Die Aktie von Holcim ist ein überraschender Schnellstarter. Während sowohl der SMI als auch der SPI schwierige Wochen hinter sich haben und auf Jahressicht im Minus tendieren, hat die Aktie von Holcim fast 10 Prozent zugelegt. Sie gehört damit zu den besten Titeln im Markt. Unter den 100 grössten Börsen-Firmen belegt Holcim sogar Platz fünf, geschlagen nur von Versicherungs- und Finanzwerten.

Dabei hat der Konzern noch gar keine Zahlen präsentiert. Die Jahresergebnisse sind erst für Ende Februar angekündigt. Geht da also noch mehr? Knackt Holcim schon bald die 60-Franken-Marke? Erreicht die Aktie sogar ein Prä-Lafarge-Niveau?

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Oder, um die Messlatte noch höher anzusetzen: Ist die Holcim-Aktie auf dem Weg, endlich die von Grossaktionär Thomas Schmidheiny persönlich in Aussicht gestellten 100 Franken zu erreichen?

Schmidheiny setzte dieses Ziel in einem Gespräch mit der «Bilanz» im Sommer 2015. Holcim war damals frisch vermählt mit der französischen Braut Lafarge. Der Beton-Baron sprach davon, dass der Kurs «relativ zügig» dreistellig werden sollte. Das Gegenteil passierte. Gewisse Probleme bestehen bis heute. Drei Faktoren belasten das Papier, drei versprechen Kursavancen.

Argumente gegen die Holcim-Aktie:

 

1. Syrien

Die französische und die amerikanische Justiz ermittelt wegen Zahlungen an islamistische Terroristen während des syrischen Bürgerkriegs. Die Untersuchungen dauern schon seit Jahren an. Sie gehen zurück in eine Zeit, als Lafarge eigenständig war. Und sie sind ein wichtiger Grund, weshalb der Konzernname im letzten Frühjahr von LafargeHolcim zu Holcim gewechselt wurde. Der frühere Konzernchef Eric Olsen stolperte über den Fall, andere Top-Manager ebenfalls. 

In Frankreich kocht die Suppe regelmässig  hoch, in den USA kam es zum «informellen Austausch», wie dem letzten Halbjahresbericht zu entnehmen ist. Bei der Vorlage des Jahresberichtes Ende Februar werden Beobachter genau auf ein Update im Kleingedruckten achten. Was passiert in den USA? Kommt es zu Bussgeldern? Drohen Sanktionen?

Im Blick auf ein allfälliges Verfahren in Frankreich hatte Holcim bereits 2018 Rückstellungen von 35 Millionen Franken getätigt. Die französische Justiz hatte eine Kaution von 30 Millionen Euro verlangt. Rein finanziell ist das Risiko überschaubar. Aber der Rattenschwanz ist lang und undurchsichtig.

2. Energiepreise

Die Produktion von Zement gehört zu den energieintensivsten Bereichen der Wirtschaft. Entsprechend zentral ist der Posten für das Resultat. Holcim hat längerfristige Verträge, die die Firma gegen kurzfristige Schwankungen absichern. Aber einige dieser Verträge wurden in den letzten Monaten neu ausgehandelt – und die Bedingungen dürften schlechter gewesen sein als vorher.

In Zusammenhang mit den steigenden Energiepreisen stellen sich einige Fragen: Welchen Anteil der Preissteigerungen kann die Firma an die Kunden weitergeben? Welchen Effekt hat das für die Nachfrage? Kann die Marge weiter hoch gehalten werden, auch wenn die Preise übers ganze Jahr hoch bleiben sollten?

Beim deutschen Konkurrenten Heidelberg Cement wurde es bereits bekannt: Die Preissteigerungen sind im zweistelligen Bereich. Die Kunden haben aber ein grosses Verständnis. Unterm Strich bleibt trotzdem weniger Gewinn in der Kasse. 

3. CO2-Preise

Die Zementindustrie gehört zu den grössten Emittenten von CO2. Ihre Firmenbilanzen sind anfällig auf Preiserhöhungen bei Zertifikaten, wie sie in Europa geplant sind. «Unseren Berechnungen zufolge könnte der Anteil der europäischen Zementhersteller an den Gesamtkosten im Zusammenhang mit Kohlenstoffemissionen in diesem Jahr um 13 bis 19 Prozent steigen», schreibt «Bloomberg» in einer Studie. 

Das ist aber nur der Anfang. Mit zunehmender Relevanz von Klimathemen kommen Grossemittenten stärker ins Visier der Öffentlichkeit. Sie werden zur Kasse gebeten – nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Weltregionen. Holcim hat deshalb einen Umbau des Konzerns angekündigt: Das Unternehmen will künftig stärker auf weniger energieintensive und weniger klimaschädliche Sparte Bauchemie setzen.

Der Schritt braucht Liquidität, vor allem aber ist die Strategie nicht ohne Risiko. Eine falsche Grossakquisition geht schnell ins Geld. Aktuelles Beispiel ist Sika, die jüngst über 5 Milliarden Franken auf den Tisch legten für eine BASF-Tochter – ein teures Geschäft, an dem Sika zu knabbern hat.

