Ungeachtet gigantischer Staatsausgaben rechnen Ökonomen in der Coronavirus-Krise vorerst nicht mit einem Inflationsschub. Sie gehen eher vom Gegenteil aus, also von sinkenden Preisen. Ein wesentlicher Faktor ist der Absturz der Erdölpreise, so die Einschätzung.

«Angesichts der Schwere der aktuellen Rezession und vor dem Hintergrund des ausgesprochen starken Ölpreisverfalls sollte die Konsumentenpreisinflation im Jahresdurchschnitt 2020 deutlich niedriger ausfallen als im Vorjahr», sagte etwa Michael Menhart, Chefvolkswirt des weltgrössten Rückversicherers Munich Re. «Ich vermute, dass die Corona-Krise eher zu einer Deflation führen wird», meinte Markus Demary, Senior Economist für Geldpolitik und Finanzmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.

^«Kurzfristig dürfte die Covid-19-Krise eher deflationär wirken», nimmt auch Katharina Utermöhl an, für Europa zuständiger Senior Economist der Allianz. Europas führender Versicherer erwartet für 2020 im Euroraum eine extrem niedrige Preissteigerung von 0,2 Prozent, für 2021 eine Inflationsrate von 1,6 Prozent. BayernLB-Chefvolkswirt Jürgen Michels teilt die Einschätzungen seiner Kollegen: «Kurzfristig sehe ich ganz klar, dass der Druck auf die Preise eher nach unten geht - auch wegen der Ölpreisentwicklung.»

Fehlende Nachfrage

Nicht nur die Regierungen, sondern auch die Unternehmen werden nach der Krise auf Schuldenbergen sitzen. «Diese Schulden müssen abgebaut werden und der Abbau der Schulden hat für eine gewisse Zeit Vorrang vor neuen Investitionen», sagte IW-Geldmarktspezialist Demary. «Durch die Zurückhaltung der Investitionen fehlt Nachfrage, wodurch das Wachstum der Preise stagniert.»

Zwei von mehreren weiteren Faktoren, die Demary nennt: Risikoscheue sowie mutmasslich verhaltene Nachfrage nach dem Ende der Pandemie. «Unternehmen und Haushalte werden eher nicht investieren, sondern erst einmal abwarten, dass die Unsicherheit fällt.»

Und wie sieht es nach dem Ende der Krise aus? Das hängt vom Ausmass und Tempo der anschliessenden Erholung ab, wie Munich Re Chefvolkswirt Menhart sagte - «wobei wir aktuell nicht von einer grundlegenden Veränderung des Inflationsausblicks ausgehen und deshalb mit Inflationsraten ungefähr auf Vorkrisen-Niveau rechnen.»

(awp/tdr)