Gerade waren die Airlines damit beschäftigt, sich langsam von der Corona-Krise zu erholen. Die Flugpläne wieder hochzufahren, mehr Flieger und Personal anzubieten, damit sich das Geschäft nach Grounding und hohen Verlusten wieder etwas normalisieren kann.

Und nun Krieg in der Ukraine. Mit gravierenden weltweiten Folgen.

«Der Krieg und die daraus folgenden Sanktionen treffen die Luftfahrtindustrie empfindlich», sagt Max Oldorf vom Luftfahrtdatenabieter CH-Aviation. «Durch die reziproken Luftraumschliessungen sind die viel beflogenen Luftstrassen nach Asien blockiert, sodass wohl vermehrt über Anchorage in Alaska nach Asien geflogen wird.»

Derzeit sind natürlich keine Passagiermaschinen mehr über der Ukraine unterwegs. Unvergessen ist der Abschuss eines Passagierflugzeugs der Malaysia Airlines im Juli 2014: Flug MH17 war von Amsterdam nach Kuala Lumpur unterwegs, als die Maschine über der Ostukraine von einer russischen Rakete abgeschossen wurde. Knapp 300 Menschen starben. Das will keine Airline mehr riskieren.

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Der Umweg macht Reisen länger und teurer

Mittlerweile wurden die Flugsperrungen auch auf andere Regionen ausgeweitet. So ist der Luftraum über der Europäischen Union (EU) für russische Flieger gesperrt. Das hat natürlich nicht mit der Furcht vor einem Abschuss zu tun, sondern liegt an den Sanktionen. Die EU will das Geschäft der russischen Airlines massiv beschränken. Bevor die Regelung EU-weit am vergangenen Wochenende in Kraft trat, wurde sie schon von Polen und Grossbritannien umgesetzt. Die Schweiz hat nun ebenfalls nachgezogen und Flüge von und nach Russland gesperrt.

Die deutlichen Einschränkungen im Luftverkehr haben dazu geführt, dass manche russische Passagiermaschinen, die an europäischen Flughäfen angekommen waren, nun nicht mehr zurück nach Russland können. 

Andere Anbieter, wie die Swiss, sind daher erst gar nicht gestartet: Die Fluggesellschaft habe am Montag ihren Flug von Zürich nach Moskau aufgrund «der noch unklaren Entwicklung der regulatorischen Lage» nicht durchgeführt, so ein Sprecher. Der Swiss-Mutterkonzern Lufthansa hatte zuvor schon mitgeteilt, zunächst nicht mehr nach oder über Russland zu fliegen. 

Nach Einschätzung von Max Oldorf ist «die Swiss vom Krieg zwar betroffen von den Luftraumsperrungen und vom Einstellen der Flüge nach Moskau, aber es ist nicht ihr Kerngeschäft – und der asiatische Markt ist Corona-bedingt schon deutlich geschwächt». Die wegfallenden Russland-Kapazitäten werde die Swiss diesen Sommer problemlos zu Zielen wie etwa Spanien oder Griechenland verlagern können. «Tokio wird man wohl wie viele andere auch via Anchorage bedienen

Kanada hat sich ebenfalls der EU-Regelung angeschlossen. So überrascht es nicht, dass angesichts der Sanktionen gegen Russland das Land nun seinerseits europäischen Airlines und kanadischen Fluggesellschaften verbietet, über ihr Territorium zu fliegen. So dürfen Flieger aus 36 Ländern nicht mehr über Russland unterwegs sein.

Da Russland flächenmässig sehr gross ist, hat das Umfliegen enorme Verzögerungen zur Folge. Es verlängert die Reisen nicht nur für Passagiere, sondern auch für den Frachtverkehr. Die Kosten steigen rasant.

So wurden schon Routen im klassischen Passagiermarkt von Europa nach China, Südkorea und Japan gestrichen, teilten Airlines mit. Die Möglichkeiten für Corona-geschädigte Fluganbieter, Einnahmen zu generieren, sinken rapide. Airline-Aktien sowie die Titel von börsennotierten Flughafenbetreibern stehen unter Druck.

Unser Podcast zum Thema

Das Interview mit Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Universität Zürich zu den Konsequenzen des Ukraine-Kriegs.

Alle weiteren Folgen von «Handelszeitung Insights» finden Sie hier.

Leasinganbieter sind betroffen

Auch die exklusive Branche der Privatjetanbieter ist nicht ausgesnommen. Statt einen regulären Anbieter zu nehmen, einfach in den Privatjet zu klettern – das geht für die vermögende Kundschaft nicht mehr. Für sie sind die Überflugrestriktionen genauso anzuwenden. Wohlhabende Oligarchen, die gerne im Privatjet reisen, haben das Nachsehen.

Ausserdem hat die Krise einen starken Einfluss auf das Leasinggeschäft: Viele Flieger werden nicht von den Airlines gekauft, sondern geleast. Leasinganbieter machen kaum noch Einnahmen, wenn die Flieger nicht mehr im Einsatz sind.

«Es sind mehr als 800 der 1500 zivilen Passagierflugzeuge in Russland von Leasingfirmen geleast. Diese müssen bis zum 28. März ihre Aktivitäten in Russland einstellen. Es gibt erste Stimmen in Russland, die davon sprechen, die Flugzeuge einfach zu beschlagnahmen. Sprich: enteignen – was horrende Ausfälle für diese Leasingfirmen bedeuten würde», so Max Oldorf.