Geld- und machtgeile Manager», urteilt die Baslerin Margrit Voegelin und lässt ihrem Ärger über diese «Bosse» in den Leserbriefspalten des «Blicks» freien Lauf; «das Verbrechen hält Einzug in der Chefetage», meint gar Leserbriefschreiber Christian Rickenbacher im Wirtschaftsblatt «Cash», und «korrupte Verwaltungsräte» gäben Modellen mit exorbitanter Entlöhnung von Topmanagern einen «pseudolegalen Anstrich».

Einer dieser Exponenten im Visier des Volkszorns, Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe, doziert derweil vor Studenten der Uni Zürich zum Thema «Nachhaltigkeit als unternehmerische Verantwortung» und gibt en passant seine Version des angeblich so machtgeilen Managers zum Besten: Nestlé, meint er, gebe heute weltweit einer Viertelmillion Menschen Arbeit; seit 1997, als Brabeck zum CEO ernannt wurde, habe der Konzern weltweit über hundert Milliarden Franken an Löhnen ausbezahlt und seit 1999 in der Schweiz 800 neue Stellen geschaffen – netto, versteht sich. Und: In der Brabeck-Ära hat der grösste Nahrungsmittelkonzern der Welt mit Schweizer Wurzeln 83 Milliarden Franken an Mehrwert und Dividendenzahlungen zu Gunsten der Aktionäre erwirtschaftet – ein Segen für den Sozialstaat, schliesslich liegen 65 Prozent der Nestlé-Aktien in den Portefeuilles von institutionellen Anlegern oder Pensionskassen und anderen Vorsorgeeinrichtungen.

Warum also, dürfte einer wie Brabeck sich fragen, sitzen er und seinesgleichen derzeit auf der Anklagebank der Medien, zur öffentlichen Steinigung freigegeben wie keine Schweizer Managergeneration je vor ihnen? Da titelt der «Blick»: «Mandate, Moneten, Motoren – so lebt der mächtigste Manager der Schweiz», und berichtet genüsslich etwa über die drei Harley-Motorräder, die in Brabecks Privatgarage stehen. Und beim Schwesterblatt «Cash» aus dem gleichen Ringier-Verlag steht im Titel: «Nestlé-Chef Brabeck: Jetzt kassiert er richtig». Der so Geächtete ist zur personifizierten Unmoral avanciert und versteht die Welt nicht mehr.

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Im 34. Stockwerk eines Frankfurter Büroturmes sitzt einer, dem ergeht es ähnlich. Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, räsoniert über seine Befindlichkeit: Er sei, meinte er gegenüber dem Magazin «Stern», der «Staatsfeind Nummer eins». Seit der SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering Mitte April die deutsche Managergilde mit einem «Heuschreckenschwarm» verglichen und mit dem liebevollen Adjektiv «asozial» versehen hat, ist einer immer im besonderen Masse gemeint: Josef Ackermann, der Schweizer im Solde der grössten Bank des Landes, ist in Deutschland zur «Symbolfigur» («Süddeutsche Zeitung») der Anti-Kapitalismus-Debatte avanciert.

Jener Mann also, der steigende Gewinne der Bank, eine anvisierte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent und die Entlassung von 6400 Angestellten problemlos zu verbinden vermag und damit nur öffentliches Unverständnis erntet. «Die Ackermänner», weiss Müntefering, das seien ganz besonders schlimme Kapitalisten, und seit der Sozi-Frontmann die Treibjagd auf das Führungspersonal deutscher Grossunternehmen eröffnet hat, fallen die Hemmungen. «Playboys des Marktes», urteilt Norbert Blüm, ehemaliger Arbeitsminister der Regierung Kohl, über Deutschlands Managerkaste, «neoliberal ideologisierte Feudal-Kapitalisten», notiert Ringier-Publizist Frank A. Meyer im hauseigenen, in Deutschland erscheinenden Intellektuellenblatt «Cicero», und Nationaldichter Günter Grass sieht in der «Zeit» die Demokratie sich «dem Diktat des global flüchtigen Kapitals» unterwerfen. Noch nie, seit die Nation wiedervereinigt ist, ist der «antikapitalistische Reflex» («Spiegel») lebendiger gewesen im Land als gerade jetzt.

