Ihn hatte kaum einer auf der Liste: Die Wahl von Roger de Weck (56) als neuer Generaldirektor der SRG war ein Coup und löste – je nach politischer Seite – Begeisterung bis Empörung aus. Dass Medienminister Moritz Leuenberger ganz am Schluss des Selektionsverfahrens plötzlich die Anforderungskriterien änderte und das Publizistische mehr gewichtete als das Unternehmerische (was de Weck zugutekam), löste bei vielen Befremden aus. Zumal Leuenberger, in Zürich ein Quartiernachbar von de Weck, öfter bei dessen Terrassenfesten zu Gast ist und auch am Rand von Kulturveranstaltungen den Kontakt zu diesem pflegt. Politisch liegen sie auf ähnlicher ­Linie: De Weck gilt als sozialliberal, SVP-kritisch und distanziert zur Marktwirtschaft, dafür als überaus europafreundlich – das zeigt auch seine Mitgliedschaft in der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz und im Club Helvétique.

De Weck steht im Ruf, intellektuell brillant und entscheidungsfreudig, gleichzeitig distinguiert-unnahbar und bisweilen wechselhaft zu sein. Ab 1.  Januar ist er Herr über 8 Fernsehsender, 18 Radiostationen, 6000 Mitarbeiter und 1,6 Milliarden Franken Budget. Journalistischer Einfluss ist für den Managerposten zwar nicht vorgesehen, doch der ehemalige Chefredaktor von «Tages-Anzeiger» und «Zeit» wird ihn sich nehmen.

Die Vertrauten

Mit Radiopionier Roger Schawinski lief de Weck einst Marathon, heute geht es mit «Du»-Verleger Oliver Prange nur noch um den Greifensee. Zum Freundeskreis gehören Thomas Held, abtretender Chef von Avenir Suisse, und Philosophieprofessor Georg Kohler. In Deutschland startete de Weck 1989 als Assistent des legendä­ren Verlegers Gerd Bucerius bei der «Zeit», später kam er als Journalist unter die Fittiche von Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff. Mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt, den er bewundert, reiste de Weck für eine Vortragsreihe durch Ostdeutschland. Schmidts Nachfolger Helmut Kohl traf er häufig zu Vier-Augen-Gesprächen. Mit Joschka Fischer ging er joggen und zog durch die Kneipen ­Berlins. Wichtig ist ihm die Kultur: Er engagierte sich, zusammen mit Schriftsteller Adolf Muschg, stark für den Verbleib von Christoph Marthaler am Zürcher Schauspielhaus. Befreundet ist er ebenfalls mit ­Anne Keller Dubach, Präsidentin des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft, und ihrem Mann Werner Dubach, ehemals Besitzer der Brauerei Eichhof. Auch die ostdeutsche Schriftstellerin Monika Maron steht de Weck nah. In den neunziger Jahren ­wurde ihm eine Affäre mit der Autorin Milena Moser nachgesagt.

Die Gegner

Als de Weck 1997 als «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor mit Sparvorgaben konfrontiert wurde, stellte er bei Hans Heinrich Coninx die Machtfrage: CEO Michel Favre oder er. Der Verleger entschied sich gegen ­seinen Jugendfreund de Weck, der larmoyant zurücktrat. Dass er, wie später herauskam, zu diesem Zeitpunkt die Verpflichtung als «Zeit»-Chefredaktor bereits so gut wie in der Tasche hatte, schadete seiner Glaubwürdigkeit. Zu Coninx ist das Verhältnis wieder eingerenkt, aber sonst blieben Narben: Ex-Weggefährte Kurt W. Zimmermann bezeichnet de Weck als «Anti-Manager», auch Favre zweifelt öffentlich dessen Qualifikation für den neuen Job an. Die SVP, gegen die de Weck leidenschaftlich anschreibt, ist ob seiner Wahl konsterniert: «Ich kann sie mir nur so erklären, dass Jean Ziegler eben in Libyen weilt und Fidel Castro offenbar den Gesundheitscheck nicht bestanden hat», ätzte Christoph Mörgeli. Hans Fehr will die Wahl gar zum Thema im Nationalrat machen. Auch Roger Köppel schoss in der «Weltwoche» gegen de Weck. Bei der «Zeit» hielt Herausgeber Josef Joffe nicht viel von de Weck: Er sorgte für dessen Abgang 2001. Gegen Ex-UBS-Lenker Marcel Ospel hegt de Weck eine innige Abneigung in Fragen zu Salären und Europa.

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Die Wirtschaftsverbindungen

De Weck sitzt in mehreren Stiftungsräten mit Wirtschaftsprominenz: Bei der Max-Schmidheiny-Stiftung trifft er auf den Milliardär Thomas Schmidheiny, den SIX-Swiss-Exchange-Präsidenten Peter Gomez und den ehemaligen Swiss-Re-Chairman Peter Forstmoser, mit dem er auch privat befreundet ist. Im Gremium sitzt zudem Wegelin-Privatbankier Konrad Hummler. Einst war auch der damalige Swisscom-Präsident Markus Rauh dabei. Im Stiftungsrat des renommierten Internationalen Karlspreises zu Aachen arbeitet de Weck zusammen mit Lode­wijk van Wachem, früher Präsident der Zurich Financial Services und heute Chairman der Reederei Maersk, sowie dem früheren Metro-Chef Erwin Conradi. Auch ­Jürgen Strube, Ex-CEO des deutschen Chemiekonzerns BASF, sowie Dietmar Kuhnt, Ex-Chef beim Energieversorger RWE, sitzen im Gremium.

Die Kandidaten

De Wecks erste grosse Aufgabe wird die Wahl eines Chefs für die zusammengelegte Radio- und TV-Abteilung der SRG sein. Die Chancen des jetzigen Fernsehdirektors Ueli Haldimann sind stark gesunken: Zu ähnlich ist die politische Ausrichtung, und schon zu gemeinsamen Tamedia-Zeiten wurde der damalige Haudegen nie richtig warm mit Philosoph de Weck. FDP-Nationalrat Filippo ­Leutenegger könnte zwar ein politisches Gegengewicht setzen, hat aber schon mit seiner Kandidatur für den Generaldirektorenposten die SRG-Granden nicht überzeugt. Es dürfte auf einen Radiomann hinauslaufen: den politisch neutralen Chefredaktor Ruedi Matter oder den unauffälligen Radiodirektor Iso Rechsteiner.

Die Familie

Roger der Weck wuchs als viertes von sieben Kindern einer freiburgischen Patrizierfamilie auf, deren Wurzeln sich bis ins 15.  Jahrhundert zurückverfolgen lassen. Sein letztes Jahr verstorbener Vater Philippe de Weck war Präsident der Bankgesellschaft und VR von Nestlé, BBC, «Winterthur», Sulzer und anderen. Er half mit, die Vatikanbank zu sanieren. Der ältere Bruder ­Pierre leitet das Private Banking bei der Deutschen Bank; auch ein Onkel, ein Cousin und ein Neffe sind Banker. Frau Claudia (56) hat sich einen Namen als Autorin und Illustratorin von Kin­derbüchern gemacht. Die beiden haben vier Kinder, darunter die Lektorin und Publizistin Margaux (31) sowie die Schauspielerin und Autorin Laura (28).