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Forderung
G20-Gruppe plädiert für «inklusives Wachstum»

Slum in Manila, Philippinen: Laut OECD ist die Kluft zwischen Arm und Reich grösser geworden. Keystone

In der Abschlusserklärung der G20-Gruppe ist von «inklusivem Wachstum» die Rede, von dem Reich und Arm profitieren sollen. Die Debatte über das Thema gewinnt weltweit an Fahrt.

Veröffentlicht am 25.07.2016

Die Forderung gibt es schon lange: Alle sollen vom Wachstum profitieren, die Armen und die Reichen, die Industriestaaten und die Schwellenländer. Neu ist der Begriff, unter dem diese Grundsatzdebatte nun wiederentdeckt wurde und inzwischen international an Fahrt gewinnt: Inklusives Wachstum. Er findet sich in immer mehr Politiker-Reden, wie zuletzt auch beim Treffen der Finanzminister und Notenbank-Chefs der G20-Gruppe der führenden Industrie- und Schwellenländer im chinesischen Chengdu.

In der G20-Abschlusserklärung ist vom Ziel eines «starken, nachhaltigen, ausgewogenen und inklusiven Wachstum» die Rede. Chinas Finanzminister Lou Jiwei, Gastgeber des Treffens, bemühte die Vision einer «innovativen, dynamischen, vernetzten und inklusiven Weltwirtschaft», in der es fair und sozial gerecht zugehen soll - auf sein Land ging er dabei nicht ein.

Populistische Gruppen sammeln die Verängstigten 

Die Wiederbelebung dieser alten Debatte hat einen aktuellen Hintergrund. In immer mehr Industriestaaten und Schwellenländern geraten momentan die politischen Machtverhältnisse durch aufstrebende populistische Bewegungen ins Wanken. Diese machen sich die oft mit der Globalisierung verbundenen Befürchtungen in der Bevölkerung zunutze. Das Brexit-Votum der Briten ist nur ein Beispiel.

«Es geht um sehr viel mehr als den Brexit», versichert ein altgedienter G20-Streiter. Er verweist auf den Erfolg des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump in den USA, der mit dem Versprechen wirbt, die USA vor gefährlichen Einflüssen von aussen zu schützen. Auch in Frankreich, Spanien, Portugal und in Deutschland gibt es Kräfte, die das politische Machtgefüge mit populistischen Mitteln auszuhebeln versuchen.

Ökonomischer Nutzen nicht einziges Kriterium 

Für den Begriff des «inklusiven Wachstums» hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine eingängige Definition. «Inklusives Wachstum ist ein ökonomisches Wachstum, das für alle Teile der Bevölkerung Möglichkeiten schafft und das die Früchte des erarbeiteten Wohlstands, in geldlicher wie in nicht-geldlicher Form, fair in der Gesellschaft verteilt».

Die Organisation nennt auch Argumente, warum inklusives Wachstum ein Ziel der Politik sein soll: Trotz beständigen Wachstums hätten viele Menschen seit Jahren keine Einkommenszuwächse mehr erzielt. «Die Kluft zwischen Arm und Reich wird grösser und die Eliten sichern sich den Löwenanteil an diesem Wachstum», beschreibt die OECD die Lage. Das berge sozialen Sprengstoff. Dabei geht es nicht nur ums Geld sondern auch um Bildung, Lebenserwartung und -Lebensqualität sowie Beschäftigungsaussichten. Am Ende entscheide Teilhabe oder Nicht-Teilhabe wohl über die Zukunft moderner Gesellschaften.

Ökonomischer und sozialer Nutzen

Die Bertelsmann-Stiftung stellt fest: «Die Zunahme von Ungleichheit zeigt, dass wirtschaftliches Wachstum nicht länger Fortschritt für jeden in der Gesellschaft bedeutet.» Sie beschäftigt sich daher mit Konzepten und Empfehlungen, um das zu korrigieren. Das Kriterium für politische Handlungen lautet danach: «Politische Massnahmen müssen nach ihrem ökonomischen und ihrem sozialen Nutzen gleichermassen bewertet werden». Beratungsbedarf in solchen Fragen sieht, das steht in ihrem Kommunique, auch die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer. 

(reuters/cfr)

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