Regierungen und Unternehmen rund um den Globus stemmen sich gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Auf mehr als 270 Billionen Dollar belaufen sich die weltweiten Gesamtschulden. Staaten, Unternehmen, Banken und Privathaushalte haben zusammen Verbindlichkeiten angehäuft, die mehr als die dreieinhalbfache der jährlichen Leistung der Weltwirtschaft betragen. 

Das Problem ist nicht nur die Höhe der Verschuldung, sondern auch das Tempo, mit dem sie steigt – es ist historisch einmalig. In den ersten drei Quartalen dieses Jahres stiegen die gesamtwirtschaftlichen Bruttoschulden um 15 Billionen Dollar – fast die Hälfte davon Staatsschulden, und zwar vor allem in den Industrieländern. 

Globale Verschuldung erreicht Rekordhöhe

Damit ist die westliche Welt im Vergleich zur Wirtschaftsleistung so hoch verschuldet wie zuletzt am Ende des Zweiten Weltkriegs. In den Schwellen- und Entwicklungsländern sind die Werte so hoch wie niemals zuvor.

Und bis Ende des Jahres werde der globale Schuldenberg auf einen Rekordwert von 277 Billionen Dollar ansteigen, schätzt das Institute of International Finance (IIF), ein Verband der Finanzindustrie. Das entspräche einer Schuldenquote von 365 Prozent des Welt-BIP. Bis im Jahr 2030 werde die globale Gesamtverschuldung auf 360 Billionen Dollar weiter ansteigen. 

Vor dem «Angriff des Schulden-Tsunami» warnt das Institute, dem UBS-Präsident Axel Weber derzeit vorsitzt. «Es besteht erhebliche Unsicherheit darüber, wie die Weltwirtschaft in Zukunft ihren Schuldenstand abbauen kann, ohne dass dies erhebliche negative Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit hat», so der Bericht.

Rekordverschuldung in den USA

In den Industriestaaten stieg die Verschuldung im dritten Quartal sogar auf über 432 Prozent des BIP – ein Anstieg um 50 Prozentpunkte seit 2019. Fast die Hälfte dieses Anstiegs entfiel auf die USA, die eines der grössten Konjunkturpakete der Welt umgesetzt haben. In der Folge stieg die Staatsverschuldung in diesem Jahr von 70 auf 80 Billionen Dollar.

In der Eurozone führten die Massnahmen der Regierungen im gleichen Zeitraum zu einem Anstieg der öffentlichen Schulden um 1,5 Billionen Dollar auf 53 Billionen Dollar. Dies liegt immer noch unter dem Rekordwert der Region von 55 Billionen US-Dollar im zweiten Quartal 2014, als die Region mit der Staatsschuldenkrise zu kämpfen hatte.

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In den Schwellenländern stieg die Verschuldung auf über 248 Prozent des BIP, wobei der Libanon, China, Malaysia und die Türkei den grössten Anstieg der Unternehmensschulden im nichtfinanziellen Sektor zu verzeichnen hatten.

Wie lange geht das gut?

Die Corona-Pandemie ist nicht die einzige Ursache, die den Schuldenberg derart ansteigen liess. Während etwa 15 Billionen Dollar dieses Anstiegs im Jahr 2020 inmitten der Covid-19-Pandemie verzeichnet wurden, hatte sich der Schuldenaufbau bereits in den Jahren zuvor stark beschleunigt. 

Kann das gut gehen? Solange die Zinsen so niedrig sind, bleibt die Verschuldung tragbar. Aber gleichzeitig verschulden sich Unternehmen und Privatpersonen durch die günstigen Zinsen immer weiter. Das ist riskant. 

Denn wie können diese Schulden abgetragen werden, wenn die Wirtschaft kaum wächst? Laut dem Internationalen Währungsfonds IWF schrumpft die Weltwirtschaft dieses Jahr um 4,4 Prozent, 2020 dürfte sie wieder um rund 5 Prozent wachsen. Grössere Schuldenstände setzen Regierungen, Unternehmen und Haushalte in Zeiten des wirtschaftlichen Abschwungs einem erhöhten Risiko aus, da sie diese Schulden bedienen müssen.

Risiko einer Schuldenkrise wächst

Organisationen wie der IWF und die Weltbank warnten bereits Ende 2019 vor einer Schuldenkrise. Bisher sei diese nur vermeidbar gewesen durch sehr niedrige Zinsen und die massive geldpolitische Unterstützung der Zentralbanken sowie Finanzhilfen jener Organisationen an Schwellenländer und Schuldenerleichterungen der G20.

Doch nun schliesst der IWF eine durch die Pandemie verursachte Schuldenkrise nicht mehr aus. Auch die Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, warnt vor einer Kreditklemme: «Die Covid-19-Krise hat nicht als Finanzkrise begonnen, aber sie entwickelt sich zu einer globalen Finanzkrise». 

Die kommende Kreditkrise werde nicht durch wirtschaftlichen Auf- und Abschwung («boom and bust») angetrieben, wie es bei der letzten Finanzkrise der Fall war, sondern vom «historischen Ausmass» der Verschuldung bei einem wahrscheinlich andauernden Einbruch der Wirtschaft, schreibt Reinhart im «Economist».

Am schwersten werde es Haushalte mit niedrigem Einkommen treffen und kleinere Firmen, die über weniger Kapital verfügen, um eine Insolvenz abzuwenden.