Wie sind die Lieferketten in der Schweiz jetzt aufgestellt?
Wolfgang Stölzle: Viele KMU und auch grössere Betriebe mussten in den letzten Wochen ihre Produktion herunterfahren beziehungsweise ganz einstellen: Es klemmt bei der Belieferung und die Nachfrage bleibt aus.

Mit welchen Folgen?
Kosten bleiben, Umsätze fehlen: Viele Unternehmen brauchen derzeit Kurzarbeitsentschädigung und Notkredite, im schlimmsten Fall müssen sie Insolvenz ­anmelden. Das produzierende Gewerbe muss dabei gleich zwei Schocks auf einmal verdauen: einen Angebotsschock, weil die Lieferketten abgerissen sind und Produktionsprozesse aufgrund der Schutzvorschriften wie Hygiene- und Abstandsregeln erschwert aufrecht­zuerhalten sind. Und einen Nachfrageschock, der vor allem politisch bedingt ist.

Was meinen Sie damit?
Die Politik erzeugt seit März anhaltend Angst bei der breiten Bevölkerung, ohne dass notwendige und hinreichende medizinische Begründungen geliefert werden. Nach der Devise «Angst statt Aufklärung». Die Menschen geben daher nur noch Geld für den lebensnotwendigen Alltag aus, generell herrscht eine verbreitete Kauf- und Investitionszurückhaltung. Seitens der Politik fehlen verlässliche Aussagen zu einem berechenbaren Ausstiegsszenario aus noch gültigen Restriktionen.

Die Schweiz sperrt ja langsam wieder auf. Keine Erholung in Sicht?
Politisch muss das Hochfahren positiv begleitet werden. Nicht nur mit Sonderetats, sondern auch mit ­feinfühliger kommunikativer Marktstimulierung. Wirtschaftlich bleibt zu hoffen, dass Zulieferer, Handel und Dienstleister ihre Hausaufgaben gemacht und sich auf den Ramp-up vorbereitet haben. Die spannende Frage ist hoffentlich bald, wer schnell startklar sein wird.

Was könnten Massnahmen für eine zweite Welle sein?
Die aktuelle politisch-mediale Kommunikation zu der sogenannten zweiten Welle gehört für mich in die Schublade «Angstniveau hochhalten». Sämtliche Unternehmen sollten generell für jedwede Krisensituation Notfallpläne in der Schublade haben. Die fehlen ja oft, man hat offenbar aus der Krise 2008/09 doch nicht so viel gelernt wie gedacht. Auch schadet ein sattes Liquiditätspolster nicht, obwohl es die Working-Capital-­Position schlechter aussehen lässt. Gerade die Logistikunternehmen sollten sich Stresstests unterziehen.
Ihre Prognose für die Unternehmen?
Viele mittelständische Unternehmen werden sich überlegen, ob sie weitermachen, aufgeben oder Investoren hereinholen. Noch lässt sich nicht abschätzen, wer wen aufkaufen wird oder welche Investoren wo einsteigen werden. Aber ich gehe von einer sichtbaren Restrukturierung des Logistikmarktes in der Schweiz aus. Und auch im Industriebereich ist mit strukturellen Änderungen zu rechnen.

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Umbau der Lieferketten

Was das für Schweizer Firmen bedeutet, zeigt das Beispiel Aebi Fischer. Mehr hier

Inwiefern?
Man wird überlegen, wie man sich robuster aufstellen kann. Man wird die starke Arbeitsteilung insbesondere im globalen Kontext überdenken. Outsourcing nach China könnte an Attraktivität verlieren. Dies mag bedeuten, wieder mehr Wertschöpfung in die Schweiz ­zurückzuverlagern.

Wird eine Renationalisierung der Produktionen die Globalisierung umkehren?
Bis Februar hätte ich noch gesagt, das können sich die Schweizer Unternehmen nicht leisten. Jetzt steht die Frage im Raum, ob und wann wir politisch in den Schweizer Februar 2020 zurückkommen werden. Meine Prognose dafür ist nur durchwachsen optimistisch.