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Rivalität
Warum Chinas Aufstieg neue Gefahren schafft

Xi Jingping und Donald Trump: Die Spannungen zwischen den beiden Ländern verstärken sich. Quelle: Keystone

China ist zur Weltmacht geworden. Der wachsende Einfluss der Volksrepublik schafft neue Risiken für die Weltwirtschaft.

Von Nando Sommerfeldt und Holger Zschäpitz («Die Welt»)
05.01.2018

Es gibt drei Säulen, auf denen der Erfolg des Westens beruht – man muss fast schon sagte beruhte. Das sind natürlich die politische und ökonomische Dominanz, die Amerika und Europa zu Dekaden der Überlegenheit verholfen haben. Dann jedoch gibt es auch einen sogenannten weichen Faktor, der für die Stärke der westlichen Welt verantwortlich ist – die «Soft Power».

Damit ist der sanfte Einfluss auf den Rest gemeint. Wenn etwa eine Nation wie die USA für ihre Kultur und Lebensweise bewundert wird, dann verleiht dieses Heraufschauen Amerika mehr globale Macht.

Der Aufstieg von China

Während die politische und wirtschaftliche Säulen bereits seit einigen Jahren bröckeln, droht die Alte Welt jetzt auch ihren letzten Trumpf zu verlieren. Problematisch ist die Entwicklung vor allem deshalb, weil alle drei Säulen von derselben Macht unterminiert werden – der Volksrepublik China.

Ian Bremmer, der Gründer des renommierten Analysehauses Eurasia Group, hat deshalb die «gelbe Gefahr» in seinem jährlich erscheinenden Risikoreport beschworen. Und zwar als das grösste Risiko für das Jahr 2018.

Globale Machtansprüche

«Bis zum vergangenen Jahr hat Peking offiziell keine globalen Machtansprüche angemeldet. Das hat sich geändert», schreibt Bremmer. Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping habe sich quasi in einem Machtstreich die uneingeschränkte innenpolitische Herrschaft verschafft.

Bremmer vergleicht die geopolitischen Folgen dieses Coups mit der Auflösung der Sowjetunion durch Michael Gorbatschow und damit dem Ende des Kalten Krieges. Denn nun habe Xi jede Legitimation, der Welt auch aussenpolitisch seinen Stempel aufdrücken zu können.

Durch Donald Trump begünstigt

Begünstigt wird der Aufstieg durch den Faktor Donald Trump. Präsident Xi Jinpings erfolgreiche Machtkonsolidierung hilft ihm, ein globales Machtvakuum zu füllen, das die Abkehr des US-Präsidenten von einem Multilateralismus unter der Führung Washingtons geschaffen hat. In Bereichen wie Handel und Investitionen, Technologie und Werten setzt China internationale Standards mit weniger Widerstand denn je zuvor.

«Für den Grossteil des Westens ist China kein attraktiver Ersatz», schreiben die Experten von Eurasia. «Aber für die meisten anderen ist es eine plausible Alternative. Und da Xi bereit und willens ist, diese Alternative anzubieten und den Einfluss Chinas auszuweiten, ist dies in diesem Jahr das grösste Risiko der Welt.»

Auch Lateinamerika wendet sich China zu

Das Reich der Mitte ist dabei nicht nur ökonomisch und politisch die besagte Alternative, sondern auch als Rollenmodell attraktiv. Schon jetzt, so führt Bremmer in seiner Analyse aus, würden viele Länder China als besseres Vorbild begreifen, als es der Westen ist.

Dabei handelt es sich nicht nur um Länder im Nahen Osten, die vor allem Amerika seit jeher reservierter gegenüberstehen. Auch grosse lateinamerikanische Nationen wie Mexiko, Chile, Peru oder Brasilien wenden sich dem neuen Vorbild China zu.

