Wenn Moutier BE am 18. Juni Ja sagen sollte zu einem Wechsel zum Kanton Jura, verlöre der Kanton Bern 7700 seiner 997'000 Einwohner. Das tönt nicht nach viel. Doch befürchten etliche Berner, dass ein solcher Wechsel kantonale oder gar nationale Auswirkungen haben könnte.

Zu ihnen gehört etwa der Berner SP-Ständerat Hans Stöckli. Er sagt der Nachrichtenagentur sda, die Schaffung des Kantons Jura im Jahr 1979 habe die Position der Romandie im Bund gestärkt. Sie sei um einen Kanton gewachsen und damit die Zahl der Standesstimmen aus diesem Landesteil.

Weniger Einfluss auf Bundesbern

Falls nun das Stimmvolk von Moutier bei der kommunalen Abstimmung vom 18. Juni an der Urne Ja sagen würde zu einem Kantonswechsel, hätte diese Vergrösserung des Kantons Jura hingegen keine positiven Auswirkungen für die Romandie, so Stöckli weiter. Im Gegenteil: Es bestehe die Gefahr, dass sich der Einfluss der Romandie in Bundesbern sogar verringern könnte.

Dies deshalb, weil sich der Brückenkanton Bern bisher immer wieder für die Anliegen der Romandie in Bundesbern eingesetzt habe. Bern sei ja in allen möglichen Bereichen jeweils in beiden Konferenzen der Kantonsregierungen vertreten: jener der Deutschschweiz und jener der Westschweiz. Bern verstehe deshalb die Anliegen der Romandie.

Anzeige

Wenn sich Moutier vom Kanton Bern abspaltete, könne es sein, so Stöckli, dass das Engagement des Kantons Bern zugunsten der Anliegen der Westschweiz nachlassen würde. Denn ein Ja von Moutier würde, so der frühere Stadtpräsident von Biel, «die französischsprachige Minderheit und die Zweisprachigkeit im Kanton Bern deutlich schwächen.»

«Frage der Mathematik»

Für Stöckli ist dies alles eine Frage der Mathematik, wie er kürzlich der Zeitung «Der Bund» sagte. Er meint damit, dass der Berner Jura lediglich rund 53'500 Einwohner zählt. Fallen 7700 Einwohner weg, schrumpft die Einwohnerzahl dieses Verwaltungskreises also um 14,4 Prozent.

Der Berner Jura würde danach nicht mehr 5,4 der Bevölkerung des Kantons Bern stellen, sondern nur noch 4,7 Prozent.

Ungleich mehr Kraft kommt dieser Region aber dank des sogenannten Sonderstatuts für den Berner Jura auf kantonaler Ebene zu: Sie darf stets einen von sieben Sitzen in der Kantonsregierung besetzen, also 14,3 Prozent. Auch im Kantonsparlament, dem Grossen Rat, sind ihr gemäss Kantonsverfassung zwölf Sitze (7,5 Prozent) garantiert.

 Sonderstatut in Gefahr

Es hat nun bereits etliche Stimmen gegeben, die sagen, wenn sich Moutier vom Kanton Bern abspaltete, geriete das Sonderstatut des Berner Juras in Gefahr. Diese Aussage gilt weniger für den garantierten Sitz in der Kantonsregierung als die Anzahl Grossratssitze. Derzeit sitzen drei Personen aus Moutier im Kantonsparlament.

Zu jenen, die das Sonderstatut in Gefahr sehen, gehört auch Pierre Alain Schnegg, der aus dem Berner Jura stammende Berner Regierungsrat. Er sagte kürzlich der «Berner Zeitung»: «Wenn wir weiterhin wollen, dass die Minderheit im Kanton Bern gehört wird, dann darf diese nicht noch kleiner werden.»

Sonst könne es eben sein, so Schnegg, dass die Sonderrechte für den Berner Jura infrage gestellt würden. Schnegg sagt gar: «Wenn Moutier geht, wird es im Kanton Bern grosse Veränderungen geben».

Anzeige

Michel Walthert, Vize-Kanzler des Kantons Bern und ebenfalls aus dem Berner Jura, sagt, ein Weggang von Moutier würde das Engagement des Kantons Bern für die Zweisprachigkeit nicht schmälern. «Es ist aber klar, dass es Bereiche gibt, in denen die Kursgeschwindigkeit reduziert werden müsste, wenn Moutier ginge».

Autonomisten schenken sich Ratschläge

Es sind unter anderem diese Privilegien des Sonderstatuts, welche Befürworter des Verbleibs von Moutier, wie Schnegg einer ist, im Abstimmungskampf geltend machen. Diese Privilegien wurden in der Berner Verfassung verankert, um die Identität des Berner Juras zu bewahren, seine sprachliche und kulturelle Eigenart zu erhalten und ihm zu erlauben, aktiv an der Kantonspolitik teilzunehmen.

Die Autonomisten im Berner Jura, also die Anhänger eines Kantonswechsels, sagten hingegen kürzlich ironisch, die internationalen Beziehungen der Schweiz würden durch einen Kantonswechsel von Moutier nicht gefährdet. Die Stadt Moutier könne sich problemlos eigenständig zur Kantonszugehörigkeit äussern. Sie brauche die Ratschläge der Berntreuen nicht.

Anzeige

(sda/ccr)

In diesen Kantonen leben Schweizer am günstigsten: