Ist die Energieversorgung der Schweiz durch Importe von Atomstrom, Erdgas und Erdöl heute zu auslandabhängig?
Daniel Büchel*: Im Energiesektor sind wir in der Schweiz effektiv in einer sehr hohen Auslandabhängigkeit, stammen doch drei Viertel der Gesamtenergie von den fossilen Energieträgern Erdöl und Erdgas. Sie kommen fast gänzlich aus dem Ausland. Im international vernetzten Energie­system ist es richtig, dass man Rohstoffe, über die man nicht verfügt oder zu denen man nur zu horrenden Kosten selber ­gelangen könnte, im Ausland günstig einkauft.

Könnte diese Abhängigkeit nicht durch 
die vermehrte Nutzung von Solarenergie nachhaltig reduziert werden?
Im Prinzip ist das eine gute und sinnvolle Idee. Es gilt stets abzuwägen, zu welchen Kosten eine solche Massnahme erfolgt. Man darf nicht eine neue Abhängigkeit zu enorm hohen eigenen Kosten eingehen. Denn letztlich muss eine Volkswirtschaft kompetitiv bleiben. Wir sehen aber auch, dass die Kosten für Solarenergie zuletzt enorm gefallen sind und wohl noch ­sinken werden. Daher ist der Zeitpunkt gekommen, mit den richtigen Rahmenbedingungen für einen substanziellen Zubau an Photovoltaikanlagen zu sorgen.

Müsste angesichts der enormen Kosten für Energieimporte das Ziel der Schweiz nicht die Autarkie der Energieversorgung sein?
Für mich steht fest, dass sich die Schweiz langfristig in Richtung Nutzung der erneuerbaren Energien entwickeln muss. Alle anderen zurzeit noch genutzten Energieträger, also Kohle, Erdöl und Erdgas, sind endlich. Autarkie, egal um welchen Energieträger es sich handelt, hat immer ihren Preis, vor allem wenn man einen hohen Anteil erreichen will. Ein gewisser Import ist sicher nicht schlecht, entscheidend ist die Höhe der eingegangenen Abhängigkeit. Aufgrund der Volatilität bei der Produktion mittels erneuerbarer Energien sind wir gut beraten, eine enge ­Vernetzung mit unseren Nachbarländern anzustreben. Kooperation ist meist billiger als ­Isolation und kann trotzdem eine hohe Versorgungssicherheit bringen.

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Die beiden Räte haben das erste Mass­nahmenpaket der Energiestrategie 2050 ­angenommen. Kann dieses nun gemäss dem Bundesrat umgesetzt werden?
Nein, weil ja noch eine Referendumsfrist läuft. Wenn nun das angedrohte Referendum ergriffen wird, bedarf es einer Volksabstimmung. Erst im Anschluss daran kann die Umsetzung erfolgen.

Rechnet das BFE mit einem Referendum?
Wir werden sehen. Auf jeden Fall sind wir bereit und sehen auch Vorteile darin, wenn sich die Bevölkerung intensiv mit den aktuellen und kommenden Problemen und Fragen in der Energiewirtschaft und -politik auseinandersetzt.

Bis wann rechnet das Bundesamt 
für Energie (BFE) mit der Umsetzung?
Ein Referendum müsste bis Ende Januar 2017 eingereicht werden. Danach möchte Bundesrätin Doris Leuthard möglichst rasch eine Volksabstimmung. Der angestrebte Termin dafür wäre Ende Mai, so dass dann Klarheit bezüglich Vollzug ­bestehen würde. Für die Wasserkraft­unternehmen ist ein Entscheid dringend. Daher werden wir alles daransetzen, um den Vollzug per 1. Januar 2018 in Kraft zu setzen. Wir arbeiten schon jetzt intensiv an der notwendigen Verordnung.

Wie stark wird mit der Umsetzung der Energiestrategie 2050 die Abhängigkeit der Schweiz von Energieimporten reduziert?
Die vom Bundesrat beschlossene Energiestrategie ist eine Reaktion auf das Geschehen an den Energiemärkten. Eine der ­wesentlichen Tendenzen, die man dort feststellt, ist die zunehmende Elektrifizierung. Das bedeutet, dass der Anteil der fossilen Brenn- und Treibstoffe in Zukunft ab- und der Anteil Strom zunehmen wird. Das ist für die Schweiz eine gute Nachricht, da wir im Strombereich mehr Möglichkeiten zur Eigenproduktion haben als bei den fossilen Energieträgern.

