Es klingt wie der Traum eines jeden Chefs: Ein Mausklick reicht und man kann sehen, welcher Mitarbeiter gerade besonders produktiv ist, wer einen neuen Kunden herangeschafft hat – und wer vielleicht kurz davor ist, zu kün­digen. Dieser Traum könnte schon bald Realität werden, jedenfalls wenn man einer Reihe ehrgeiziger Startups glaubt. Sie machen neugierigen Chefs ein vollmundiges Versprechen: Einen tiefen Blick in die Gedanken und Tätigkeiten der Mitarbeiter werfen zu können.

«People Analytics» heisst die Branche, die gerade dabei ist, die Arbeit von Personalabteilungen auf der ganzen Welt zu revolutionieren. Bisher ist Personalarbeit oft Gefühlssache. Welcher Mitarbeiter in welches Team passt, wer mit dem Gedanken spielt, das Unternehmen zu verlassen, und vielleicht mit einer Gehaltserhöhung noch umzustimmen ist – bei diesen Fragen verliessen sich Personaler meistens auf eine Mischung aus Bauchgefühl und Erfahrung. Jetzt sollen sie eine bessere Entscheidungsgrundlage bekommen: Harte, unbestechliche Zahlen.

Ankurbelung des Umsatzes

Der Star der neuen Branche ist das Unternehmen Volometrix aus Seattle im US-Bundesstaat Washington. 2011 von einem Softwareentwickler und einem Unternehmensberater gegründet, wurde Volometrix schnell zum Liebling von Investoren und konnte in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Dollar Kapital einsammeln. Anfang September übernahm der Computerkonzern Microsoft das begehrte Startup. Volometrix bietet Unternehmen eine Software an, die hauptsächlich E-Mails und Kalendereinträge der Mitarbeiter analysiert. Aus diesen Daten erstellt das Programm eine Übersicht, wer wie oft mit wem kommuniziert. So sollen Führungskräfte herausfinden können, was besonders erfolgreiche Mitarbeiter anders machen. Wie gross ist ihr Netzwerk innerhalb und ausserhalb des Unternehmens? Wie oft treffen sie sich mit Mandanten? Wann bearbeiten sie ihre E-Mails? Zu wie vielen Meetings gehen sie?

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Diese Daten sollen Führungskräften laut Volometrix in Mitarbeitergesprächen einsetzen. Wenn zum Beispiel ein Angestellter aus dem Verkauf nicht genügend Umsatz erwirtschaftet und das Volometrix-Programm zeigt, dass er nur selten Mandanten persönlich trifft und meistens lediglich per E-Mail kommuniziert, sieht sein Chef sofort, wo das Problem liegt, und kann konkrete Hinweise geben.

Baseball-Mannschaft als Vorbild

Das grosse Vorbild von Unternehmen wie Volometrix ist eine Baseball-Mannschaft: Die Oakland Athletics. Ende der 1990er-Jahre revolutionierte der Manager der Oakland Athletics, Billy Beane, den Baseball mit Statistik. Er wertete bisher unbeachtete Daten aus und konnte so Spieler finden, die unterschätzt wurden und daher für niedrige Ablösesummen zu haben waren. Die Oakland Athletics hatten unter Beane einige ihrer erfolgreichsten Jahre und seine statistische Methode wurden später von anderen Teams übernommen.

2011 wurde die Geschichte von Billy Beane als «Moneyball» mit Brad Pitt in der Hauptrolle verfilmt und zu einer Inspiration für Sporttrainer auf der ganzen Welt. Inzwischen werden auch bei Fussball- oder Basketballspielen riesige Datenmengen erhoben und nach dem Spiel ausgewertet. Jeder Spieler kann so genau ­sehen, wie viel er gelaufen ist oder von welcher Position auf dem Spielfeld er besser nicht mehr auf den Korb werfen sollte, weil seine Trefferquote miserabel ist.

Wie wird etwas gesagt

Was lange Sportstars wie Fussballer ­Lionel Messi oder Basketballer LeBron James vorbehalten war, soll bald schon jeder Büroarbeiter können. Daran arbeitet auch die Firma Humanyze aus Boston. «Wir wollen ‹Moneyball› in die Geschäftswelt übertragen», sagt Gründer und Firmenchef Ben Waber. Dabei geht das ­Unternehmen sogar noch weiter als Volometrix. Statt nur E-Mails mitzulesen und Kalendereinträge abzugleichen, will Humanyze ganz genau wissen, was jemand den ganzen Arbeitstag lang so macht. Dafür haben die fünf Computerforscher des MIT Human Dynamics Labratory und der Aalto-Universität in Finnland, die das Unternehmen 2011 gegründet haben, ein Gerät entwickelt, das ungefähr so gross ist wie eine Zigarettenschachtel und an einem Umhängeband um den Hals getragen wird.

