Warum beschäftigen Sie sich mit Firmenwitzen?
Anna-Christine Wetterling: Nur 10 Prozent einer Organisationskultur sind sichtbar, alles andere bleibt unbewusst und ­unausgesprochen. Da stellt sich die Frage, wie man den Rest sichtbar machen und entschlüsseln kann. Führungskräfte und Personaler können beispielsweise in informellen Gesprächen Informationen erhalten, die Kultur gut beobachten und sich bewusst machen. Firmenwitze sind eine abstrakte subtile Form der Kommunika­tion, in der nichtsdestotrotz wertvolle ­Botschaften stecken.

Das heisst, Sie haben den Firmenwitz tatsächlich bei Ihrer Arbeit eingebunden?
Ich habe sechs Jahre in Unternehmens­beratungen gearbeitet. Ich habe dabei den Firmenwitz als Werkzeug genutzt, um die Unternehmenskultur zu entschlüs­seln, und Muster herausgearbeitet: In Forschung und im öffentlichen Dienst lacht man beispielsweise gerne darüber, dass die Organisa­tionen eher theoretisch sind. In vertriebs­orientierten Betrieben wird über die Nachhaltigkeit der eigenen Organisation gelacht. «Kundenzufriedenheit bedeutet bei uns: Den Kunden so schnell über den Tisch ­ziehen, dass er die Reibungswärme als Nestwärme empfindet», sowas hört man da. Häufig zielt der Firmenwitz auf die Gerechtigkeit von Entscheidungen, das Commitment, die Veränderungsgeschwindigkeit, die Angst vor Kündigungen oder den Vorgesetzten, Managementfehler oder die Produktqualität ab. Man kann diese Witze auch über Jahre hinweg anschauen und vergleichen, wie sich die Probleme ent­wickelt haben oder gelöst wurden oder sich verschoben haben.

Wie kamen Sie auf die Idee, mit Witzen zu arbeiten?
Ich habe vor zehn Jahren angefangen, mich damit zu beschäftigen. Ich habe Wirtschaftspsychologie studiert und in meiner Abschlussarbeit eine empirische Studie mit 1000 Firmen durchgeführt. Während meines Studiums bin ich auf eine Studie von Freud gestossen: «Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten». Dabei ist mir aufgefallen, dass andere Manifestationen der Kultur sehr wohl untersucht wurden – welche Standards es in Unternehmen gibt, wie dort Gespräche geführt werden. Aber mit ­diesem Teil der Kommunikation in Unternehmungen hatte sich bisher noch niemand auseinandergesetzt.

Sie haben vor sechs Jahren damit ­angefangen und erheben immer noch ­Daten zu Firmenwitzen. Spiegeln sich ­Veränderungen der Geschäftswelt in den Witzen?
Ja, hier ein paar Beispiele: Die Mega­trends haben sich verändert. Die Witze haben sich zudem auch geografisch verändert, weg von den USA hin zu den Märkten ­China und Indien. «Forecastest» du schon oder planst du noch?» beispielsweise ist ein Witz, der in der Zeit der amerikani­sierenden Geschäftssprache lustig war. Heute ist «forecasten» ein gängiger Begriff. Der Witz ist schlicht nicht mehr ­lustig. Und die Frauenrolle in Organisa­tionen ist gestärkt. Witze über Frauen sind weitestgehend verschwunden. Emanzipation und eine gestärkte Frauenrolle ­haben dazu beigetragen. Ausserdem ­rücken der Kunde und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt unternehmerischen Handelns, wie dieser alte Witz aus einer Bank im Jahr 2006 zeigt: «Meinen Berater möchte ich sprechen.» «Der ist leider nicht da.» «Aber ich habe ihn doch durchs Fenster gesehen!» «Kann sein. Aber er hat Sie zuerst gesehen.» Es gibt wirtschaftspsychologische Themenschwerpunkte, die bleiben, wie beispielsweise die Angst vor Kündigung: «Bei uns ist es wie im ­Paradies.» «Ehrlich?» «Ja, ich kann jeden Tag hinausgeworfen werden.»

Wie klingt das, wenn Witze auf die Schieflage einer ganzen Firma hinweisen?
Ein Verlag ist in 20 Jahren 14-mal umgezogen. Ein «running gag» auf den Fluren war dabei: «Wer zieht eigentlich heute um?» Im Grunde genommen war das ein Pro­blem der Führung, es war nicht klar, in welche Richtung sich die Organisation entwickelt. Das hat für sehr viel Unruhe gesorgt. Firmenwitze sind zwar erst mal lustig, aber auf den zweiten Blick auch ­brisant. Jeder sollte mal fragen, was für Witze in einer Firma kursieren – und dann daraus seine Schlüsse ziehen. Teilweise sind das offensichtliche Dinge. Teilweise sind Entfernungen im Unternehmen aber so gross oder Hierarchien so weit ausei­nander, dass man mit einem Witz ein besseres Verständnis von den Problemen ­bekommen kann. Wie gesagt, sie weisen auf Gefahren oder Spannungsfelder hin: Innovationsleistung, Qualität, Marktstellung, Ängste – alles Schlüsselgrössen in ­einer Organisa­tion. «Bei uns tragen die Mitarbeiter alle die Absätze vorne, damit sie das Gefühl haben, dass es aufwärts geht.» Das ist so ein Witz, der unterstreicht, was auch in Zahlen zu belegen sein sollte. Ein schöner Perspektivenwechsel in die Sichtweise des Erzählers. Letztlich kann man Firmenwitze lesen wie eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung von Firmen.

Was verraten Witze über das Miteinander der Mitarbeiter?
Hierarchie und Einstellung bestimmen, wer wem Witze erzählt. Menschen, die die gleiche Einstellung zu Dingen haben, lachen gemeinsam. Neuen Mitarbeitern ist die gelebte Firmenkultur anfänglich unbekannt, sie kennen die Witze noch nicht und können daher auch noch nicht mitlachen. Ich habe bei meiner Forschungsarbeit die Befragten auch nach «Jahren im Betrieb» kategorisiert. Dabei habe ich entdeckt, dass Praktikanten mehr Witze über Vorgesetzte machen, weil sie weniger Angst vor Sanktionen haben und nicht auf Beförderung hoffen. Das gilt gegenüber anderen oder auch in Gegenwart der Chefs. Hier noch ein Witz über den empfundenen Teamgeist aus der Auto­mobilbranche: «In unserer Firma wurde ein Neugeborenes gefunden. Der Werkschutz hat ermittelt, dass es kein Produkt unseres Unternehmens ist. Denn hier ­haben noch nie zwei so eng zusammen gearbeitet.» Witze sind aber auch ein ­Zeichen von Selbstreflexion.

Sie haben geschrieben, dass Witze auch entschärfend wirken können.
In der Kommunikationspsychologie gibt es einen Lehrsatz: Weich in der Beziehung, aber hart in der Sache. Witze können das: Nicht verletzen, aber im Sach­bezug hart bleiben. Es gibt beispielsweise diesen eher verbalen Witz von einer Baustelle. Da sagte der Vorarbeiter: «Eure Schubkarren sollen nicht quietsch, … , … , … , quietsch, … , … , … (langsame Abfolge) machen, sondern: Quietsch, quietsch, quietsch (schnelle Abfolge).» Die Bauarbeiter verstehen, dass es schneller gehen soll, nehmen ihrem Chef die Mahnung aber nicht übel.

Haben Sie auch einen Witz aus der Beratungsbranche?
«Wir bieten flexible Arbeitszeiten an. Sie können sich frei entscheiden, welche 18 Stunden Sie arbeiten wollen.»

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