Schichten von schwarzen Soldatenfliegenlarven winden sich in grossen Aluminiumbehältern in einem Lager ausserhalb Vancouvers. Sie fressen sich durch altes Brot, faulige Mangos, überreife Melonen und matschige Zucchini. Die kanadische Firma Enterra Feed verarbeitet die Larven zu eiweissreichem Futter für Fische, Geflügel und sogar Haustiere. Nach der Mast werden die Fliegenlarven geröstet, getrocknet und abgefüllt oder gepresst, um Öle zu extrahieren. Anschliessend werden sie zu einem braunen Pulver gemahlen, das nach gerösteten Erdnüssen riecht. Noch ist der Markt für solche Insektenfarmen klein. Er wächst aber zunehmend und hat das Interesse von Schwergewichten wie dem US-Lebens- und Futtermittelhersteller Cargill oder der Schweizer Bühler Gruppe auf sich gezogen.

Der US-Fast-Food-Riese McDonalds untersucht die Verwendung von Insekten als Hühnerfutter, um die Abhängigkeit von Sojaprotein zu verringern. «Wir sind von den ersten Ergebnissen ermutigt und entschlossen, die weitere Forschung weiter zu unterstützen», sagt McDonalds-Managerin Nicola Robinson. Larven und Käfer sind nur eine von vielen Alternativen, die von grossen landwirtschaftlichen Firmen untersucht oder entwickelt werden. Andere umfassen Erbsen, Raps, Algen und bakterielle Proteine. Und diese Alternativen sind für die Herstellung von Futtermitteln dringend nötig.

In den letzten vier Jahrzehnten ist der Pro-Kopf-Fleischkonsum um 50 Prozent gestiegen. Das Problem ist, dass die Futtermittelproduktion schneller wachsen muss, wenn die Fleischnachfrage steigt. Normalerweise werden etwa zwei Pfund Futter benötigt, um ein Pfund Hühnchen zu produzieren. Für Schweinefleisch sind vier Pfund nötig. Eine Ausweitung des Anbaus von Sojabohnen - seit Jahrzehnten die Grundlage für Vieh- und Geflügelfutter - ist aber keine langfristige Lösung, da dies zur Entwaldung und zu einem übermässigen Gebrauch von aggressiven Agrarchemikalien beiträgt.

Insektenmehl als Tierfutter-Alternative

Besonders nötig wären alternative Proteinquellen im boomenden Aquakulturgeschäft. In Fischfarmen werden jedes Jahr Millionen Tonnen an Fischmehl verfüttert, was für eine weitere Überfischung der Weltmeere sorgt. Insektenmehl könnte eine nachhaltige Lösung sein. Die Insektenfarmen konzentrieren sich vor allem auf die Larven der schwarzen Soldatenfliege und Mehlwürmer, da diese einfach zu züchten, gleichzeitig aber reich an Eiweiss und verdaulichem Fett sind.

Grillen, die in einigen Ländern gerne von Menschen verspeist werden, sind dagegen wählerische Esser. Zugleich sind sie laut und können benachbarte Pflanzen beschädigen, wenn sie entkommen.

Enterra Feed will innerhalb des nächsten Jahres ein zweites Werk in Calgary aufbauen und plant in den nächsten fünf Jahren ähnliche Anlagen in anderen nordamerikanischen Städten. Die niederländische Firma Protix Biosystems hat im vergangenen Jahr ihre erste kommerzielle Farm für Soldatenfliegelarven gestartet und will dieses Jahr, unterstützt durch eine 50 Millionen Dollar schwere Investition von Bühler, eine zweite Produktionsstätte eröffnen. «Wenn wir in Europa erfolgreich sein können, dann wird das eine weltweite Lösung», glaubt Protix-Chef Kees Aarts.

In der EU sind seit Januar verarbeitete Insekten in Lebensmitteln erlaubt. Ernährungswissenschaftler und Forscher propagieren bereits seit langer Zeit den Verzehr von Insekten als nachhaltige und billige Proteinquelle, aber das ist für viele Menschen eine wenig verlockende Aussicht. Der Einsatz weiter unten in der Nahrungskette als Tierfutter ist vielen angenehmer. Gleichwohl liegen vor diesem Geschäft noch einige Hürden wie ein gewisser Ekelfaktor, selbst wenn die Insekten an Tiere verfüttert werden. Die Aufsichtsbehörden müssen zudem davon überzeugt werden, dass keine neuen Giftstoffe in die Lebensmittelversorgung gelangen.

Ressourcen schonen

Die Produktion von Soldatenfliegenlarven ist in Europa, Kanada und den USA erlaubt, hauptsächlich für die Verwendung in Fischfarmen. «Da Fische Insekten auch in freier Wildbahn fressen, ist es für die Verbraucher einfacher, sich mit diesem Gedanken anzufreunden», sagt Benoit Anquetil, Strategiechef des Tierernährungsgeschäfts von Cargill.

Nach Einschätzung von Thomas Gremillion vom amerikanischen Verbraucherverband ist eine umfassende Sicherheitsüberprüfung von Insekten als Futtermittel für die Verbraucherakzeptanz entscheidend. «Wenn sich die Art und Weise, wie Tiere gefüttert werden, so stark verändert, möchte ich genauer wissen, ob sich bei den Tieren irgendwelche Giftstoffe durch die Insekten anhäufen.»

Noch wird es Jahre dauern, bis das Geschäft mit den Insekten eine nennenswerte Grösse erreicht. Aber selbst ein kleiner Marktanteil würde einen grossen Unterschied für die Futtermittelindustrie und die Umwelt machen, sagte Robert Nathan Allen, ein Insektenbauer und Vorsitzender der nordamerikanischen Vereinigung für Insekten-Landwirtschaft. «Wenn wir fünf oder zehn Prozent der Proteine, die normalerweise in den Futtermitteln enthalten sind, durch Insektenprotein ersetzen würden, werden viele Ressourcen geschont.»

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(reuters/ccr)