fluggäste sich einen erfahrenen Piloten wünschen, wenn ihr Flugzeug ein Problem hat, erfordert eine Wirtschafts- oder Finanzkrise einen Notenbanker mit klarer Auffassung davon, was zu tun ist. Und mit dem Selbstbewusstsein, entschlossen zu handeln.

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Drittens muss der neue EZB-Präsident die Vielfalt der Euro-Zone widerspiegeln. Es sollte die am besten geeignete Person ernannt werden. Kein EU-Land hat ein Monopol auf gute Kandidaten. Aus Gründen der Legitimität sollte die Präsidentschaft im Idealfall zwischen grossen und kleinen Ländern und zwischen Nord- und Südeuropa alternieren.

Zu hoffen ist, dass zu den Bewerbern auch mehrere Frauen gehören.

Stefan Gerlach ist Chefökonom der EFG Bank in Zürich und früherer Vize-Präsident der irischen Notenbank.