Regierungen auf der ganzen Welt reagieren auf die Covid-19-Krise energisch mit einer kombinierten fiskalischen und monetären Intervention, die bereits 10 Prozent des globalen BIP erreicht hat. Diese Massnahmen werden aber den Konsum und die Investitionen kaum in dem Masse ankurbeln, wie es die Politik hofft.

Das Problem besteht darin, dass ein beträchtlicher Teil des Geldes direkt in Kapitalpuffer geleitet wird, was zu einer Erhöhung der Vorsorgeguthaben führt. Die Situation ähnelt der «Liquiditätsfalle», die John Maynard Keynes während der Grossen Depression so sehr beunruhigte.

In Zeiten tiefer Unsicherheit steigen die vorsorg­lichen Ersparnisse in der Regel an, da Haushalte und Unternehmen aus Angst vor der Zukunft an Bargeld festhalten. Die gegenwärtige Krise bildet da keine Ausnahme.

Gastautor

Joseph E. Stiglitz ist ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Columbia University. Er war von 1997 bis 2000 Chefökonom der Weltbank.

Ein Grossteil des Geldes, das Haushalte und Unternehmen in Form von Konjunkturschecks erhalten, wird wahrscheinlich auf ihren Bankkonten brach liegen bleiben, weil sie sich Sorgen um die Zukunft und eine breitere Reduzierung der Ausgabemöglichkeiten machen. Gleichzeitig werden die Banken wahrscheinlich auf der überschüssigen Liquidität sitzen bleiben müssen, da es an kreditwürdigen Kreditnehmern fehlt, die bereit sind, neue Kredite aufzunehmen.

Es überrascht nicht, dass sich die überschüssigen Reserven, die in US-Depotstellen gehalten werden, zwischen Februar und April von 1,5 Billionen Dollar auf 2,9 Billionen Dollar fast verdoppelt haben. Zum Vergleich: Während der Grossen Rezession erreichten die Überschussreserven in den Banken nur eine Billion Dollar.

Dieser massive Anstieg der Bankreserven deutet darauf hin, dass die bisher durchgeführten Konjunkturmassnahmen einen geringen Multiplikatoreffekt hatten. Es liegt auf der Hand, dass Bankkredite allein uns nicht aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen Sackgasse herausführen werden.

Unsicherheit bremst Konsum und Investitionen

Erschwerend kommt hinzu, dass die heutige Überschussliquidität hohe soziale Kosten mit sich bringen kann. Abgesehen von den üblichen Befürchtungen hinsichtlich Verschuldung und Inflation gibt es auch guten Grund zur Sorge, dass die überschüssigen Bankgut­haben für Finanzspekulationen verwendet werden könnten.

Die Aktienmärkte kreisen bereits jetzt täglich heftig – und diese Volatilität könnte wiederum das Klima zunehmender Unsicherheit aufrechterhalten, was zu noch mehr Vorsichtsmassnahmen führen und sowohl den Konsum als auch die für den Aufschwung erforderlichen Investitionen beeinträchtigen könnte.

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In diesem Fall werden wir es mit einer Liquiditäts­falle und einem Liquiditätsproblem zu tun haben: massive Zunahme der Geldmenge und nur begrenzte Verwendung des Geldes durch Haushalte und Unternehmen. Gut konzipierte Konjunkturmassnahmen könnten helfen, sobald Covid-19 unter Kontrolle gebracht worden ist. Solange die Pandemie jedoch noch wütet, kann es keine Rückkehr zur Normalität geben.

Der Schlüssel für den Augenblick liegt also darin, das Risiko zu verringern und die Anreize für Ausgaben zu erhöhen. Solange die Unternehmen befürchten, dass die Wirtschaft in sechs Monaten oder in einem Jahr immer noch schwach sein wird, werden sie Investitionen zurückstellen und damit die Erholung verzögern.