Eine Quizfrage: Welche Region Italiens weist die grösste Rebbergfläche auf? Nein, es ist nicht das Piemont, nicht die Toskana und auch nicht das Veneto, obwohl in all diesen Gebieten qualitativ hochstehende und inter­national renommierte Weine erzeugt werden. Es ist Sizilien, wo heute trotz einem Rückgang von rund 35'000 Hektaren in den letzten 15 Jahren immer noch eindrückliche 100'000 Hek­taren mit Reben bestockt sind. Damit ist auf der Mittelmeerinsel die gleiche Fläche mit Reben bepflanzt wie in ganz Deutschland!

Trotz dieser eindrücklichen Zahl und trotz der langen Weinbautradition genossen bis noch vor zwei Jahrzehnten die auf Sizilien erzeugten Weine keinen guten Ruf, handelte es sich doch grösstenteils um banale Massenweine, welche zudem nicht selten als Verschnittweine schmalbrüstigen norditalienischen Tropfen Rückgrat und Farbe verleihen mussten.

Eleganz und Finesse

Doch seit der Mitte der 1990er Jahre befindet sich der Weinbau auf der grössten Mittelmeer­insel im Um- und Aufbruch. Tatsächlich hat sich in kaum einer anderen Weinregion Italiens in den letzten zwei Jahrzehnten so viel getan wie auf Sizilien. Der Aufbruch hatte damit begonnen, dass eine wachsende Zahl von Weinproduzenten auf gut zu vermarktende internationale Rebsorten wie Chardonnay, Cabernet Sauvignon, Merlot und Co. setzte.

Galten diese vollmundig-üppigen Weine als Antwort Italiens auf die ­Konkurrenz aus der Neuen Welt, so besinnen sich die ­Qua­litätsproduzenten seit der Jahr­tausendwende zunehmend auf einheimische ­Sorten. Dabei streben sie nicht mehr nach maximaler Konzentration und internationaler Stilistik, sondern nach der Authentizität des Terroirs sowie nach Eleganz und Finessenreichtum.

Traditionsreicher Nero d'Avola

Die inzwischen wohl bekannteste und angesehenste einheimische Rebsorte Siziliens ist der Nero d’Avola. Er wird auf ganz Sizilien vornehmlich in warmen, tieferen Lagen auf rund 18'000 Hektaren angebaut. Er ist bestens an das trocken-heisse Klima adaptiert und ergibt selbst in heissen Jahren tiefgründig-fruchtige Weine mit guten Säurewerten. Zudem gilt der Nero d’Avola als ausgesprochene Terroirsorte. Da er nicht über einen ausgeprägten Sortencharakter verfügt, bringt er umso mehr die verschiedenen Terroirkomponenten des Anbaugebiets zum Ausdruck.

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Der Nero d’Avola wurde anfangs noch mit internationalen Sorten verschnitten. Heute bringen ihn viele Produzenten auch in reinsor­tigen Versionen auf den Markt. In den meisten Fällen handelt es dabei sich um fruchtig-würzige Tropfen mit geschliffenen, samtigen Tanninen und frischer, harmonisch integrierter Säure. Sie wollen jung, innerhalb der ersten fünf bis sieben Jahre getrunken werden.

Das Blatt hat sich gewendet

Hatte der Nero d’Avola die Rückbesinnung auf die alten einheimischen Rebsorten eingeleitet, so sind in der letzten Zeit die roten Ätna-­Varietäten Nerello Mascalese und Nerello Cappuccio in den Blickpunkt des Interesses einer wachsenden Zahl von Qualitätsproduzenten ­gerückt. Wohl nirgendwo auf Sizilien ist das Potenzial für eigenständige, terroirgeprägte Weine so gross wie auf den Abhängen des höchsten Vulkans ­Europas.

Das gilt nicht nur für die Rotweine, sondern auch für die frisch-fruchtigen, von einer knackigen Säure gestützten Weissweine, die hauptsächlich aus den Sorten Carricante und Catarratto gekeltert werden. Obwohl der Weinbau am Ätna eine lange Tradition hat, wurden hier bis noch vor wenigen Jahren Weinberge ­gerodet, weil sie als unwirtschaftlich galten und EU-Rodungsprämien ausbezahlt wurden.

Doch inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Auch wenn ihre Bearbeitung viel Handarbeit erfordert, sind die Toplagen begehrt wie nie zuvor. Das gilt nicht nur für Weinbaugebiete am Ätna, sondern auch für den Südosten und Nordosten der Insel mit den noch wenig bekannten, aber ebenfalls vielversprechenden Appellationen ­Cerasuolo di Vittoria beziehungsweise Faro. Kenner sind sich einig: Die Zukunft von Siziliens Qualitätsweinbau liegt im Osten. Und einig sind sie sich auch darüber, dass die Zukunft da bereits ihre Fühler in die Gegenwart ausgestreckt hat. Grund genug also, sich mit den Weinen aus Siziliens Osten noch eingehender zu befassen.

Empfehlenswerte Nero-d’Avola-Weine (unter 20 Franken):

La Favola 2014, Tenuta La Favola (www.divo.ch)

Carthago Mandrarossa 2014, Cantine Settesoli 
(www.borgovecchio.ch)

Plumbago 2014, Planeta (www.vergani.ch und 
www.moevenpick-wein.com)

Rossojbleo 2012, Gulfi (www.gerstl.ch)