Die Nachricht kam am Mittwochabend nach Börsenschluss: Für nicht weniger als 1,4 Milliarden Franken kauft die UBS die amerikanische Digitalbank Wealthfront. Diese werde zunächst als Tochter ins amerikanische Vermögensverwaltungsgeschäft eingegliedert, heisst es in der Mitteilung. Es geht aber um mehr – die «Financial Times» schreibt, die UBS werde ihre «Digitaloffensive» global ausrollen, und bezieht sich dabei auf Aussagen von UBS-Chef Ralph Hamers im Dezember. 

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Die Mitteilung der Übernahme ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Die UBS kauft hier nicht etwa ein kleines Startup, sondern eine Bank, die bereits Assets im Umfang von 27 Milliarden Dollar von einer halben Million Kundinnen und Kunden verwaltet. Wealthfront zielt auf die «Affluent»-Mittelschicht, welche auch die UBS in Amerika vermehrt bewirtschaften will. Leute, die günstige Angebote suchen, aber dennoch mehr Vermögen mitbringen als der durchschnittliche Kleinsparer. Das Angebot über Website und App ist voll digital, einfach und modern. 

Hamers denkt anders als Ermotti – und das ist gut so

Warum ist das spannend? Weil die UBS das längst selbst hätte aufbauen können, sich der frühere Chef Sergio Ermotti aber offenbar mit Händen und Füssen gegen solche Initiativen gewehrt hatte – aus Angst, bestehende Geschäfte zu kannibalisieren. So versenkte er 2018 das in Grossbritannien lancierte Robo-Angebot «Smart Wealth», ohne es mit einem nennenswerten Nachfolger zu ersetzen. Der neue Chef denkt hier offenbar anders. Und das ist gut so.

Natürlich ist der kurzfristige Konflikt offensichtlich: Warum soll ich als Bank meinen Kundinnen und Kunden, mit denen ich traditionell Margen von fast 1 Prozent pro Jahr verdiene, ein Billigangebot machen, das mit Depotgebühren von 0,25 Prozent in den Markt geht wie Wealthfront? Setze ich da nicht freiwillig Marge aufs Spiel?

Doch dieser Gedanke ist gefährlich, wie Beispiele aus anderen Branchen zeigen. Denn Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, und wenn etwas ein Geschäft ist, wird es auch gemacht. Die Frage, die sich eine Bank heute vielmehr stellen muss, ist: Sind solche Billigangebote so attraktiv, dass meine Kunden und Kundinnen abwandern, wenn ich nicht nachziehe? Und sollte ich da nicht besser selbst ein Angebot lancieren?

Vermutlich auch aus diesem Grund hat die CS ihr relativ teures Retailangebot zum Digitalprodukt CSX umgebaut. Und genau aus diesem Grund kann es auch für die UBS Sinn ergeben, ihrer traditionellen, persönlichen Vermögensverwaltung eine moderne Digitalalternative zur Seite zu stellen. Im Wissen, dass die Kundinnen und Kunden für den Brand UBS wohl weiterhin einen kleinen Aufpreis bezahlen werden.

Für Millennials ist Digital das neue Premium

Ausserdem ist für die Generation der Millennials (und erst recht der später Geborenen) «Digital» längst keine Bezeichnung für ein Billigangebot mehr, sondern unter Umständen sogar das neue Premium. Da gibt es Kundinnen und Kunden, die sich nicht mit teuren Anlageberatungen abgeben wollen, sondern ihre Finanzen lieber mit ein paar Klicks selber organisieren. Zieht eine Bank hier nicht mit, verliert sie bald mehr als «nur» Affluent-Kunden und -Kundinnen. Denn die Superreichen von morgen stammen auch aus der Generation Digital. 

Nicht alles lässt sich gleich global interpretieren. Noch zielt die UBS mit Wealthfront auf die amerikanische Mittelstandskundinnen und -kunden, die bisher kaum oder nicht zu ihrer Kundschaft zählen. Und ja, der amerikanische Anlagemarkt funktioniert ganz anders als der europäische. Doch das Signal stimmt: Hier kauft sich eine Schweizer Grossbank Zukunftstechnologie ein. Ob die 1,4 Milliarden dafür gerechtfertigt sind, ist derzeit schwer abzuschätzen. Aber Schweizer Grossbanken haben schon für Dümmeres Milliardenbeträge ausgegeben.

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