Für die Menschen in Brüssel-Schuman, dem Epizentrum der Europäischen Union, konnte die Sommerpause nicht lang genug sein. Wenige Wochen ist die vermeintlich krisenfreie Zeit vorbei, und jetzt im Herbst ist wieder alles beim Alten. Die Sonnenbräune ist grauem Beamtenbüroteint gewichen.

Ein Gipfel jagt den nächsten, ein Schreckensszenario ist schlimmer als das an­dere. Griechen, Spanier, Portugiesen starren ängstlich auf die Zinskurven an den Aktienmärkten, während die Deutschen, Niederländer und Finnen weiter auf harte Hand machen und auf protestantischen Tugenden beharren.

Keine fünf Autominuten weiter westlich sieht das Krisenjahr Nummer drei ganz anders aus. Belgiens Hauptstadt hat sich 2012 einfach «Brusselicious» getauft, köstliches Brüssel. Ein ganzes Jahr Gaumenschmaus! «La vie est trop courte pour boire du mauvais vin» – das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken, ist die Überzeugung der Brüsseler.

Kürzlich hiess das Motto «Slow Food», nach der gleichnamigen Bewegung aus Italien, die die Rückbesinnung auf tradi­tionelle Zubereitung, regionale Zutaten und vor allem bewusstes Geniessen propagiert. Die ideale Ansage für die «Rentrée», die Rückkehr von den Stränden Knokkes und Mallorcas, wenn sich Schulbeginn und Alltag noch gar nicht recht in den Köpfen festgesetzt haben.

Die Brüsseler essen gern und gut, am liebsten in grossen Gruppen, mit der Familie, mit Freunden. Krise hin, Krise her – die guten und vielen alteingesessenen ­Restaurants in Brüssel haben immer Gäste, so wie die vielen Märkte und exzellenten Fisch- und Fleischgeschäfte Kunden.

«Gemeinsam zu essen ist ein fester ­Bestandteil für unsere Gesellschaft. Und unsere Küche ist nicht arrogant, aber ungemein kreativ, sie braucht keine Sterne», sagt Christos Doulkeridis, Brüssels Tou­rismusminister. Er lehnt an einem Stehtisch in den Ateliers des Tanneurs, einem Prachtbau in den Marollen.

Hier wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts Wein und feine Textilien gehandelt. Jetzt stehen im lilaroten Licht der Scheinwerfer sechs der besten Köche der Stadt und bereiten kleine Köstlichkeiten nach der «Slow Food»-Philosophie zu.

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Zum Beispiel Constantin Erinkoglou, dessen «Notos» in Belgien als das beste griechische Restaurant ausserhalb von Griechenland gilt. Eine köstliche Auberginen-Lasagne mit getrockneten Tomaten und Oregano, überbacken mit Joghurt, hat er aufgetischt. «Alle Produkte kommen ausschliesslich aus Belgien, Frankreich und natürlich aus Griechenland», sagt ­Erinkoglou.

Gegenüber bei Josy von «Chez Josy» gibt es grüne, natürlich belgische Tomaten, die aussehen wie Zucchini und im ­Geschmack jede ihrer roten Artgenossen schlagen, garniert mit Wasabi und karamellisierten Schalotten.

Neben Josy steht der erst 34-jährige ­Nicolas Scheidt, einer der vielen jungen Köche aus Frankreich, die sich in Brüssel niederlassen, weil Paris zu teuer ist und die Belgier viel experimentierfreudiger sind. Und auch bei ihm kommt typisch Belgisches auf den Tisch, aber auf ungewöhnliche Art: Eine Griesscreme aus Kriek, dem populären belgischen Kirschbier, ­abgerundet mit Malzsahne.

Das deliziöse Brüssel-Jahr ist noch lange nicht zu Ende. Anfang November gibt es, wie kann es anders sein, ein «Festival des Fritkots», der besten Frittenbuden. Nicht nur eine gute Gelegenheit, die verschiedensten Ecken der Stadt kennenzulernen, sondern auch für leidenschaftliche Diskussionen mit den Brüsselern, die beim Thema Frittenbude in lokalpatriotische Wallung geraten.

Zwei Wochen später kommt die nächste Brüsseler Gourmet­tradition zu ihren Ehren: Le chocolat. Dann kann man den führenden «Schokoladen-Juwelieren» bei der Arbeit zusehen. Im EU-Viertel mag man sich mit den bitteren Realitäten der Euro-Krise plagen, aber im Herzen Brüssels finden sich garantiert immer auch Europas süsse Seiten.Stefanie Bolzen

Brüssel ist von Zürich aus mit dem Zug in weniger als acht Stunden erreichbar.