1. Home
  2. Management
  3. Lernende drängen zu Flugzeugbauer Pilatus

Technikberufe
Flieger lernen: Warum Pilatus als Ausbilder beliebt ist

Lernende bei Pilatus
Lernende bei Pilatus: Joel Glanzmann, Till Grossrieder, Véronique Geiser, Lenny Bucheli. Quelle: Herber Zimmermann

Flugzeugbauer Pilatus gilt bei Lernenden als coole Firma. Trotzdem muss sich das Unternehmen ins Zeug legen, um alle Ausbildungsplätze zu besetzen.

Von Pirmin Schillinger
am 17.11.2017

Véronique Geiser, Lenny Bucheli und Joel Glanzmann haben mehrere Dinge gemeinsam: das Alter (16 Jahre), den Beruf, denn alle drei haben in diesem Sommer ihre vierjährige Lehre als Anlagen- und Apparatebauer/- in gestartet, und die Leidenschaft für Flugzeuge und das Fliegen. Bereits in der ersten Ausbildungswoche ging es für sie tatsächlich in die Luft, zum anderthalbstündigen Alpenrundflug.

In den Genuss eines solchen Vergnügens kommen beim Lehrmeister, der Pilatus Flugzeugwerke in Stans NW, standardmässig alle Lernenden. Das Erlebnis mag dabei im Vordergrund stehen, doch der Flug ist nicht reiner Selbstzweck. «Die Auszubildenden erfahren so hautnah, was der eigentliche Sinn und Zweck ihrer Arbeit ist», sagt Fredy Glarner, Fabrikationschef und Verantwortlicher für die Lernendenausbildung. Der Alpenrundflug ist ein attraktiver Köder für die Jugendlichen, doch deren Motivation bei der Berufswahl greift tiefer. «Die Aviatik hat mich immer schon interessiert, ausserdem schweisse ich gerne und Metall als Werkstoff fasziniert mich», sagt Véronique Geiser.

Der Grossvater war Hangar-Chef, der Vater bei der Swiss

Dass die junge Frau mit diesen Vorlieben in einem traditionellen Männerberuf gelandet ist, ist ihr angenehm und recht. «Bisher haben alle positiv und mit Respekt reagiert», betont sie. Mit der Lehre bei Pilatus will sie sich ihrem eigentlichen Berufsziel annähern. «Mein Vater wäre beinahe Pilot geworden; das möchte ich, wenn ich nach Abschluss der Lehre genug gespart habe, ebenfalls versuchen.»

Anzeige
Véronique Geiser möchte mal Pilotin werden.
Véronique Geiser: Die Lernende bei Pilatus träumt davon, Pilotin zu werden.
Quelle: Herbert Zimmermann

Fluggene oder Kerosin im Blut hat auch Joel Glanzmann. Sein Grossvater war Hangar-Chef, sein Vater ist Anlage- und Apparatebauer in der Wartung bei der Swiss. Den Sohn zog es von Zürich zu Pilatus, weil in Stans Flugzeuge nicht bloss unterhalten, sondern fertig gebaut werden, «von der ersten Skizze bis zur letzten Schraube», wie er betont. Lenny Bucheli aus Luzern hat bei der Berufswahl gezielt etwas Handwerkliches gesucht. Schliesslich hat er sich nach mehreren Schnupperlehren für Pilatus entschieden, «weil es mir dort am besten gefallen hat. Die Firma und das Produkt sind einfach cool.»

«Müssen uns anstrengen, um alle Lehrstellen zu besetzen»

Das Image, eine coole Firma mit einem coolen Produkt zu sein, hilft dem Unternehmen tatsächlich bei der Rekrutierung. «Zudem ist die Leidenschaft fürs Fliegen nach wie vor bei vielen Jugendlichen gross, was für uns wiederum ein Vorteil ist», sagt Glarner. Er relativiert aber: «Auch wir müssen uns anstrengen, damit wir alle Lehrstellen besetzen können.»

Tendenziell sind – bei den Flugzeugwerken wie überall – jene Berufe weniger begehrt, bei denen die Hände schmutzig werden. Schwieriger als etwa für eine Bank oder Versicherung ist es überdies für Pilatus, lernende Kaufleute zu finden. Glarner glaubt, «dass wir als technisches Unternehmen einfach weniger auf dem Radar jener sind, die sich für diese Berufe interessieren.»

Schnupperlehre und Messeauftritte

Selbst die coolste Firma kommt also nicht darum herum, einiges zu tun, um geeignete Schulabgänger zu gewinnen. Zum Rekrutierungsprogramm von Pilatus gehören Schnupperlehren, Berufsinformations- und Zukunftstage, Infoveranstaltungen, Auftritte an Messen wie der Luga (Zentralschweizer Frühlingsmesse) oder der Zebi (Zentralschweizer Bildungsmesse). Ausserdem beteiligt sich die Firma an Projekten mit dem Ziel, Schulabgängerinnen für die MINT-Berufe zu begeistern.

