Die Bilanz ist rasch gezogen. Der Werkplatz hat stark Federn gelassen – es gibt deutlich weniger Jobs. 5400 Stellen fielen wegen des starken Frankens weg: Das zeigt eine Liste von Firmen, die der Gewerkschaftsbund seit dem 15. Januar 2015 aufdatiert. An diesem Datum hob die Schweizerische Nationalbank den Mindestkurs zum Euro auf.

Auch der Ausblick ist schnell gemacht. Die harte Währung wird das Land weiter prägen. Kürzen weitere Firmen ihr Personal, so steigt die Arbeitslosigkeit auch 2016 an. Selbst wenn die Zunahme nicht dramatisch wird, geht dies nicht spurlos
an Konsum und Wachstum vorbei. Bleibt der Euro-Kurs, wo er ist, so erwartet die Schweiz kein einfaches Jahr.

Die Lagebeurteilung könnte an dieser Stelle auch enden – etwa mit dem Verweis auf die 10'000 bis 20'000 zusätzlichen ­Arbeitslosen, welche die nächsten Monate bringen dürften. Oder mit einer Anmerkung zu den drohenden Steuerausfällen,  deren Grössenordnung erst im Verlauf der kommenden Jahre richtig fassbar wird.

Allerdings würde dann ein wichtiger Punkt unter den Teppich gekehrt: Die ­Tatsache, dass die Firmenlandschaft sehr ­heterogen ist. Zwar kämpft fast jede Firma irgendwie mit dem starken Franken. Aber längst nicht alle Firmen bauen deswegen Stellen ab. Im Gegenteil. Zahlreiche ­Unternehmen haben im abgelaufenen Jahr vorwärts gemacht – beim Umsatz, bei den Investitionen, beim Personalaufbau. Das Wachstum dieser Firmen hat für die Volkswirtschaft einen grossen Stellenwert.

Informatikbranche baut auf

Ein Beispiel ist die Informatikbranche. Dort wird trotz Währungsstärke unbeirrt weiter gewirtschaftet. Zu den Investoren zählt Swisscom. Sie hat Ressourcen in den Netzausbau und den Kundendienst gesteckt. 2015 wuchs die Mitarbeiterzahl um 229 Personen. Auch KMU wie AdNovum legten zu. Die IT-Firma mit Sitz in Zürich ­beschäftigt in der Schweiz inzwischen 320 Mitarbeiter, 15 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Der Zuwachs entspreche etwa dem Marktwachstum, sagt CEO Chris Tanner, der auch 2016 mit steigenden Umsatz- und Personalzahlen rechnet.


Diese Firmen stellen ein: Klick zum Vergrössern der Karte.

Auch in der Pharmabranche geht etwas. Die resistenteste aller Industriebranchen hat die Beschäftigung letztes Jahr halten oder leicht ausbauen können, schätzt Thomas Binder vom Verband Vips. Dies etwa dank den 870 von Roche in Kaiseraugst und Basel geschaffenen Stellen. Zudem hat eine ganze Reihe ausländischer Firmen angekündigt, ihre Konzernfunktionen in der Schweiz auszubauen: Die deutsche Bayer, die chinesiche Tasly, Santen aus Japan und Teva Pharma aus Israel. Diverse Grossinvesti­tionen in Anlagen wurden aufgegleist: Celgene baut in Neuenburg, CSL Behring in Lengnau BE, Biogen in Luterbach, ­Ypsomed in Solothurn. Addiert man diese Vorhaben, ergibt sich ein Total von über 1000 Stellen für die nächsten Jahre.

Das ist eine ganze Menge. Laut dem Forschungsbüro BAK Basel soll die Pharmabranche bis 2025 sogar um rund 8000 Arbeitsplätze wachsen. «Nur positive Zeichen für die Branche» sieht auch Bet­tina Ernst vom Verband Swiss Biotech. Der Gesundheitssektor sei ein Zukunftsmarkt, die Schweiz in der Forschung führend.

Erfolgreiche Medtech-Firmen

Eine Firma, der zuletzt der Durchbruch gelang, ist Santhera in Liestal. Ihr Wirkstoff Raxone wurde in der EU zugelassen, jetzt startet Santhera mit der Produktion durch. Die Mitarbeiterzahl hat sich im letzten Jahr von 12 auf 24 verdoppelt.

Viele KMU aus dem Bio- und Medtechbereich sind erfolgreich unterwegs. Etwa BioConcept, ein Hersteller steriler Nähr­lösungen in Allschwil. Wie Chef Martin Howald «fast mit Angst» sagt, sei 2015 ein gutes Jahr gewesen. Im August ging eine neue Anlage in Betrieb, 2016 wird Geld in neue Tanks und Infrastruktur gesteckt. «Einige Angestellte kommen auch noch hinzu», sagt der Leiter der 40-Personen-Firma.

Die Wachstumsfirmen kompensieren die Stagnation in Branchen wie Detailhandel oder Tourismus. Und sie ermöglichen den Strukturwandel, den die Wirtschaft in der kommenden Zeit vollziehen muss.

Selbst in der MEM-Industrie, die am lautesten über den harten Franken klagt, sind Firmen im Aufwind. Vielfach sind es hoch spezialisierte Unternehmen, deren Namen in der Zeitung selten auftauchen. Firmen wie die Werkzeugherstellerin Urma aus Rupperswil. Dort wurden jüngst 7 Millionen Franken in neue Räumlichkeiten investiert. Der Entscheid fiel schon vor zwei Jahren, würde laut Firmenchef Urs Berner aber heute nicht anders gefällt. «Die Aufwertung trifft uns zwar, aber wir bleiben auch bei einem Euro-Kurs von 1,10 Franken rentabel.» Berner will dieses Jahr nochmals zehn Mitarbeiter anstellen.

