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Sprachnachrichten sind die neuen SMS

Angela Merkel simst: Sprachnachrichten sind aber im Kommen.   Keystone

Bisher dominieren Textnachrichten die Kommunikation auf Smartphones. Nun bringen Apps die Stimme zurück aufs Telefon. Nicht alle überzeugen dabei aber.

Von PAUL-CHRISTIAN BRITZ (Bold Economy)
am 29.09.2014

«OMG, LOL, XO, BFF BRB, NP, IDK, YOLO, TTYL :).» – Was aussieht wie Buchstabensalat, ist eine vollständige Unterhaltung. Zugegeben, ohne viel Tiefgang, aber schnell, einfach und in Sekundenschnelle ins Handy getippt. Wir leben im Internetzeitalter und  «selbst meine Mutter ist auf WhatsApp und ruft mich nicht mehr an», beschwert sich meine Chefin. Rund 80 Mal pro Tag greifen wir im Schnitt zum Handy. Mit Smartphones finden wir die neuesten Gigs, schiessen Selfies oder reservieren einen Tisch im Restaurant, aber für Anrufe nutzen wir sie kaum noch.

Rufe ich meine Kollegen an, gehen sie nicht ran, schreiben aber umgehend eine Antwort per SMS oder E-Mail. Die Mailbox, aka Anrufbeantworter (für die, die sich noch erinnern) hört schon lange keiner mehr ab. Und in Artikeln mit dem Titel «Sorry, keine Anrufe» wird die Effektivität von Telefonaten grundlegend in Frage gestellt.

Kein Schwein ruft mehr an?

Ich mag klassische Anrufe. Sie sind direkt, menschlich und verhindern Missverständnisse. In den USA ist das Telefonat auch wieder auf dem Vormarsch. Dort ist im vergangenen Jahr nach langem das Volumen der Anrufe wieder gestiegen, um vierzehn Prozent. Einige Apps unterstützen den Trend und wollen die Stimme zurück aufs Handy bringen: Als kurze, leicht verdauliche Nachrichten mit persönlichem Touch. Drei Voice-Message-Apps habe ich mir aufs iPhone geladen, um zu sehen, ob sie das können. Schon mal vorab: So intuitiv wie ein Telefon-Anruf sind sie alle nicht.

ChitChat für iPhone soll ein «kostenloses internationales Walkie-Talkie» sein. Die App löscht Sprachnachrichten, nachdem ich sie gehört habe (mehrmals möglich). Das spart Speicherplatz, aber die Information ist danach weg (was sollte ich nochmal einkaufen?). Ob eine Nachricht verschickt wurde kann ich nicht erkennen. Um andere zu kontaktieren möchte die App meine Nummer und Zugriff auf meine gespeicherten Kontakte, verspricht aber diese nicht auf ihre Server zu laden. Ob meine Freunde ChitChat benutzen, sagt mir die App dann aber doch nicht. Es ist als wüsste ich nicht, wer auf welchem Kanal funkt.

Auch Apps mit Monatsabo

«One tap chat» (einmal antippen und chatten) verspricht das Projekt zweier Ex-Google-Mitarbeiter namens Cord. Die App für iPhone ist neu auf dem Markt und hat gerade zwei Millionen Dollar bei Investoren als Startkapital eingesammelt. Eine Android-Version ist geplant. Mit einem Zeitlimit der Nachrichten von zwölf Sekunden ist die App nichts für Quasselstrippen, eher eine Art Audio-Twitter. Ich kann aber mehrere Nachrichten nacheinander schicken. Cord reicht meine Telefonnummer aus, Zugriff auf meine Kontakte muss ich nicht geben. Das überzeugt Freiwillige eher dazu mit mir die App zu testen.

Voxer - «Instant Voice. Anytime. Anywhere.» für iPhone, Android und Windows will Sprachnachrichten sofort liefern, «jederzeit» und «überall» und erinnert eher an klassische Messenger für schriftliche Nachrichten. Die App kann auch Text und Bilder senden und sortiert diese in einer Konversation untereinander. Die Walkie-Talkie-Funktion, bei der Nachrichten direkt bei Ankunft automatisch abgespielt werden, gibt es nur in der Pro-Version. Die kostet monatlich 2,99 Dollar oder man schliesst ein Jahres-Abo ab.