Selbstverständlich werden die Auszubildenden nach Unterzeichnung des Lehrvertrages in der Folge über die gesamte Dauer ihrer vier- oder dreijährigen Lehre von den Vorgesetzten intensiv betreut und begleitet. Pilatus beschränkt sich dabei nicht einfach darauf, eine nüchterne Ausbildungsstätte zu sein. Das Unternehmen zahlt einen leistungsabhängigen Lohn mit Gewinnbeteiligung.

Lenny Bucheli bei Pilatus
Lenny Bucheli: Findet Pilatus «cool».
Quelle: Herbert Zimmermann

Es leistet eine Pauschalentschädigung an die Schulmaterialien und die Fahrkosten an entferntere Berufsschulen, unterstützt Lernende, die die Fliegerische Vorschule besuchen möchten, greift der Lernendenorganisation (Lerog) finanziell unter die Arme, wenn diese Events wie Skitage, Lernendenlager, Ausflüge und Sportnachmittage organisiert. Jene Jugendlichen, die zwecks Berufsausbildung aus Zürich, Bern, dem Wallis, dem Tessin oder gar aus Deutschland nach Stans gezogen sind, können in einem betreuten Haus günstig wohnen.

120 Lernende – bald in 13 Berufen

Die Organisation und Verantwortung für die betriebsinterne Ausbildung trägt die Kommission Lernende (Leko), die auch als Bindeglied zu den Berufsschulen dient. Der Leko gehören zwei Vertreter der schon erwähnten Lerog an, die ihrerseits die Interessen der Lernenden vertritt und als eigentliche Anlaufstelle für die Kommunikation zwischen Ausbildnern und Lernenden funktioniert.

Insgesamt zählen die Flugzeugwerke 120 Lernende in elf Berufen. Davon entfällt mehr als die Hälfte auf Polymechaniker, Konstrukteure sowie Anlagen- und Apparatebauer. Mit dem Automatikmonteur und dem Fachmann Betriebsunterhalt nimmt Pilatus demnächst zwei weitere Ausbildungen ins Programm.

Rückkehr als Ingenieur

Die Lernenden von Pilatus glänzen beim Abschluss jeweils mit guten Noten. Der langjährige Schnitt liegt über einer 5, wobei jedes Jahr einige mindestens die Note 5,4 erzielen. Mehr als ein Fünftel macht die Berufsmatura und nicht wenige landen dann als Ingenieure wieder bei Pilatus.

Die Investitionen der Pilatus Flugzeugwerke in den eigenen Nachwuchs zahlen sich somit aus. «Leute, die bei uns schon die Lehre gemacht haben, beherrschen die für den Flugzeugbau notwendigen praktisch-handwerklichen Fertigkeiten, und das ist für uns immer ein Vorteil», meint Glarner. Die aktuelle Belegschaft – mittlerweile mehr als 2000 Leute – besteht zu rund einem Viertel aus ehemaligen Lernenden.

Überdurchschnittlich viele langjährige Mitarbeiter

Zudem zählt Pilatus auf überdurchschnittlich viele langjährige Mitarbeiter. «Der Dienstaltersschnitt liegt gegenwärtig bei elf Jahren, dies, obwohl wir in den letzten Jahren viele neue Leute eingestellt und die Belegschaft fast verdoppelt haben», verrät Personalchef Kurt Bucher.

Pilatus Flugzeugwerke
PIlatus Flugzeugwerke in Stans: Einige Schweizer Firma, die Flugzeuge entwickelt, baut und global verkauft.
Quelle: zvg

Ob auch Till Grossrieder, jetzt im vierten Lehrjahr als Polymechaniker, dem Betrieb über die Lehre hinaus noch mindestens ein Dutzend Jahre die Treue halten wird, kann der Zwanzigjährige heute nicht wissen. «Nach der Lehre kommt zuerst das Militär, dann werde ich entweder als Flugzeugmechaniker arbeiten oder die Berufsmatura machen», lauten seine Pläne.

«Berufspilot, das wäre der Traum»

Froh ist er jedenfalls, dass Pilatus seinerzeit ein Auge zudrückte, als er bei der Bewerbung für die Lehrstelle nicht die notwendigen Papiere vorlegen konnte. Der Grund dafür: Der Junge hatte in Bern als Homeschooler die freie Schule besucht. Noten und Zeugnisse waren dort Fremdwörter. «Die erste Prüfung in meinem Leben war die Töffliprüfung», sagt Grossrieder.

Inzwischen hat er – Pilatus bietet in der eigenen Motorfluggruppe den Lernenden dazu günstige Gelegenheit – auch das Pilotenbrevet in der Tasche. «Eines Tages Berufspilot zu werden, das wäre schon noch eine Option», denkt er laut nach.

Till Grossrieder mit einem Pilatus Flieger
Froh über Kulanz beim Zeugnis: Lernender Till Grossrieder mit einem Pilatus-Flieger.
Quelle: Herbert Zimmermann