Von seinen Festungsmauern wohl behütet, war Solothurn im Jahr 1920 ein verträumtes Städtchen. Seine glorreichen Zeiten gehörten längst der Vergangenheit an. Die Blütezeit, als die vom französischen König bevollmächtigten Ambassadoren durch die Strassen paradierten und die Blicke der jungen Mädchen auf sich zogen, war endgültig vorbei. Von der früheren Pracht blieben nur noch einige galante, für den lokalen Sprachgebrauch zurechtgestutzte französische Ausdrücke übrig wie der «Püntineuri», abgeleitet aus dem altfranzösischen «j’en fais mon point d’honneur» (das ist Ehrensache).

Partner-Inhalte
 
 
 
 
 
 

Der junge Hugo Buchser lehnte sich gegen den schweren Musikautomaten, der im Gasthof seines Vaters stand. Er träumte von fernen Ländern und schaute durch die trüben Fensterscheiben den ersten Schneeflocken zu, die vom Himmel fielen. Er gab sich seinen Träumereien umso lieber hin, als er sich der fabelhaften Geschichten seines Onkels Franck Buchser erinnerte, der als Maler mit seiner Staffelei durch Nordafrika und dann durch Amerika gereist war, wo er Indianer malte und sogar General Sutter höchstpersönlich, den Gründer von San Francisco.

Da erregte plötzliche eine laute Stimme die Aufmerksamkeit des jungen Hugo Buchser. Ein korpulenter, jovialer Mann, Zigarre im Mundwinkel, erzählte vom Missgeschick, das einer kleinen Uhrenfirma aus der Gegend von Grenchen widerfahren war. «Diese Idioten», spottete er, «stecken ganz schön in der Patsche.» Sie hätten nämlich soeben festgestellt, dass eine Serie von mehreren tausend mechanischen Billiguhren, den berühmten Roskopf-Uhren, einen gravierenden Fehler aufwiesen. Auf Grund eines falsch eingebauten Teils lief ihr Uhrwerk im Gegenuhrzeigersinn. «Und nun», lachte er, «sitzen sie auf all diesen Uhren, die verkehrt herum laufen, und wissen nicht wie weiter.» Sie zu öffnen und den Mangel zu beheben, käme sie teurer zu stehen, als gleich neue herzustellen.

Der junge Hugo sprang auf. Er hatte einen Geistesblitz. Er musste schnell und unbemerkt handeln. Am nächsten Morgen begab er sich zur kleinen Uhrenfabrik und verlangte nach dem Direktor, Herrn Meyer. Der Zeitpunkt sei ungünstig, beschied man ihm, da sich Herr Meyer in einer Sitzung mit seinen technischen Leitern befinde. Aber deswegen komme er ja gerade, sagte Buchser, um seine Dienste zur Lösung des kürzlich aufgetretenen «kleinen technischen Problems» anzubieten. Er insistierte, man liess ihn eintreten.

Eine halbe Stunde später trat ein strahlender Direktor vor seine technischen Leiter: «Vergessen Sie die ganze Geschichte», sagte er zu ihnen, «verpacken Sie alle Uhren, die verkehrt herum laufen, in grosse Kisten und verschnüren Sie diese; sie werden in ein paar Tagen abgeholt. Aber vor allem, sprechen Sie mit niemandem mehr darüber.»

Einige Wochen später ging Hugo auf einem Quai im Hafen von Genua auf und ab. Sechs Kisten standen bereit, und Hugo konnte es kaum erwarten, dass der Kran sie in den Himmel hob und im Bauch des Dampfers «Orient Star» verschwinden liess. In weniger als 24 Stunden würde das Schiff den Anker lichten, mit Kurs nach Indien.

So beginnt die Geschichte über die lange Reise des jungen Hugo Buchser nach Indien. Nach seiner Ankunft in Bombay mit seinen Kisten voller Uhren, die verkehrt herum liefen, machte er sich auf den Weg quer durch den indischen Subkontinent. Er entfernte sich immer mehr von den grossen Zentren und gelangte bis in die entlegensten Gegenden des Landes. Dort hatte er nicht die geringste Mühe, seine Ware Händlern zu verkaufen, von denen einige zum ersten Mal in ihrem Leben eine Uhr sahen.

Allein die Tatsache, dass jemand eine Uhr besass, verlieh ihm hohes Ansehen. Ob sich dessen Zeiger in die richtige oder die falsche Richtung bewegten, war nebensächlich. Und wer konnte schon sagen, welches die richtige Richtung war?

Langsam, aber sicher verkaufte Hugo Buchser seine gesamte Ware. Seine Abnehmer verlangten nach mehr, aber zu ihrem Leidwesen befand sich schon bald keine einzige Uhr mehr in Hugos Kisten. Und wie konnte er, nachdem er die Vorzüge dieser Wunderwerke, deren Zeiger von links nach rechts drehten, so gelobt hatte, plötzlich mit neuen Uhren daherkommen, die «im Uhrzeigersinn» liefen. Man hätte ihn ja glatt für einen Betrüger gehalten! Dies umso mehr, als zur selben Zeit ein gewisser Mahatma Gandhi ebenfalls die Tugenden einer Art von «Rückschritt» pries.

Eines der stärksten Symbole der grossen, friedlichen Revolution, die Gandhi anstrebte, war das Spinnrad; das einfache, ärmliche Spinnrad des indischen Handwerkers gegen die mächtige militärische und industrielle Dampfwalze des britischen Empire. In welche Richtung dreht sich ein Spinnrad? Im Uhrzeigersinn? Oh nein! Wie die Uhren von Hugo Buchser dreht sich auch das Spinnrad «gegen den Lauf der Zeit». Und «gegen den Lauf der Zeit» befreite Gandhi sein Land.

In einer wundervollen Sternennacht begegnete Hugo tatsächlich Gandhi. Er wurde sogar eingeladen, im persönlichen Zelt des Mahatma zu übernachten. Was sie sich in dieser Nacht erzählt haben? Man weiss es nicht.

Erwiesen ist, dass Hugo zwei Jahre später als reicher Mann in die Heimat zurückkehrte. Doch das Reisefieber liess ihn nicht mehr los. Er brach nach Südamerika auf, zwar ohne Uhren, aber reich an Ideen. 1927 gründete er in Buenos Aires das erste Uhrenmagazin des Kontinents. Er liess es jedoch nicht dabei bewenden. Im Laufe seiner Reisen kamen Ausgaben in Arabisch, Persisch, Hindu, Hurdu, Thai, Chinesisch, Japanisch hinzu.