Interessant ja, aber praktisch?

Den Zwang die Nachricht sofort zu hören wenn sie kommt, möchte ich im Alltag aber weder mir noch meinen Freunden antun. Als einzige App zeigt Voxer mir nach Zugriff auf meine Kontakte, wer schon Voxer nutzt. Davon kenne ich aber nur eine Person (folgt die mir nicht auf Twitter?). Angemeldet habe ich mich mit meiner E-Mail-Adresse und nicht der Telefonnummer, was irgendwie altmodisch wirkt.

Ich vertiefe mich in Cord. Es will keinen Zugriff auf Kontakte und ist damit gut geeignet für datenscheue Freunde. Auch die Anordnung der Konversationen weckt meine Neugier. Es gibt keine Chat-Fenster oder Listen sondern jeder Gesprächspartner bekommt eine kleine Abspielstation mit Bild. Mein erster Kontakt, eine Katze (juchuu, Internetwelt), hat mir mit tiefer Männerstimme eine freundliche Willkommens-Nachricht aufgesprochen. Hinter der Katze steckt das Entwickler-Team der App.

Praxistest zeigt Schwächen

Es dauert, bis ich die Navigation verstehe (achso, wirklich nur «ein tap») und die Nachricht hören und beantworten kann. Meine eingesprochene Frage, ob ich Töne auch weiterleiten kann, beantwortet die Männerstimme nach zehn Minuten. Ich bin beeindruckt: «Derzeit nicht, aber vielleicht in der Zukunft.» (In meinem Kopf habe ich den Mitarbeiter «Siro» getauft.)

Kaffeezeit. Erst als die Kollegin schon unterwegs ist, bekomme ich Lust auf einen Tee. Sprechen ist schneller als Tippen, also schicke ich eine Cord-Nachricht. Die Stimme transportiert auch gleich noch die Dringlichkeit der Bitte. Für solche kurze Absprachen scheint die App ideal. Ob ich überzeugend war, erfahre ich erst, als sie ohne Tee wiederkommt. «Nachricht? Ach, hier. Sorry, nicht gesehen.» Der grösste Minuspunkt für Telefonier-Gegner – die synchrone Interaktion - ist eben auch der grösste Pluspunkt.

Chatten wie mit Walkie-Talkie

Anfangs nutze ich Cord wie einen Mini-Anrufbeantworter. Ich gewöhne mich dran, schicke schnell auch persönliche Nachrichten mit meinen Liebsten. Das hat auch Schattenseiten. Für Büro oder U-Bahn eignet sich eben nicht jede Unterhaltung. Auch der Gesprächsstil gleicht nun eher einem geschriebenen Chat - oder einer Unterhaltung per Funkgerät.

Voxer unterstützt das Walkie-Talkie-Gefühl noch durch den typischen Sound. Hier kann ich in der U-Bahn auch Text oder Bilder schicken («jederzeit, überall») und weiss direkt, ob meine Nachricht gesendet und gelesen oder gehört wurde. Ich kann alle Nachrichten per Mail, SMS oder Social Media teilen. Statt mich nach 12 Sekunden zu stoppen, kann ich hier aufnehmen, bis mein Finger müde wird.

Wo sich alt und neu treffen

Die Apps erlauben Telefonfans und Anrufhassern sich in der Mitte zu treffen. Zwar sind «herkömmliche Anrufe» einfacher zu verarbeiten und doch ist die chatartige Kommunikation persönlich und trägt Emotionen besser als Smileys und Buchstabenkürzel (BTW). Ich haben meinen Favoriten in Voxer gefunden, weil es Telefonieren noch am nächsten kommt. Netz-Puristen könnten Cord wegen seiner modernen Optik, dem Web-Feeling (Miau!) und dem Zeitlimit bevorzugen.

In jedem Fall gilt: Dem alten Witz haben die Apps seine Pointe versaut: «Ich hab‘ da eine neue App. Damit kann ich jetzt auch telefonieren!»

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.

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