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In Deutschland ist es der Boss der roten Volkspartei, der das Fanal zum Manager-Bashing gibt, in Frankreich ist es ein Kleinaktionär des Grossverteilers Carrefour, der durch Zufall im Geschäftsbericht über eine rätselhafte Position «Rückstellungen» stolpert und damit die so genannte «Carrefour-Affäre» auslöst. Der Chef der zweitgrössten Supermarktkette der Welt hat im Februar 2005 nach dreizehn Jahren seinen Hut nehmen müssen, weil der Aktienkurs des Unternehmens an der Pariser Börse um die Hälfte einsackte. Als Abgangsentschädigung erhält Daniel Bernard die Rekordsumme von 38,8 Millionen Euro, zuzüglich einer lebenslangen Rente von 1,25 Millionen pro Jahr – das entspricht rund 3000 Jahreslöhnen einer Carrefour-Angestellten, die an der Kasse für den gesetzlichen Mindestlohn arbeitet. Seither verkörpert Bernard in der französischen Öffentlichkeit dasselbe wie ein Brabeck in der Schweiz, ein Ackermann in Deutschland: das hässliche Gesicht des Kapitalismus.

Schweiz, Deutschland, Frankreich: Noch nie in der Nachkriegsgeschichte standen Europas Wirtschaftsführer derart in der öffentlichen Kritik, noch nie stand eine Elite derart am Pranger, ausgeliefert dem enthemmten Volkszorn und dessen Handlangern aus Medien und Intelligenzija. «Es sollte auch nicht vergessen werden», schrieb etwa die «Süddeutsche Zeitung» Mitte Mai in einem Kommentar über «Ackermann als Symbol» , «dass vor geraumer Zeit der Dramatiker Rolf Hochhuth in einem Theaterstück ziemlich unverblümt mit dem Gedanken gespielt hat, ein Mord an Ackermann könnte gerechtfertigt sein.» Und die «Frankfurter Allgemeine» diagnostiziert wohl zu Recht: «Kapitalismusstreit ausser Rand und Band.»

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Was vordergründig wie eine – zumindest teilweise in gehässigem Ton geführte – Auseinandersetzung um die Kontrolle ökonomischer Macht daherkommt, manifestiert in der Tiefenbetrachtung einen dramatischen Paradigmawechsel im Verhältnis zwischen dem politischen und wirtschaftlichen Führungspersonal und dem Wahlvolk im demokratischen Staat.

«Das Verhältnis zwischen Markt, Kapitalismus und Staat», diagnostiziert etwa der Zürcher Philosoph Georg Kohler, «ist aus dem Lot.» Mehr noch: «Die viel gepriesenen Segnungen von Kapitalismus und Neoliberalismus sind nicht eingetreten», analysiert der St. Galler Managementberater Fredmund Malik, und aus dieser Enttäuschung heraus sei «eine neue Wirtschaftsfeindlichkeit» entstanden. Mit weit reichenden Folgen für Staat und Gesellschaft: «Die Sozialpartnerschaft», sagt der Zürcher Soziologe Kurt Imhof, «ist gefährdet wie noch nie zuvor.»

Wo sich Gewichte mit Urgewalt verschieben, erschüttert dies die Grundfesten des demokratischen Staates, tangiert dies Auswahl und Zusammenspiel der wirtschaftlich-politischen Eliten im Land, ohne die eine moderne Res publica nicht auszukommen vermag.

So gesehen, geht es um mehr als um die Gier einzelner Topmanager bei der Festsetzung von Gehältern und Optionsplänen; Globalisierung ist mehr als der «Tanz um die goldenen Aktienkurse» («Süddeutsche Zeitung»), und auch eine «Kapitalismuskritik als Realitätsverweigerung» («Neue Zürcher Zeitung») greift wohl zu kurz. Was in diesen Tagen und Wochen an Systemkritik an die Oberfläche gespült wird und teilweise in schrillen Schlagzeilen seinen Niederschlag findet, hat vielfältige Ursachen, die meist Jahre zurückreichen.

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Im Jahr 1941 bringt der amerikanische Soziologe James Burnham bemerkenswerte Sätze zu Papier wie diese: «Die soziale Gruppe oder Klasse der Manager steht in einem Ringen um gesellschaftliche Führung, um Macht und Privilegien und um die Stellung als herrschende Klasse. Dieses Ringen wird erfolgreich sein. Am Ende der Übergangszeit werden die Manager die gesellschaftliche Führung errungen haben und die herrschende Gesellschaftsklasse sein. Die Vollendung dieses Prozesses bedeutet die Ausschaltung der Kapitalisten aus der Wirtschaftskontrolle, ihr Verschwinden als herrschende Klasse.»

