Führt die Coronakrise zu einer neuen Bescheidenheit, zu modernen Fussgänger- und Velo-Städten, zu einem Rückzug ins Kleine und Private, zu einem verstärkten Bewusstsein für Klima und Umwelt? In den letzten Monaten konnte man allerlei Szenarien lesen, die in diese Richtung wiesen.

Doch jetzt kommt einer und legt Daten vor, die in die Gegenrichtung deuten. Deutschlands bekannter Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer ging der Frage nach, welche Autos denn zuletzt so verkauft wurden. Und siehe da: Starke Motoren blieben zuoberst auf der Wunschliste. Jedenfalls in Deutschland.

Weniger Geld, höherwertige Gefährte

Der Direktor des CAR-Center Automotive Research und HSG-Professor untersuchte ganz grundsätzlich die Verkaufskurven bei früheren Krisen – etwa vor und nach der Erdölkrise der 1970er, in der Sars-Epidemie 2003, bei der Lehman-Pleite 2008/2009 oder der Eurokrise. Und heraus kam: Die Krisen verteuerten zwar das Autofahren (oder sie schmälerten das das verfügbare Einkommen); aber zugleich reagierten die Neuwagenkäufer bei allen Krisen – ausser 2009 bei der Abwrackprämie – mit dem Kauf höherwertiger Fahrzeuge.

Quelle: Ferdinand Dudenhöffer: «Auch nach der Covid19 Pandemie werden die PS-Zahlen der Pkw-Neuwagen in Deutschland steigen», Center Automotive Research, Juni 2020.

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Seit 1990, so Dudenhöfers Daten, stiegen die durchschnittlichen PS-Zahlen der neu zugelassenen Fahrzeuge in fast jedem Jahr. Nur zweimal lagen sie gleich hoch wie im Vorjahr, bloss einmal waren sie tiefer.

«Selbst nach einer gewissen Zeit 'akzeptiert' man die höheren Preise und nimmt das höherwertige Auto», schreibt Dudenhöffer: «Die Neuwagenkäufer sind also 'trainiert' auf höherwertige, PS-stärkere Neuwagen.»

Faktor Benzinpreise

Die Erkenntnis gilt offenbar selbst in der aktuellen Virus-Lage: Auch in ersten fünf Monaten 2020 stiegen die PS-Zahlen – Coronavirus-Krise hin oder her. Eine Rolle spielte natürlich, dass viele der neuen Fahrzeuge schon vor der Pandemie geordert worden waren. «Dennoch ist die Entwicklung zu höherwertigen Fahrzeugen in den ersten fünf Monaten mit einem grossen PS-Sprung beachtlich», so Dudenhöffer; und er interpretiert, dass bei den tiefen Benzinpreisen offenbar wenig Anreiz bestehe, das Auto «eine Nummer kleiner» zu kaufen.

Die Entwicklung zeigt sich auch mit umgekehrten Vorzeichen: Auf lange Sicht bleiben Kleinst- und Kleinwagen eher ein Segment ohne Wachstum, selbst in Krisenzeiten.

Und so kommt Dudenhöffer zum Fazit, dass kräftigere Autos «auch in der Nach-Corona-Zeit der Wunsch vieler bleiben. Corona wird beim Auto die Menschen nicht ändern, das zeigt die
Analyse der Vergangenheit.»

Für die Schweiz fehlen entsprechende Daten – allerdings ist der Langfrist-Trend zu stärkeren Autos auch hier unverkennbar. Auch hier stieg beispielsweise der Anteil der verkauften SUV in den letzten Jahren stetig an. Die 2018 immatrikulierten Neuwagen verfügten im Schnitt über 179 PS – so viele wie nie zuvor. Im Jahr 2013 hatte der Schnitt noch bei 153 PS gelegen.

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Die aktuellsten Daten des Importeurs-Verbandes Auto-Schweiz besagen, dass von Januar bis Mai 2020 die deutlichsten Rückgänge bei Honda, Smart und Subaru verbucht wurden, während BMW Alpina, Mini, Renault vergleichsweise am besten abschnitten (beziehungsweise im Vergleich zum Vorjahr eher geringe Absatz-Verluste hinnehmen mussten).

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(rap)