Patricia Guerras Lebenslauf braucht Platz, um alle Qualifikationen aufzulisten. Sie ist breit ausgebildet, bestens vernetzt, mehrsprachig – und eine der wenigen Wirtschaftsanwältinnen, denen der Aufstieg zur Partnerin einer Top-Kanzlei gelungen ist. Im Alltag benötigt sie aber mehr als Kompetenz und Einsatz. Wenn sie über ihre Arbeit spricht, kommen Worte wie «Einfühlungsvermögen», «Fingerspitzengefühl» und «Verständnis» über ihre Lippen.

Ihre Klienten sind vermögende Private mit höchsten Ansprüchen, die Beratung bei Immobilien- oder Firmentransaktionen, in Steuerfragen und der Erb- und Nachfolgeplanung brauchen. Ihnen stossen aber auch profane Dinge zu wie der Verlust des Fahrausweises. Und was immer geschieht – Guerra kümmert sich darum. «Don’t worry, ich löse das Problem für Sie», sagt sie auch dann, wenn sie an einem Sonntagmorgen gebraucht wird. Stets auf Diskretion und Etikette bedacht, würde sie nie – wie in der Branche üblich – mit einem Aktenkoffer auftreten, um Eindruck zu schinden.

Empathie und professionelle Distanz

Eine ihrer grössten Herausforderungen ist es, den Klienten gegenüber empathisch zu sein und zugleich eine professionelle Distanz zu wahren. Offenbar gelingt das gut: Das britische Fachmagazin «Citywealth» nennt sie eine der weltweit wichtigsten Frauen in der Beratung von reichen Privatkunden.

Solches Renommee ist Gold wert – und hart erarbeitet. Guerra wusste schon während des Jurastudiums in Genf, dass sie Partnerin in einer grossen Kanzlei werden wollte. Sie bewarb sich bei Meyerlustenberger, weil diese schon damals als Frauen gegenüber offen galt. Bei den meisten anderen alteingesessenen Advokaturen waren die Partnerschaften bis in die 1990er-Jahre Männerbastionen.

Das stellte auch Patrizia Holenstein fest – und gründete ihre eigene Kanzlei. Sie schloss Jusstudium und Dissertation mit Höchstnoten ab und wollte Mitte der 1980er-Jahre bei einer grossen Zürcher Kanzlei anheuern, wurde aber abgekanzelt. «Wir nehmen keine Frauen», hiess es. Wer sie ablehnte, sagt sie nicht. «Ich bin von der alten Schule», so die 59-Jährige. «Diskretion ist und bleibt absolut wichtig.»

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«Konflikte liegen mir»

Anders als viele jüngere Kolleginnen spricht sie auch nicht über Mandate, nicht über Honorare, nicht über andere. Dafür ist sie umso offener, wenn es um Persönliches geht. Holenstein ist kinderlos und zweimal geschieden – beides ist dem beruflichen Erfolg geschuldet. Bitter? «Nein, ich mag mein Leben», betont sie, «und brauche Unabhängigkeit und Freiraum, um es so zu gestalten, wie es für mich stimmt.» Dazu gehört nicht nur, arbeiten zu können, wann sie will, sondern auch, Zeit zu haben für ihre zweite grosse Passion: Bergsteigen und Klettern.

Holenstein hat ihre Kanzlei ganz nach ihren Vorstellungen an- und ausgelegt. Fünf Partner ziehen inzwischen mit ihr an einem Strick, vier angestellte Anwälte – s genannte Associates – unterstützen sie. Holenstein ist unter anderem auf Bankenrecht spezialisiert und bekommt glänzende Augen, wenn sie davon erzählt, wie gern sie im Namen ihrer Klienten – «mehrheitlich ausländische Kunden» – gegen die Goliathe der Finanzindustrie antritt. «Ich habe viele Gerichtsfälle», sagt sie, «Konflikte liegen mir.»

Beförderung in die Königsklasse

Partnerin einer Kanzlei zu werden, kommt der Beförderung in die Königsklasse gleich, Prestige und finanzieller Aufstieg inklusive. Stundenhonorare von 600 Franken an aufwärts sind bei Wirtschaftsanwälten die Regel, werden aber von den Unternehmen, die die Topshots engagieren, längst nicht mehr einfach so bezahlt. Was Partner an Honoraren einnehmen, fliesst bei den meisten Kanzleien in einen Topf. Daraus werden Betriebs- und Personalkosten sowie Investitionen gedeckt. Was bleibt, wird aufgeteilt. Allein deshalb wird nur in die Partnerschaft aufgenommen, wer schon im Angestelltenverhältnis brilliert.

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«Man muss sehr leistungsbereit sein», sagt Mariel Hoch, Partnerin bei Bär & Karrer. Sie ist auf M&A-Transaktionen, insbesondere öffentliche Übernahmeangebote, spezialisiert und berät börsenkotierte Unternehmen in regulatorischen Angelegenheiten. Das heisst: Sie arbeitet oft unter enormem Zeitdruck, zumal für gewisse Eingaben bei der Übernahmekommission lediglich 24 Stunden bleiben. Geht es hart auf hart, fordern Klienten zudem die volle Verfügbarkeit ihrer Anwälte. «Da gibt es keinen Feierabend und keine Wochenenden», sagt Hoch, «und auch kein Verständnis für kranke Kinder oder solche, die von der Krippe abgeholt werden müssen.»

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