Der Autor nennt seine Schrift «Die Revolution der Manager» und proklamiert, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft «die Herrschaftsfunktion des Eigentums auf den Manager übergehe». Burnham, zunächst Trotzkist, mutierte in seinem Leben zum strammen Antikommunisten, zum «Ideologen des Kalten Krieges», so die französische «Le Monde», und in seiner Anti-Manager-Schrift konstatiert er, dass die Eigentümer der Unternehmen, die Aktionäre also, ihren Einfluss an die angestellten Manager verloren haben. Bemerkenswert ist, dass Burnham vor über 6o Jahren die Aktionärsrechte eingefordert und die bei Karl Marx nicht vorgesehene Klasse der angestellten Wirtschaftslenker als eigentliche herrschende Schicht «in allen Industriestaaten» gesehen hat.

Was Anfang der vierziger Jahre im Urteil eines Rezensenten sich zu einer «popularisierten These vom Ersatz der Kapitalistenklasse» entwickeln konnte, deckt sich heute mit der subjektiven Auffassung von Millionen von Menschen in Europa: Das operative Führungspersonal an der Spitze der multinationalen Unternehmen ist zum bestimmenden gesellschaftlichen Faktor avanciert. Andere Einflussgruppen aus Politik, Kultur oder Militär, die in der Vergangenheit zumindest in der Schweiz gesellschaftlich stark prägend gewirkt hatten, sind angesichts des Primats des Ökonomischen praktisch in Bedeutungslosigkeit erstarrt.

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Im Jahre 1986 bekommt das Primat des Ökonomischen einen Namen: Der amerikanische Ökonomieprofessor Alfred («Al») Rappaport veröffentlicht in den USA unter dem Titel «Shareholder Value» das kapitalistische Manifest einer neuen Zeit. «Nicht gerade neu», urteilt die «Harvard Business Review» über das druckfrische Werk, aber immerhin «genau zum richtigen Zeitpunkt» auf den Markt geworfen.

In der Tat: Drei Jahre später stirbt der Kommunismus an ökonomischer Auszehrung, und der Kapitalismus amerikanischer Prägung tritt einen beispiellosen Siegeszug rund um den Globus an und mit ihm Rappaports Shareholder-Value-Theorie – in der Schweiz mit leichter Zeitverzögerung: 1993 erscheint in der «Neuen Zürcher Zeitung» ein erster Artikel, in dem das moderne Wort «Shareholder» auftaucht, drei Jahre später sind es schon 99 Nennungen, und kurze Zeit später ist Rappaports Wortschöpfung bereits in die Alltagssprache eingedrungen, als negativ aufgeladene Chiffre für ebendiesen globalen Kapitalismus. Als im Dezember 1999 der Chemiemulti Novartis den Agrobereich auslagern und 3000 Arbeitsplätze abbauen will, kommt dem Gewerkschafter Hans Schäppi dieses Wort schon ganz locker über die Lippen. «Ein Kniefall vor dem Shareholder-Value», meint er in der «Tagesschau» abends um halb acht.

Seither wird kräftig hantiert mit dem Begriff: Die Analysten der Banken machen ihre Aktienempfehlungen von steigenden Renditen abhängig und setzen Druck auf beim Management der Unternehmen. Die Fondsmanager stehen unter der Knute steigender Erträge; stimmt die Rendite nicht, zieht die Karawane der Investoren weiter. Institutionelle Anleger und Pensionskassenverwalter müssen die ihnen anvertrauten Vorsorgegelder Gewinn bringend anlegen, andernfalls darben die Pensionierten. Private-Equity-Gesellschaften, bei denen die «Gier der Firmenjäger» («Die Zeit») ein Gesicht bekommt, investieren in unterbewertete Firmen, um diese dann Gewinn bringend wieder loszuschlagen. Finanzjongleure wie Martin Ebner haben den kleinen Mann über Jahre zum Aktiensparen verführt, und Zehntausende von Kleinsparern sind seiner Suggestion «selbstverständlich gewordener ständiger Wertvermehrung» («Facts») verfallen.

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In Deutschland, kein traditionelles Pflaster für Aktionäre, ist die Gier nach Rendite ähnlich ausgeprägt: Schätzungsweise eine Billion Euro, 1000 Milliarden also, sind nördlich des Rheins inzwischen in Wertpapiere und Fonds investiert. Auch im Land der Dichter und Denker kommt, frei nach Brecht, die Moral hinter der Rendite.