Vorbild für andere Länder

Bemerkenswert ist zudem, dass selbst verbündete Nato-Nationen wie die Türkei inzwischen das Modell Peking stärker bewundern als das Washingtons. «Jahrzehntelang glaubte der Westen, dass der Aufstieg von Chinas Mittelklasse dazu führt, dass Peking das Land politisch liberalisiert und öffnet, schon allein aus einem gewissen Überlebensdrang heraus. Stattdessen wird das Modell China stärker als je zuvor wahrgenommen und das zu einer Zeit, wenn Amerikas politisches Modell wankt», schreibt Bremmer. China baue seine Soft Power rapide aus.

Die Idee von der Soft Power ist kein intellektuelles Glasperlenspiel, sondern kann den Auf- und Abstieg von Nationen befördern. Das Konzept brachte Anfang der 90er-Jahre der amerikanische Historiker Joseph Nye auf. Er beschrieb die Idee, dass Nationen auch jenseits ihrer Grenzen Macht ausüben können – ohne dass sie Panzer auffahren lassen oder diplomatischen Druck ausüben müssen. Die sanfte Macht wirkt allein durch ein positives Image, eine hohe Lebensqualität oder kulturelle Anziehungskraft.

Der Westen verliert an Anziehungskraft

In einer Welt des globalen Wettbewerbs spielt die Soft Power eine immer wichtigere Rolle. So findet man auf dem globalen Arbeitsmarkt zum Beispiel eher Talente, wenn man sympathisch wirkt. Und Geschäfte macht man lieber mit Partnern, die stabil wirken und denen man vertrauen kann.

Doch die Alte Welt verliert ihre positive Ausstrahlung und Anziehungskraft. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Denkfabrik Portland, die jährlich den Soft-Power-Index veröffentlicht. Dort finden sich an der Spitze zwar weiterhin westliche Nationen, doch China steigt Jahr für Jahr auf. Vor zwei Jahren noch auf Rang 30, steht das Reich der Mitte inzwischen auf dem 25. Platz. Damit folgt die Soft Power der harten ökonomischen Kraft des Landes. Schon jetzt hat China die USA überholt, wenn man die Wirtschaftsleistung in kaufkraftbereinigten Dollar heranzieht.

Chinas Konzerne gewinnen an Einfluss

Und die chinesischen Konzerne steigen auf der globalen Börsenleiter immer höher. Mit den Internet-Kolossen Tencent und Alibaba stehen gleich zwei Firmen unter den grössten Börsengesellschaften der Welt. In den Top 100 finden sich 13 Konzerne aus dem formal kommunistischen China, das sind beispielsweise fast drei Mal so viele wie aus Deutschland mit seiner sozialen Marktwirtschaft.

Chinas Aufstieg ist durchaus heikel. Denn die Ablösung einer Supermacht durch eine andere verlief in der Geschichte niemals reibungslos. Wie der Harvard-Historiker Graham Allison in seinem Werk «Destined for War» geschrieben hat, mündete die Wachablösung nicht selten in einem Krieg. Allison geht der Frage nach, ob sich Amerika und China langfristig auf Kollisionskurs befinden.

Konflikte mit den USA

Zumindest wirtschaftlich wird das Verhältnis bereits rauer. Die US-Regierung stoppte jetzt die Übernahme des Finanzdienstleisters Moneygram durch den chinesischen Rivalen Ant Financial’s. In den vergangenen Monaten hatte Washington bereits andere Übernahmen verboten. Selbst das chinesische Aussenministerium schaltete sich in den Fall Moneygram ein.

Man hoffe, dass Washington faire und transparente Bedingungen schaffe, damit chinesische Unternehmen investieren können, hiess es aus Peking. Etwas gereizter klang ein Kommentar der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Die USA und China würden 2018 auf einen holprigen Weg geraten, wenn Washington weiter Alleingänge unternehme. Dann müsse China Gegenmassnahmen prüfen.

Solche Töne kann nur anschlagen, wer weiss, dass sich die globalen Machtverhältnisse gerade zu seinen Gunsten verschieben.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Chinas neue Macht versetzt den Westen in Angst».

 

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