Europa steht vor einem gefährlichen Winter mit historisch niedrigen Dieselvorräten. Betroffen ist vor allem der Nordwesten. Laut dem Research-Unternehmen Wood Mackenzie werden die Vorräte an Strassenverkehrsdiesel, Heizöl und anderen dieselartigen Kraftstoffen in der Region im November auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2011 schrumpfen.

Das bedeutet, dass die Versorgungspuffer kleiner als üblich sind, während sich Europa gleichzeitig auf eine potenziell schwere Energiekrise im Winter vorbereitet.

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«Wir gehen davon aus, dass die Vorräte saisonüblich abnehmen werden, aber wir starten von einer sehr niedrigen Basis aus», sagte James Burleigh, leitender Analyst für die europäischen Ölmärkte bei der Beratungsfirma. «Auf der Nachfrageseite haben wir den üblichen saisonalen Anstieg.»

Diesel ist für Pkw und Lkw in Europa, wo die Verwendung seit jeher finanziell gefördert wird, unverzichtbar. Derartige Kraftstoffe werden auch in Schiffen verwendet und im Baugewerbe und in der verarbeitenden Industrie eingesetzt. Nach Angaben von Insights Global sind die Vorräte in unabhängigen Lagern im Ölhandelszentrum Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen auf dem niedrigsten Stand seit mindestens 2008.

Natürliche Knappheit

Europa ist strukturell knapp an Dieselkraftstoff und auf regelmässige Lieferungen aus Übersee angewiesen. Diese natürliche Knappheit könnte Anfang nächsten Jahres zu einem grösseren Problem werden, wenn ein EU-Importverbot für Einfuhren auf dem Seeweg aus Russland – derzeit der grösste externe Lieferant des Kontinents – in Kraft treten soll.

Licht aus!

«Der Trumpf der Schweiz, die Wasserkraft, seien es Lauf- oder Speicherkraftwerke, sticht in diesem Jahr kaum», schreibt Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff in seiner wöchentlichen Kolumne vom Mittwoch. Eine Strommangellage würde sich abzeichnen. Und auf die EU sei, wegen des Fehlens eines bindenden Abkommens, kein Verlass.

«Mittels Angebotsausweitung werden wir den sich akut abzeichnenden Stromengpass kaum überbrücken können. Und ob die EU, die wohl selbst mit Knappheit konfrontiert sein wird, ein paar Gigawatt für die Schweiz übriglässt, steht völlig in den Sternen», so Neff.

Alles düster also? Nicht unbedingt, aber irgendwie schon. Denn Neff sagt: «Es geht sehr gut auch mit weniger (Licht). Würde der Strompreis sich an der Knappheit orientieren, die bekanntlich ihren Preis hat, würden wir sicherlich ganz anders mit der Elektrizität haushalten. Knappheit ist stets auch ein sanfter Zwang zum Sparen, was durchaus positiv zu werten ist in einer Gesellschaft, die im Überfluss lebt.»

«Ich wünschte mir im Geheimen, es würde tatsächlich mal richtig eng», schreibt er weiter. «Das Potenzial von Einsparungen ist nämlich immens, würde aber nur dann auch etwas besser ausgeschöpft. Wahrscheinlich müssten wir nicht mal frieren, wenn wir nicht noch gleich die Umgebung mitheizen würden, weil wir das Kippfenster ganztags geöffnet haben und die Wohnung den ganzen Tag auf 22 Grad beheizt wird, obwohl wir vielleicht nur mal gerade 12 Stunden zu Hause sind.»

Und zum Schluss noch ein Licht-Aus-Plädoyer: Die Läden an der Bahnhofstrasse und sonst wo würden sicherlich keine Umsatzeinbussen erleiden, wenn die Schaufenster nachts nicht hell erleuchtet wären, meint Neff, und schiebt gleich eine Frage nach. «Schauen Sie einmal selbst, wo es nachts überall hell ist, nicht zu sagen grell. Braucht’s das wirklich?»

Selbst jetzt, zu einer Jahreszeit, in der die Lagerbestände in Europa normalerweise ansteigen, gibt es Anzeichen für Versorgungsengpässe. Der Ölraffineriebetreiber OMV Deutschland meldete einen «Run» auf Heizöl und Diesel. Auch Österreich, die Schweiz und Ungarn haben in den letzten Monaten angekündigt, dass sie Öl aus ihren Reserven freigeben werden.

Niedrige Pegelstände des Rheins – eines wichtigen Flusses für die Verschiffung von Kraftstoffen – sind dabei nicht hilfreich. Bei niedrigem Wasserstand können die Lastkähne nur eine begrenzte Menge laden. Das erschwert die Verschiffung von Kraftstoffen von der Ölhandelsdrehscheibe des Kontinents ins europäische Binnenland, insbesondere über den wichtigen Zwischenstopp Kaub, nahe Koblenz.

Ein Teil des Problems beim Aufbau von Lagerbeständen besteht darin, dass der Markt keine Anreize dafür bietet. Derzeit wird Kraftstoff für die Lieferung in den Wintermonaten mit einem Abschlag auf den August-Dieselfutures-Kontrakt gehandelt. Diese Struktur, die als Backwardation bekannt ist, signalisiert einen angespannten Markt und hält Händler davon ab, Kraftstoff in Vorratstanks zu lagern.

(bloomberg/ise)