Selbst die Kritiker bemächtigen sich des Begriffs, wenn es ihrer Sache dient: Einer wie Novartis-Chef Daniel Vasella habe sein Gehalt vervielfacht, obwohl sich der Aktienkurs kaum bewegt habe, ist von linker Seite zu hören. Selbst bei den Sozialdemokraten scheint der Begriff Shareholder-Value als Masseinheit für die Managerentlöhnung offenbar anerkannt oder, was wahrscheinlicher ist, nicht immer verstanden zu werden. Ist ja auch kompliziert, wie Rappaport den Shareholder-Value definiert: «Der ökonomische Wert einer Investition», der sich ergibt aus der «Summe aller künftigen Geldflüsse (Cashflows), abdiskontiert mit dem Kapitalkostensatz.» Alles klar?

Klar ist jedenfalls: Der ShareholderValue ist eine rein ökonomische Grösse, und alle richten sie ihr Handeln nach ihm aus: Aktionäre und Anleger, Finanzanalysten und Fondsmanager, Private-Equity-Investoren und Pensionskassenmanager.

Und die Manager. Die sind geradezu verdammt dazu. Sie sind getrieben von den pekuniären Ansprüchen der Anteilseigner, getrieben von den Finanzmärkten, gejagt von der Konkurrenz, im Visier der Private-Equity- und Investment-Gesellschaften, die den Globus nach unterbewerteten Unternehmen abscannen.

Werden die «Barbaren vor dem Tore» – so der Titel eines Bestsellers über die
US-Private-Equity-Firma KKR – fündig, beginnt mitunter ein geradezu perverses Spiel um Macht, Moneten und Unternehmen: Ein Investor steigt bei einer Firma ein, kauft ein erstes Aktienpaket. Dieses hinterlegt er bei einer Bank und erhält dafür Bares, mit dem er weitere Aktien aufkauft. Kaum hat er die Mehrheit in der Tasche, plündert er die finanzielle Substanz der Firma oder verhökert einzelne Unternehmensteile. Mit diesem Geld zahlt er seine Bankschulden zurück, und (fast) alle sind zufrieden. Der Investor hat sich praktisch ohne eigenes Geld eine (unterbewertete) Firma geangelt, und die Bank hat an den Transaktionen prächtig verdient.

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In dieser Spielanlage zum Firmenmonopoly ist für die Angestellten kein aktiver Part vorgesehen, mitunter nicht einmal für die Topmanager: Die Firma wird ihnen buchstäblich unter dem Hintern weggekauft. «Wer im Shareholder-Kapitalismus zu wenig Profit macht, wird an den internationalen Finanzmärkten durch Kapitalentzug abgestraft», analysiert der «Spiegel», «der Aktienkurs sinkt und damit der Preis, den ein potenzieller Aufkäufer zahlen muss.»

Keine berauschende Aussicht für einen Topmanager, der sich in seiner Kaste und Einkommensklasse halten will. Was also tut er? Alles, um den Kurs nach oben zu treiben. Das ist gewissermassen Teil seiner Arbeitslosenversicherung. Keine Spielanlage ist ihm dafür zu komplex, der Globus gerade gross genug. Auf der Weltkugel verschiebt er Angestellte und Produktionsstandorte von «teuer» Richtung «billig». Er setzt auf hochautomatisiertes Produzieren mit hohem Kapitaleinsatz und wenig Menschen in der industrialisierten Ersten Welt und das Umgekehrte im Rest der Welt. Das erhöht den Shareholder-Value und damit die Arbeitsplatzsicherheit. Mehr noch, der Manager weiss: Der Preis bestimmt das Bewusstsein. In dieser Frage existiert nur eine Richtung: von «billig» Richtung «billiger». Wo auch immer auf der Welt.

Wenn der Preis stimmt, kann der Manager mehr Produkte absetzen. Wenn er mehr Produkte absetzen kann, stimuliert das den Shareholder-Value. Wenn dieser steigt, fördert das die Arbeitsplatzsicherheit. Auch die des Topmanagers. Alfred Rappaport hat uns mit seinem Shareholder-Value ganz kirre gemacht. Der Aktionär ist immer auch Kunde. Als Ersterer giert er nach Rendite, als Letzterer geizt er am Preis. Und der Manager ist getrieben von beiden Ansprüchen: Gier und Geiz, «hässliche Schwestern, die manchmal so schwer zu unterscheiden sind», urteilt der «Stern».