Die Eigenschaften der Gewinnerfirmen

Handeln statt hadern – der Fokus auf die versteckten Champions ist aufschlussreich. Mehrere typische Merkmale kristallisieren sich als Erfolgsfaktoren heraus.

Erstens: die Konzentration auf Spitzentechnologie. Fast alle Exportbetriebe, die sich derzeit behaupten können, sind beim Fortschritt an vorderster Front dabei. Sei es in der Neuroimmunologie oder sei es mit der Produktion von Bohrmaschinen, deren Fehlertoleranz unterhalb eines Mikrometers liegt – eine Leistung, die so praktisch nur in der Schweiz möglich ist.

Zweitens: Der hohe Automatisierungsgrad. Komplexe Maschinen sind teuer, doch sie zahlen sich aus Sicht der Gewinnerfirmen aus – weil sie helfen, die Personalkosten zu senken und weil sich dadurch die Produktion skalieren lässt. Schweizer Ingenieurskunst ermöglicht es so, selber «Massenware» im Inland herzustellen, wie die Beispiele von Hamilton (siehe Kasten rechts) oder Swatch zeigen. Die Uhrenfirma hat dieses Jahr in Boncourt eine neue Fabrik eröffnet, um Sistem51 zu ­produzieren: Ein maschinell gefertigtes, mechanisches Uhrwerk aus nur 51 Teilen.

In der Schweiz laufen die Fäden zusammen

Drittens: Die hochmargigen Geschäftsmodelle. Gerade in der Biotechbranche funktionieren diese oft nach dem Prinzip  «alles oder nichts». Schlägt ein Wirkstoff ein, so winken hohe, durch Patente abgesicherte Gewinne aus dem Medikamentenverkauf. Tim Dyer, CEO der Genfer ­Addex Therapeutics, hat mit der Parkinsontherapie-Substanz Dipraglurant vor ­einigen Tagen einen regulatorischen Meilenstein erreicht. Besteht der Wirkstoff auch den finalen Test, könnte aus Addex eine Turnaround-Geschichte nach dem Vorbild von Santhera werden.

Viertens: Die globale Vernetzung. Unternehmen wie AdNovum, Urma oder Siegfried haben ihre Basis in der Schweiz. Hier laufen alle Fäden zusammen, hier ist der diffizilste und auch der lukrativste Teil der Wertschöpfungskette angesiedelt. Nicht in Konkurrenz, sondern in Ergänzung dazu stehen die Satelliten im Ausland. Dorthin werden einfachere, weniger profitable und auch leichter zu kopierende Prozesse verlagert. Wachstum findet parallel statt: Baut die Firma im Ausland auf, so zieht dies die ­Aktivitäten in der Heimat mit.

Ein typisches «Mikro-Multi»

Eine Firma, die diese Merkmale musterhaft verkörpert, ist Appway aus Zürich. Das Unternehmen, das eine Softwareplattform für vernetzte Businessapplikationen entwickelt, hat Büros in Genf und Lugano; Niederlassungen in New York, Toronto, Singapur und Hongkong sind die Aussenposten. Chef Hanspeter Wolf bezeichnet seine Firma deshalb als «Mikro-Multi»: Als KMU, das mit 200 Angestellten den Weltmarkt von Asien bis Amerika beliefert.

«Multi» ist bei Appway auch die Belegschaft, welche sich aus 33 Nationalitäten ­zusammensetzt. Der 41-jährige Selfmade-Unternehmer erachtet diese Diversität als zentral. «Wir sind auf Expansionskurs und brauchen qualifizierte Mitarbeiter aus ­aller Welt, um Entwicklung und Erschlies­sung neuer Märkte voranzutreiben.»

Rund die Hälfte der Belegschaft von Appway stammt aus der Schweiz. 2015 wurden hierzulande rund 60 Stellen geschaffen; 2016 sollen nochmals 100 Mit­arbeiter angestellt werden, hauptsächlich im Inland. «Wir sind absolut überzeugt von Zürich», sagt Hanspeter Wolf – um im selben Atemzug anzumerken, dass die Vorteile nicht in Stein gemeisselt seien. Wolf beschäftigen die neuen restriktiven  Regeln zur Erfassung und Handhabung der Arbeitszeiten sowie die drohende ­politische Selbstisolation der Schweiz.

Die Sorgen der Boomfirmen

Wolf steht mit der Kritik nicht allein da. Fast alle Unternehmer schätzen an der Schweiz zwar die moderate Steuerlast, das gute Bildungssystem, die hohe Lebensqualität. Gleichzeitig wird aber befürchtet, dass sich das Land selbst um den wohl­verdienten Erfolg bringt. «Die Politik droht den Produktionsstandort zu sabotieren», sagt Hans-Jörg Etter, Chef der Elektronikfirma Optiprint in Berneck. Seine Firma kämpft mit bürokratischen, kontraproduktiven Subventionen beim Strompreis.

Auch Boomfirmen haben Sorgen – das zeigen die Gespräche mit Involvierten. Ganz oben auf der Liste steht die Abschottung der Schweiz: Ein Wegfall von Per­sonenfreizügigkeit und bilateralen Ver­trägen würde viele Unternehmen treffen. ­Unternehmen, welche die Zukunft der hiesigen Wirtschaft repräsentieren.

Diese Firmen zeigen, dass die Schweiz am starken Franken nicht zugrunde gehen wird. Sondern dass die grossen Risiken woanders liegen: In der Gefahr, dass sich die allgemeinen Standortbedingungen weiter verschlechtern. So, dass irgendwann auch die fitten Firmen aufhören, hier zu investieren und zu expandieren.

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