Drei Argumente für Holcim:

 

1. Jan Jenisch

Der CEO ist eine Figur mit unheimlichem Charisma. Beim Tauziehen um Sika hat er gezeigt, wie sturmsicher und krisenfest er ist. Bei Holcim hat er kurz nach Antritt eine handverlesene Schar von Managern an die Spitze des Zementbauers beordert. Sie glauben an ihn, sie arbeiten mit ihm, sie lassen sich von ihm und seinen Zielen führen. 

jenisch

Jan Jenisch: Hat den Franzosen den Meister gezeigt, zuerst bei Sika, jetzt bei Holcim.

Quelle: Oliver Edwards

Jenisch agiert dabei mit einem seltenen Gespür für Macht und Märkte. Er baut Holcim in einem Tempo um, das in der Firmengeschichte seinesgleichen sucht, und schafft das mit dem Segen von Beat Hess, dem obersten Verwaltungsrat, sowie der Rückendeckung des grössten Einzelaktionärs, Thomas Schmidheiny. 

Jenisch ist ein Garant für langfristige Stabilität und stabile Finanzen. Bisher hat sich noch kein Deal, der über sein Pult ging, zum Bumerang entwickelt. Er gilt wegen seines Leistungsausweises als Kronkandidat für die Nachfolge von Beat Hess als Präsident. Das einzige, was ihm noch fehlt, um auch die letzten Zweifler loszuschütteln, ist ein Kursfeuerwerk.

2. M&A-Tempo

Holcim hält das Tempo hoch, wenn es um Zukäufe geht – gleichzeitig verschwendet das Unternehmen nur wenig Geld im Headquarter. Der neue Konzernname hat keinen Einfluss auf die Ländergesellschaften, da bleibt alles beim Alten, kein Rebranding, keine Marketing-Millionen-Politur. Regionen ohne Erfolg werden abgestossen, zukunftsträchtigere Gesellschaften einverleibt.

Jüngste Devestition ist das Nordirland-Zement-Business. Jüngster Zukauf ist der belgische Bauspezialist PTB-Compaktuna. Davor gab es einen Handschlag in Frankreich: Die auf Lösungen spezialisierte PRB-Gruppe gehört jetzt ins Jenisch-Reich. Das alles passierte innert Tagen.

Holcim macht die Top 5

Die folgende Übersicht zeigt die fünf Aktien mit den positivsten (Gewinner) und negativsten (Verlierer) Kursveränderungen seit Anfang des Jahres (31.12.2021 – 08.02.2022): Im Vergleich mit den 100 grössten, kotierten Firmen sind nur Finanz- und Versicherungstitel vor Holcim.
 
Gewinner
UBS: 17,50%    
Zurich: 11,30%  
Swiss Re: 11,00%    
Helvetia: 10,60%    
Holcim: 9,10%            

Verlierer
Straumann: −28,50%
Bachem: −26,40%
Tecan: −25,30%
Givaudan: −25,10%
VAT: −24,70%

Von den 27 Analysten, die Bloomberg listet, empfehlen 18 die Aktie zum Kauf, nur einer hat eine Verkaufsempfehlung. Sie sehen die Aktie innert 12 Monaten im Schnitt bei fast 60 Franken – ein Plus von über 20 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Am weitesten lehnt sich Morgan Stanley aus dem Fenster. Ihr Preis-Target: 74 Franken.

Es geht Schlag auf Schlag. 3 bis 5 Prozent soll der Umsatz steigen, jedes Jahr, auf vergleichbarer Basis. Der operative Gewinn soll sich sogar «überproportional» entwickeln. Das macht das Papier attraktiver und sorgt dafür, dass das Dividendenniveau gehalten, eventuell sogar ausgebaut werden kann. Holcims Ausschüttungen liegen bereits jetzt über dem Schnitt der Branche.

3. Dekarbonisierungswille

Holcim weiss, dass die Zukunft grün sein muss. Das zeigt sich nicht zuletzt im neuen Logo. Sämtliche Firmenvertreter betonen dieses Ziel wie ein tief verinnerlichtes Mantra. Unterm Strich ist das aber auch knallharte Kalkulation: Anleger, die stark auf ökologische Nachhaltigkeit setzen, haben den Zementkonzern bisher häufig gemieden. 

Der Dekarbonisierungswille ist da, die Expertise auch. In Frankreich betreibt Holcim einen grossen Forschungsstandort. Es ist das grösste R&D-Zentrum der Industrie und geht die heissen Eisen der künftigen Bauindustrie an: Nachhaltigkeit, Wärmedämmung, Recycling, Ressourcenschonung. Über 200 Leute arbeiten vor Ort in Lyon. Das ist für einmal ein gutes Erbe aus der Lafarge-Zeit.

Zur Forschungsarbeit gibt es einen internen Startup-Inkubator, um neuen Ideen Raum zu geben. Aber am wichtigsten ist und bleibt das gut gefüllte Konzernportemonnaie: Jedes Jahr vergibt Holcim Millionen im Rahmen von internationalen Ideenwettbewerben.