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Bei diesen Zuständen verderben die guten Sitten. Globale Komplexität wird auf simple Emotionalität reduziert. In den Medien liest man von «gierigen Chefs» mit «happigen Löhnen» wie beim «Blick» oder den Titel «Nackte Profit-Maximierung gefährdet die Demokratie» in der SPD-Postille «Vorwärts», die einen lachenden Josef Ackermann zeigt, die Finger zum Victory-Zeichen gespreizt. In den Vorstandsetagen halten amerikanische Entlöhnungssitten Einzug, und als sich im Jahr 2002 der ehemalige ABB-Chef Percy Barnevik 148 Millionen Franken auszahlen lässt, kann sogar die wirtschaftsfreundliche «NZZ» «verstehen, dass angesichts von 148 Millionen die Bürger nur noch rot sehen». Und «NZZ»-Wirtschaftschef Gerhard Schwarz fragt sich in seinem Leitartikel zu Recht: «Welcher normale Mensch kann solche Beträge begreifen?»

Was freilich in der «japsenden Empörung» («NZZ») verloren geht: Auch wenn einer wie Novartis-Chef Daniel Vasella ein Gesamteinkommen von 20,8 Millionen Franken erhält, beläuft sich sein frei verfügbares Einkommen lediglich auf 9,4 Millionen Franken – auf nicht einmal die Hälfte also. Der Rest sind Optionen und auf Jahre hinaus gesperrte Aktien, und aus diesem Teil seines Entschädigungsmodells kassiert Vasella nur, wenn er eben Shareholder-Value erwirtschaften und steigende Aktienkurse herbeizaubern kann – andernfalls sind die Optionen wertlos und fallen die Aktien im Wert. Auf sein verfügbares Einkommen zahlt Vasella 8,3 Millionen Franken Steuern, womit ihm ein Nettoeinkommen von 1,1 Millionen Franken verbleibt. Als die «NZZ» dezent darauf hinweist, dass «20 Millionen nicht gleich 20 Millionen» sind, hat selbst der «Blick» ein Einsehen und vermerkt auf Seite 3 dezent, «ganz so viel bleibt bei den Spitzenverdienern auch nicht übrig» – nachdem das nationale Boulevardblatt auf der Frontseite über Wochen mit Schlagzeilen wie «Das Lohnkartell der Gierigen» jede Schattierung in der Berichterstattung unterlassen hatte.

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Für Schattierungen ist es ohnehin zu spät. Die Gleichzeitigkeit von Jobabbau im Inland und Rekordgewinnen bei den globalen Multis, von stagnierenden Löhnen bei der Bevölkerung und Millionengehältern für Manager hat das Vertrauen in das Wirtschaftssystem und dessen Exponenten nachhaltig unterminiert. Und kaum jemand glaubt im Ernst, dass die Politiker in der Lage sind, diesen Vertrauensverlust wettzumachen. Statt gegen das Diktat der Ökonomie aufzubegehren, üben sich die meisten gewählten Volksvertreter im profanen Parteigezänk. «Klamauk», nennt die «Frankfurter Allgemeine» die von SPD-Chef Franz Müntefering lancierte «Heuschrecken-Debatte», angezettelt «mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen». Und der Schuss ging nach hinten los: Nach der historischen Wahlschlappe verkünden die Sozis am 22. Mai das Ende von Rot-Grün, Neuwahlen im Herbst, und die «Bild-Zeitung» titelt: «Um 18.28 Uhr verkündete Münte die Sensation».

Die Manager kämpfen an der globalen Front mit dem Shareholder-Value, die Politiker an der nationalen Front vor allem mit sich selbst. Kein Wunder, wabert in den Volkswirtschaften Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz Verunsicherung und Zukunftsangst und fragt die «Zeit»: «Staat, wo bist du?»

Die Antwort kann nicht befriedigend ausfallen. Der Nationalstaat befindet sich seit Jahren in Auflösung, das leitende Personal ist beschädigt, blockiert sich gegenseitig und hat seine wirtschaftliche Kompetenz weitgehend eingebüsst. In der Schweiz hat die Zürcher FDP Mitte der siebziger Jahre zunächst bei kantonalen Wahlen den Slogan «Mehr Freiheit, weniger Staat» lanciert und ihn später bei Nationalratswahlen eingesetzt – und damit die Aushöhlung des Nationalstaatsbegriffs eingeleitet. Die politische Konkurrenz aus der SVP hat die politische Kampfparole übernommen und radikalisiert – mit verheerenden Folgen.