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In der kleinen grauen Box stecken mehrere Sensoren, unter anderem zwei Mikrofone, Bluetooth- und Infrarotempfänger und ein Bewegungssensor. Damit kann sie die Lautstärke von Gesprächen messen, Sprecharten und Gesten erfassen und sogar feststellen, wie nah sich zwei Gesprächspartner gegenüberstehen. Den Inhalt der Gespräche zeichnet die Box nicht auf, dafür sind die Mikrofone extra eingestellt. Humanyze geht es nicht so sehr darum, was jemand sagt, sondern um die Art, wie es gesagt wird.

Analyse der Kommunikation

«Kommunikation macht in vielen Berufen einen Grossteil der Arbeit aus und ist daher auch ein zentrales Kriterium für Erfolg und Zufriedenheit der Mitarbeiter», sagt Humanyze-Chef Ben Waber. Er und seine Kollegen haben ihr Gerät zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen und beim Speed-Dating getestet und konnten anhand der Daten über Gesprächsdauer, Tonlagen und Gestik nach einer Weile gut vorhersagen, ob ein Kandidat den Job bekommt oder ob sich zwei Singles zu einem weiteren Date treffen werden.

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Im Büro soll ihre Box vor allem in Meetings zum Einsatz kommen. «Wir alle wissen, wie schlimm Meetings sein können, aber oft gibt es erstaunlich einfache Möglichkeiten, sie effizienter und angenehmer zu machen», sagt er. Mit den Daten, die die Box sammelt, könnten Führungskräfte detailliert analysieren, wer wie viel gesagt hat, wer andere ständig unterbrochen hat, und wer besonders emotional auf die Äus­serung eines Kollegen reagiert hat. Das helfe, Beziehungen zwischen Teammitgliedern zu analysieren und Meetings besser zu moderieren, so Waber.

George Orwell lässt grüssen

Was Computerforscher wie Ben Waber ins Schwärmen bringt, klingt für andere gefährlich nach George Orwell. «Was man hier harmlos Datenerfassung nennt, ist in Wirklichkeit nichts anderes als Überwachung», sagt Michael Beckmann, Professor für Personal und Organisation an der Universität Basel. Und das könne für Unternehmen schnell nach hinten losgehen. «Mehrere Studien zeigen, dass vor allem bei hochqualifizierten Mitarbeitern die Leistung sinkt, wenn sie am Arbeitsplatz zu stark überwacht werden», sagt Beckmann. «Sie werten das als Zeichen des Misstrauens und fühlen sich in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt.»

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Zu solchen Effekten kommt es vor allem dann, wenn die Kontrolle nicht freiwillig passiert. Viele Unternehmen aus der People-Analytics-Branche glauben aber, dass Mitarbeiter bei den von ihnen angebotenen Methoden nicht nur bereitwillig mitmachen, sondern in Zukunft sogar vom Arbeitgeber fordern könnten, ausgiebig beobachtet zu werden. Schliesslich lassen sie sich auch im Privatleben schon detailliert überwachen – und geben dafür viel Geld aus. Fitnessarmbänder, die jeden Schritt zählen, oder Smartwatches wie die Apple Watch, mit denen sich aufzeichnen lässt, wo man gewesen ist, was man gegessen hat oder wie viele Stockwerke man erklommen hat, verkaufen sich hervorragend. Um diese Geräte hat sich eine neue Bewegung entwickelt, das «Quantified Self», die millimetergenaue Vermessung des eigenen Ichs. Das grosse Versprechen dabei: Gesünder, fitter, bewusster, kurz gesagt, besser zu leben.

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Tracking der PC-Arbeit

People Analytics ist nur die Übertragung dieses Trends in die Arbeitswelt. «Ein Fitnessarmband für die Arbeit», nennt der Vizepräsident der Firma Sapience, Khiv Singh, das Produkt «Sapience Buddy», das sein Unternehmen anbietet. Es ist ein Programm, das sich in einer Basisversion kostenlos herunterladen und auf dem eigenen Computer installieren lässt. Dort zeichnet es anschliessend ­minutiös auf, wie man seinen Arbeitstag verbringt: Welche Programme man wie häufig nutzt, welche Internetseiten man besucht, wie oft neue E-Mails oder Messenger-Nachrichten eintreffen.

Am Ende des Arbeitstages kann man sich grafisch aufbereitet anzeigen lassen, warum man heute mal wieder nichts geschafft hat. Waren es die ganzen kleinen Unterbrechungen durch E-Mails oder der Kollege, der ständig Urlaubsfotos über den Messenger geschickt hat? Oder hat der kurze Shopping-Ausflug auf die Seite eines Online-Händlers doch länger gedauert als gedacht? Wer sieht, wohin seine Arbeitszeit geht, kann sie besser nutzen, produktiver werden und früher nach Hause gehen, verspricht «Sapience Buddy».

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Die kostenpflichtige Version des Programms können auch Unternehmen nutzen und auf den Computern ihrer Angestellten installieren. Chefs und Abteilungsleiter können so sehen, welcher Mitarbeiter fleissig am Projektbericht tippt und wer auf Facebook surft – vorausgesetzt, die stimmen zu.