Wie sehr werden die erneuerbaren Ener­gien von der Energiestrategie profitieren?
Ein erklärtes Ziel des BFE ist es, deren ­Anteil zu steigern. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. Im Vordergrund steht die Förderung. Doch diese kann, das hat das Parlament klar signalisiert, keine langfristige Strategie sein, sondern nur eine Übergangslösung. Die Idee der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) ist es, neue Technologien marktreif zu machen. Das ist bei der Photovoltaik auch feststellbar.

Welche Folgen wird die Ablehnung der Atomausstiegsinitiative der Grünen für die künftige Energieversorgung haben?
Sie macht den Weg frei für einen geordneten Ausstieg, der im Gleichschritt mit einer verstärkten Energieeffizienz und dem Zubau der erneuerbaren Energien erfolgt.

Wird die Ablehnung keine Auswirkungen auf die künftige Nutzung der erneuerbaren Energien haben?
Ob die Schweiz vermehrt erneuerbare Energien nutzen wird, hängt massgeblich von der Umsetzung des ersten Massnahmenpakets der Energiestrategie 2050 ab.

Welche Rolle spielt der Bereich Cleantech in der künftigen Energiestrategie?
Dieser Bereich spielt eine grosse und sehr wichtige Rolle. Vieles wird davon abhängen, was im Bereich der angewandten Forschung in der Privatwirtschaft geschieht. Vor allem von den Fachhochschulen werden viele wertvolle Impulse kommen. Deshalb sind wir vom BFE offen, was von dieser Seite an neuen Technologien von den Firmen kommt. Die Politik gibt hierzulande nur die Rahmenbedingungen vor, danach ist es an den Firmen, die Resultate der Forschung in die Praxis umzusetzen.

Ist nicht die Steigerung der Energie­effizienz ein wichtiges Instrument, um künftig 
den Energieverbrauch ohne Einbusse an Nutzen zu senken?
Ein Paket der Energiestrategie betrifft die Vorbildfunktion des Bundes im Energiebereich. An diesen Bemühungen beteiligen sich auch die bundesnahen Betriebe, die Post, Swisscom, SBB und Skyguide. In dieser Gruppe werden Massnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz entwickelt, zwar nicht nur für die Verwaltungsbauten, sondern auch für Bauten der 
Armee oder der SBB als grosse Immobilienbesitzer in der Schweiz. Beide Bundes­betriebe engagieren sich stark im Bereich der Energieeffizienz. Hier kann der Bund als Vorbild wirken. Das gilt auch für den wichtigen Bereich der Betriebsoptimierung.

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Wie kann das BFE die Energieeffizienz künftig in den Produktions- und in 
Gewerbebetrieben fördern?
Ein wichtiger Ansatz, um hier Resultate zu erzielen, sind die Zielvereinbarungen mit vielen grossen Firmen im Rahmen der CO2- und der KEV-Befreiung. Die Effizienz in diesem Sektor nimmt laufend zu. ­Zudem besteht auch das Programm «Pro ­Kilowatt», das heisst eine wettbewerbliche Ausschreibung zur Realisierung von knapp nichtwirtschaftlichen Massnahmen im Energiebereich. Dieses Programm wird in jüngster Zeit immer intensiver genutzt. Es gibt auch viele Tools im freiwilligen Bereich, die wir über Energie Schweiz anbieten, so zum Beispiel die Pinch-Analyse für komplexe Produktionsprozesse.

Was erwartet das BFE bezüglich der ­Umsetzung der Mustervorschriften im Energiebereich (Muken) in den Kantonen?
Die revidierten Massnahmen der Muken wurden 2014 verabschiedet. Leider besteht in den meisten Kantonen noch keine Gesetzesvorlage zu deren Umsetzung. Diese ist aus der Sicht des Bundes wichtig. Hier machen wir Druck bei den zuständigen Behörden der Kantone. Subsidiarität ist ­sicher ein wichtiges politisches Gut, aber die Kantone müssen auch handeln.

Müsste der Bund in der Energiepolitik 
den Fokus in Zukunft nicht noch vermehrt auf die Reduktion des Energieverbrauchs in den Gebäuden richten?
Der Energieverbrauch in den Gebäuden ist ein wichtiger Bereich. Deshalb haben wir mit allen verantwortlichen Mitgliedern der kantonalen Regierungen einen intensiven Erfahrungsaustausch. Zudem unterstützen wir die Bemühungen der einzelnen Kantone über das Programm Energie Schweiz.

*Daniel Büchel ist der Vizedirektor vom Bundesamt für Energie (BFE), Leiter der Abteilung Energieeffizienz und erneuerbare Energien sowie Leiter von Energie Schweiz

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