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«Der Freisinn», urteilt Soziologe Kurt Imhof, «hat den Begriff Nationalstaat verloren.» Und die SVP arbeitet überall dort, wo die eigene Wahlklientel nicht unmittelbar betroffen ist, auf einen Nachtwächterstaat hin. Die CVP hat sich im Zuge der Säkularisierung der Konfessionsparteien weitgehend selber marginalisiert.

Und die Linken? Die Sozialdemokraten sind seit den siebziger Jahren ihres «Patriotismus verlustig gegangen», sagt Imhof. Die Partei hat in den vergangenen drei Jahrzehnten zwar eine gewaltige Integrationsleistung vollbracht und von der Frauen- über die Friedens- bis hin zur Dritte-Welt-Bewegung alles aufgesogen, was an sozialen Bewegungen auf ihrem Radarschirm aufgetaucht ist. Den nationalökonomischen Fokus aber hat sie dadurch vollständig aus dem Blickfeld verloren. Wohl noch nie war die ökonomische Kompetenz der grössten Volkspartei der Schweiz so schwach ausgebildet wie heute.

Und wohl noch selten waren sich die politischen und die wirtschaftlichen Eliten des Landes so fremd. Der internationale Durchmarsch des Neoliberalismus nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hat in der Schweiz die politisch-wirtschaftliche Elite gesprengt und das gemeinsame Mindset aus freisinniger Partei, kollektiv erlebtem Militär und gelebter Miliz aufgelöst. Ein weitgehend uniformer katholisch-konservativer oder freisinnig-protestantischer Erfahrungshintergrund als Teil des Bewusstseins einer gemeinsamen bürgerlichen Elite ist nicht mehr vorhanden. Das Spannungsfeld zwischen zunehmend sklerotischem Staat und dynamischer globaler Wirtschaft hat den Schatz staatstragender Gemeinsamkeiten aufgebraucht.

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In diesem Vakuum staatlicher Autorität gewinnt der fundamentale Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wieder an Bedeutung. Das ist Gift für den auf Ausgleich der Interessen angelegten Gesellschaftsentwurf der Willensnation Schweiz, in der es im Jahre 1937 gelungen ist, die Sozialpartnerschaft an die Stelle des Klassenkampfes zu setzen. Heute ist ein Klassenkampf der modernen Art zu beobachten, in dem an die Stelle des marxschen Klassenbewusstseins meist das Bewusstsein für die eigenen Egoismen tritt.

Beispiel Swiss: Bei der Fluggesellschaft drohen die Piloten der ehemaligen Crossair mit Streik, im Wissen, dass das Unternehmen um das Überleben kämpft und die gewerkschaftlichen Forderungen nur dann erfüllen könnte, wenn unrentable Strecken aufrechterhalten würden.

Beispiel Ciba Spezialitätenchemie: An der Generalversammlung des Basler Multis tritt der Präsident der Personalvertretung Schweiz ans Mikrofon, nutzt die öffentliche Plattform und wirft Konzernchef Armin Meyer «Wortbruch» vor. Dieser hatte noch im Januar 2004 den Mitarbeitern im Werk Klybeck versprochen, den notwendigen Personalabbau ohne Kündigungen zu tätigen. Im Oktober habe Ciba angekündigt, dort achtzig Entlassungen vorzunehmen. Der Gewerkschafter stellt den Konzernchef öffentlich an den Pranger, und dessen Erklärung, stagnierende Märkte in Europa und boomender Absatz in Asien hätten eine Neuevaluation notwendig gemacht, lässt er nicht gelten. Das hat es bei der Ciba noch nie gegeben: Ein Personalvertreter missbraucht das Vertrauen, das er als Sozialpartner geniesst, um öffentlich mit dem CEO abzurechnen, dessen Partner er zu sein vorgibt.

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An der Generalversammlung des deutschen Versicherers Allianz tritt Kleinaktionär Hans-Martin Buhlmann ans Mikrofon. Der Mann hat 161 Allianz-Aktien und eine klare Meinung: «Ich will», sagt er, «eine ordentliche Dividende sehen.» Und auf dem Weg dahin könne es schon einmal zu Massenentlassungen kommen. Dagegen habe er nichts, wenn es der Firma nütze. «Die Aufgabe der Manager ist, das Unternehmen zu fördern», meint er, «sonst nichts.» Dann sagt Hans-Martin Buhlmann noch: «Wir sind alle Heuschrecken.»